Distelfalter
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Kurz erklärt
Der Distelfalter ist ein orange-brauner Schmetterling mit schwarzen, weiß gefleckten Flügelspitzen. Er legt die längste bekannte Wanderung aller Schmetterlinge zurück: Jedes Jahr ziehen Distelfalter zwischen Afrika südlich der Sahara und Europa hin und her. Kein Falter schafft die ganze Strecke allein, die Reise verteilt sich auf viele Generationen. Seine Raupen fressen vor allem Disteln und Brennnesseln.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Vanessa cardui |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Flügelspannweite 5 bis 5,6 cm |
| Ernährung | Raupen: vor allem Disteln und Brennnesseln, außerdem Malven, Natternkopf, Beifuß, Kletten und viele weitere Pflanzen; Falter: Blütennektar |
| Lebenserwartung | Vom Ei bis zum Falter etwa 3 Wochen bis 1 Monat; der Falter lebt danach etwa 3 bis 4 Wochen |
| Sozialverhalten | Einzeln oder in Wanderschwärmen; in manchen Jahren fliegen Millionen Falter gleichzeitig in dieselbe Richtung |
| Verbreitung | Fast weltweit: Europa bis Island, Afrika bis südlich der Sahara, Asien und Nordamerika; in Südamerika keine dauerhaften Bestände. Nach Mitteleuropa wandert er jedes Jahr aus dem Süden ein AfrikaAsienEuropaNordamerika |
| Entdeckung | Erstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné als Papilio cardui |
| Gefährdung | LC Nicht gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2020) |
| Sonstiges | In älterer Literatur auch als Cynthia cardui geführt. In Deutschland nicht gefährdet. |
Was ist ein Distelfalter?
Der Distelfalter (Vanessa cardui) ist ein Tagfalter aus der Familie der Edelfalter. Er ist fast auf der ganzen Welt zu Hause und gehört zu den bekanntesten Wanderfaltern. Den Winter verbringt er nicht bei uns: Jedes Jahr wandern Distelfalter aus Afrika nach Europa ein und ziehen im Herbst wieder nach Süden. Zusammen mit dem Monarchfalter aus Nordamerika gilt er als Paradebeispiel für die Wanderungen von Insekten.
Name: Seinen deutschen Namen hat der Distelfalter von den Disteln, an denen seine Raupen gern fressen. Erstmals beschrieben wurde er 1758 als Papilio cardui, in älteren Büchern heißt er auch Cynthia cardui. Im Englischen nennt man ihn Painted Lady, „bemalte Dame“.
Aussehen und Körperbau
Größe: Die Flügel spannen etwa 5 bis 5,6 cm.
Oberseite: Die Flügel sind orange bis orangebraun mit einer dunkelbraunen, fleckigen Zeichnung. Die Spitzen der Vorderflügel sind schwarz und tragen weiße Flecken. Daran erkennt man den Distelfalter am leichtesten.
Unterseite: Die Flügelunterseiten sind unauffällig hellbraun marmoriert.
Raupe: Die Raupen sind ockergelb bis grünbraun und tragen Dornen. An den Seiten verläuft ein heller, unterbrochener Streifen.
Verbreitung und Lebensraum
Fast weltweit: Der Distelfalter kommt in Europa, Afrika, Asien und Nordamerika vor. Nur in Südamerika gibt es nach heutigem Wissen keine dauerhaften Bestände. Distelfalter aus Nordamerika unterscheiden sich im Erbgut von den Faltern aus Europa und Afrika.
In Europa lebt er nur auf Zeit. Jedes Jahr breitet er sich von den Wüstenrändern Nordafrikas, dem Nahen Osten und Zentralasien aus nach Norden aus und besiedelt Europa neu, bis nach Großbritannien, Irland und Island. Den Winter überdauern in Europa nur wenige Tiere: Selbst im Südwesten Europas und im östlichen Mittelmeerraum überleben nur wenige Raupen oder Puppen.
Lebensraum: Am liebsten mögen Distelfalter offenes, trockenes Gelände mit vielen Blüten. In Deutschland findet man sie zum Beispiel an blütenreichen Rändern von Parks und Gärten, auf Brachen, an Straßenrändern und Böschungen sowie auf Wiesen. In guten Jahren tauchen sie fast überall auf.
Ernährung
Raupen: Die Raupen fressen viele verschiedene Pflanzen. Am liebsten mögen sie Disteln, zum Beispiel Kohl- und Kratzdisteln, und Brennnesseln. Außerdem fressen sie an Malven, Natternkopf, Beifuß, Kletten und sogar an manchen Gartenpflanzen. In Afrika nutzen sie wieder andere Pflanzen. Weil die Raupen so wenig wählerisch sind, nahm man lange an, dass die Weibchen überall Futter für den Nachwuchs finden. Untersuchungen in Afrika zeigen aber: Die Pflanzen müssen zur richtigen Zeit frisch wachsen. Fehlen sie, kann das die Wanderung bremsen.
Falter: Die erwachsenen Falter saugen Nektar aus Blüten. Daraus gewinnen sie die Energie für ihre langen Flüge.
Entwicklung: vom Ei zum Falter
Wie alle Schmetterlinge durchläuft der Distelfalter vier Stadien: Ei, Raupe, Puppe und Falter.
- Die Weibchen legen ihre Eier an die Futterpflanzen der Raupen.
- Vom Ei bis zum fertigen Falter dauert es nur etwa drei Wochen. In den heißen Gebieten Afrikas braucht eine Generation etwa einen Monat.
- Der Falter lebt danach etwa drei bis vier Wochen.
Keine Winterpause: Anders als der Monarchfalter legt der Distelfalter keine Ruhephase ein. Er pflanzt sich das ganze Jahr über fort und ist dabei ständig in Bewegung. So entstehen bis zu zehn Generationen pro Jahr.
Die Wanderung zwischen Afrika und Europa
Der Distelfalter legt die längste Wanderung zurück, die man bei Schmetterlingen kennt. Ein vollständiger Kreislauf zwischen Afrika und Europa ist bis zu 15.000 km lang. Kein einzelner Falter fliegt diese Strecke: Die Reise ist ein Staffellauf über viele Generationen. Jede Generation fliegt ein Stück, legt Eier und stirbt, ihre Nachkommen fliegen weiter.
So sieht der Jahreskreislauf nach heutigem Wissen aus:
| Zeit | Wo die Distelfalter sind |
|---|---|
| Frühjahr und Sommer | Von Nordafrika und dem Mittelmeerraum aus wandern mehrere Generationen nacheinander jeweils ein Stück nach Norden, bis nach Nordeuropa und hinauf in die Gebirge. |
| September und Oktober | Die Falter aus Europa fliegen über die Sahara nach Süden. Im Sahel, dem trockenen Gürtel südlich der Wüste, und in den angrenzenden Savannen finden sie frisches Grün und legen Eier. |
| Oktober bis Februar | In Afrika südlich der Sahara können vier bis fünf Generationen entstehen. Sie folgen dem Regen und den frischen Pflanzen nach Süden, bis in Länder wie die Elfenbeinküste, Ghana, Benin, Kamerun, Uganda und Kenia. |
| Februar und März | Wenn es in den afrikanischen Graslandschaften trocken wird, fliegt die letzte Generation vermutlich nach Norden und besiedelt Nordafrika, Arabien und den Mittelmeerraum. Dort beginnt der Kreislauf von vorn. |
Unter den Wanderfaltern Afrikas ist der Distelfalter wahrscheinlich die einzige Art, die regelmäßig die Sahara überquert. Dass seine Winter-Brutgebiete südlich der Sahara liegen, konnten Forschende erst in den letzten Jahren durch Untersuchungen vor Ort in Afrika belegen.
Rekordflug über den Atlantik
Im Oktober 2013 entdeckten Forschende frühmorgens an einem Strand in Französisch-Guayana in Südamerika etwa zehn Distelfalter, die im Sand ruhten. Ihre Flügel waren beschädigt. Mit Erbgut-Analysen, Pollen an ihrem Körper und chemischen Spuren in ihren Flügeln fanden die Wissenschaftler heraus, woher sie kamen:
- Die Falter gehörten zur europäisch-afrikanischen Gruppe, nicht zu den Distelfaltern Nordamerikas.
- An ihrem Körper hafteten Pollen eines Strauchs, der nur in der Sahelzone wächst.
- Wahrscheinlich waren sie in Westeuropa geschlüpft.
Die Falter hatten also den Atlantik überquert: mindestens 4.200 km ohne Pause in fünf bis acht Tagen. Rechnet man den Weg von Europa nach Westafrika dazu, waren es vielleicht 7.000 km oder mehr. Das schafften sie nur mit Hilfe der Passatwinde. Aus eigener Kraft könnte ein Distelfalter ohne Nahrung höchstens etwa 780 km weit fliegen. Die Falter wechselten wohl zwischen kräftigem Flügelschlag und kraftsparendem Gleiten.
Distelfalter in Deutschland
Wie viele Distelfalter in Deutschland ankommen, schwankt von Jahr zu Jahr enorm. Ein Beispiel liefert das Tagfalter-Monitoring Deutschland, bei dem Freiwillige regelmäßig feste Strecken abgehen und alle Falter zählen:
| Jahr | Gezählte Distelfalter |
|---|---|
| 2007 | 821 |
| 2008 | 145 |
| 2009 | 170.898 |
Die Zahlen hängen auch davon ab, wie viele Strecken in einem Jahr gezählt wurden. Der Unterschied ist trotzdem gewaltig.
Im Jahr 2009 gab es eine gewaltige Einwanderung. Mehr als jeder dritte gezählte Tagfalter war ein Distelfalter. Millionen von Faltern flogen gerichtet und parallel in dieselbe Richtung. Das war so ungewöhnlich, dass sogar Menschen ohne Vorwissen darauf aufmerksam wurden.
Feinde und Gefährdung
Gefährdung: Auf der Roten Liste der IUCN gilt der Distelfalter als nicht gefährdet (Least Concern, Einstufung von 2020). Auch in Deutschland und in Großbritannien ist er nicht gefährdet. In Großbritannien hat die Häufigkeit der Distelfalter seit den 1970er-Jahren sogar zugenommen.
Abhängig vom Wetter: Weil der Distelfalter auf seiner Wanderung immer wieder frische Pflanzen braucht, hängt sein Erfolg stark davon ab, wann und wo es regnet. Gerade in Afrika wachsen die Pflanzen oft nur kurze Zeit nach dem Regen. Fehlen sie, kann die Kette der Generationen dort reißen.
Häufige Fragen zum Distelfalter
Woran erkennt man einen Distelfalter?
An den orangebraunen Flügeln mit dunkler Fleckenzeichnung und den schwarzen Vorderflügelspitzen mit weißen Flecken. Die Unterseite ist hellbraun marmoriert. Die Flügelspannweite beträgt etwa 5 bis 5,6 cm.
Wo überwintert der Distelfalter?
Nicht in Deutschland. Im Herbst ziehen die Falter über die Sahara nach Süden. Den europäischen Winter verbringen ihre Nachkommen in Afrika südlich der Sahara, wo sie sich weiter fortpflanzen.
Wie weit fliegt ein Distelfalter?
Der gesamte Wanderkreislauf zwischen Afrika und Europa ist bis zu 15.000 km lang, verteilt auf viele Generationen. Einzelne Falter können mit Rückenwind sogar den Atlantik überqueren, mindestens 4.200 km am Stück.
Was fressen Distelfalter und ihre Raupen?
Die Falter saugen Nektar aus Blüten. Die Raupen fressen vor allem Disteln und Brennnesseln, aber auch Malven, Natternkopf, Beifuß, Kletten und viele weitere Pflanzen.
Wie lange lebt ein Distelfalter?
Der fertige Falter lebt etwa drei bis vier Wochen. Die Entwicklung vom Ei bis zum Falter dauert etwa drei Wochen bis einen Monat.
Ist der Distelfalter gefährdet?
Nein. Er ist weltweit und in Deutschland nicht gefährdet. Wie viele Falter zu uns kommen, schwankt aber stark von Jahr zu Jahr.
Ähnliche Tiere
- Monarchfalter - der berühmte Wanderfalter Nordamerikas
- Schmetterling - Überblick über die Schmetterlinge
- Großer Schillerfalter - ebenfalls ein Edelfalter
- Taubenschwänzchen - ein tagaktiver Falter, der wie der Distelfalter Nektar aus Blüten saugt
- Honigbiene - ebenfalls ein Blütenbesucher
Quellen
- Talavera, G. et al. (2023): The Afrotropical breeding grounds of the Palearctic-African migratory painted lady butterflies (Vanessa cardui). PNAS 120: e2218280120
- Suchan, T. et al. (2024): A trans-oceanic flight of over 4,200 km by painted lady butterflies. Nature Communications 15: 5205
- Distelfalter (Vanessa cardui) - Naturblick, Museum für Naturkunde Berlin
- Tagfalter-Monitoring Deutschland, Jahresbericht 2009 - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
- Painted Lady - Butterfly Conservation
- Vanessa cardui (Linnaeus, 1758) - GBIF Backbone Taxonomy
Größenvergleich
Ein Distelfalter erreicht eine Körpergröße von 5 bis 5,6 cm. Damit passt er bequem zwischen eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) und einen Fußball (22 cm) auf unserer Vergleichsskala. Ein Fußball wäre dagegen noch rund 4-mal so groß.