Grottenolm

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Zwei blasse, rosafarbene Grottenolme mit langem, schlankem Körper und dünnen Beinen liegen auf hellem Höhlengestein
Boštjan Burger / Wikimedia Commons / Public domain

Kurz erklärt

Der Grottenolm ist ein blasser, blinder Schwanzlurch, der in dunklen Höhlengewässern in Südosteuropa lebt. Er behält sein ganzes Leben lang rosarote Kiemenbüschel am Kopf und bleibt immer im Wasser. Obwohl er nur etwa 20 Gramm wiegt, kann er wohl über 100 Jahre alt werden. Damit ist er das langlebigste Amphibium der Welt.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameProteus anguinus
Abstammung
  • Klasse: Amphibien (Lurche)
  • Ordnung: Schwanzlurche (Caudata)
  • Unterordnung: Salamanderverwandte (Salamandroidea)
  • Familie: Olme (Proteidae)
  • Gattung: Proteus
  • Art: Grottenolm
KörpergrößeGesamtlänge 20 bis 30 cm, im Schnitt 23 bis 25 cm; Weibchen werden größer als Männchen
KörpergewichtEtwa 15 bis 20 g
ErnährungFleischfresser: kleine Krebstiere, Insektenlarven, Schnecken und andere kleine Wirbellose
LebenserwartungErwachsene leben im Schnitt etwa 68 Jahre, das Höchstalter wird auf über 100 Jahre geschätzt (Zuchtdaten aus der Höhle von Moulis, Frankreich)
SozialverhaltenGesellig, Männchen verteidigen nur zur Fortpflanzung ein Revier
HerkunftDinarischer Karst in Südosteuropa
Verbreitung Unterirdische Gewässer des Dinarischen Karsts in Slowenien, Nordostitalien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina; ausgesetzte Bestände in Höhlen in Frankreich und Italien Europa
EntdeckungErstbeschreibung 1768 durch Laurenti
GefährdungVU Gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2024)
SonstigesNach einer Studie von 2026 besteht der Grottenolm aus neun eng verwandten Arten. Die Rote Liste der IUCN führt ihn bisher als eine Art.

Was ist ein Grottenolm?

Der Grottenolm (Proteus anguinus) ist ein Schwanzlurch, also ein Verwandter von Molchen und Salamandern. Er lebt in völliger Dunkelheit in unterirdischen Flüssen und Seen in Südosteuropa. Grottenolme sind die einzigen Wirbeltiere Europas, die ganz an das Leben in Höhlen angepasst sind. Im Englischen heißt er auch „human fish“, also „Menschenfisch“.

Der Grottenolm war das erste Höhlenwirbeltier, das wissenschaftlich beschrieben wurde. Das geschah 1768 durch den Naturforscher Laurenti. Bekannt war das Tier aber schon viel früher: Auf Grabsteinen aus dem 15. Jahrhundert in Bosnien und Herzegowina sind Olme eingemeißelt. 1689 erwähnte der Gelehrte Valvasor nach Berichten von Einheimischen ein Wesen, das er als eidechsenartigen Regenwurm beschrieb.

Aussehen und Körperbau

Größe und Gewicht: Grottenolme werden 20 bis 30 Zentimeter lang, die meisten 23 bis 25 Zentimeter. Weibchen sind größer als Männchen. Mit 15 bis 20 Gramm sind sie sehr leicht.

Körperform: Der Körper ist lang, schlank und walzenförmig. An jeder Seite verlaufen etwa zwei Dutzend Querfurchen. Der Schwanz ist seitlich abgeflacht und trägt oben und unten einen kleinen Flossensaum. Die vier Beine sind sehr dünn. Der lange Kopf endet in einer flachen, stumpfen Schnauze, die Forschende mit einem Entenschnabel vergleichen.

Farbe: Die Haut ist meist cremeweiß, oft mit einem rosa Schimmer. Am Bauch ist sie so durchscheinend, dass man die Umrisse der Organe sehen kann. Kommt ein Grottenolm längere Zeit ans Licht, wird seine Haut dunkelviolett bis schwarz. Im Dunkeln wird sie wieder hell.

Kiemen: Hinter dem Kopf sitzen auf jeder Seite drei federartige Kiemenbüschel. Sie sind leuchtend rosa bis rot. Laurenti beschrieb sie schon 1768 als „korallenartig“.

Augen: Die Augen sind winzig und liegen unter der Haut. Der Grottenolm ist praktisch blind. Ganz verloren hat er die Lichtempfindlichkeit aber nicht: Er reagiert auf Licht, und sogar seine Haut kann Helligkeit wahrnehmen. Junge Grottenolme haben besser entwickelte Augen als erwachsene.

Der Schwarze Olm

In einem kleinen Gebiet im Südosten Sloweniens, in der Region Bela krajina, lebt eine besondere Form: der Schwarze Olm. Er wurde erst in den 1980er-Jahren entdeckt. Er hat eine dunkle Haut, einen kürzeren, breiteren Kopf und funktionierende Augen. Er lebt in flachen Karstquellen und kommt nachts und nach Regen oft an die Oberfläche.

Verbreitung und Lebensraum

Grottenolme leben nur im Dinarischen Karst, einem Kalkgebirge entlang der Adria. Ihr Gebiet reicht von Slowenien und dem Nordosten Italiens über Kroatien bis nach Bosnien und Herzegowina. In Höhlen in den französischen Pyrenäen und in Nordostitalien hat der Mensch zusätzlich Grottenolme ausgesetzt.

Unterirdische Gewässer: Im Karst verschwinden Flüsse in Schlucklöchern und fließen unter den Bergen weiter. Grottenolme bewohnen solche unterirdischen Flüsse, Bäche und Seen in Kalksteinhöhlen. Das Wasser ist kalt, meist zwischen 8 und 12 Grad Celsius, und enthält viel Sauerstoff. Oft leben die Tiere tief im Gestein, bei Hochwasser werden sie manchmal in Quellen an die Oberfläche gespült. Höhlentaucher fanden Grottenolme in einem überfluteten Höhlengang in Kroatien in 113 Metern Tiefe.

Ernährung

Grottenolme sind Fleischfresser und fressen fast alles, was in ihr Maul passt. Auf ihrem Speiseplan stehen:

  • kleine Krebstiere wie Höhlenflohkrebse, Höhlengarnelen und Wasserasseln
  • kleine Schnecken und Ringelwürmer
  • Larven von Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Steinfliegen und Zweiflüglern

Um Beute zu finden, braucht der Grottenolm keine Augen. Er riecht und schmeckt sehr gut, nimmt mit seinem Seitenlinienorgan feinste Wasserbewegungen wahr und hört Geräusche im Wasser und im Boden. Außerdem kann er schwache elektrische Felder spüren. Versuche deuten darauf hin, dass er sich auch am Magnetfeld der Erde orientieren kann.

Hungerkünstler: In Höhlen gibt es wenig Nahrung, und oft kommt sie nur unregelmäßig. Grottenolme können deshalb sehr lange hungern. Forschende stellten in Versuchen fest, dass sie dabei ihren Stoffwechsel umstellen, ihre Eiweißreserven lange schonen und in eine Art Starre fallen. Bekommen sie wieder Futter, erholen sie sich sehr schnell.

Verhalten und Lebensweise

Über das Leben der Grottenolme in freier Natur weiß man wenig, denn ihre Höhlen sind für Menschen kaum zugänglich. Meist halten sie sich unter Steinen oder in Spalten auf, oft mehrere Tiere zusammen. Viele Grottenolme sind sehr ortstreu: Bei einer langjährigen Untersuchung in einer Höhle bewegten sich die meisten Tiere weniger als 10 Meter weit, manche blieben jahrelang fast an derselben Stelle.

Grottenolme sind sehr ruhige Tiere mit einem langsamen Stoffwechsel. Einen Tag-Nacht-Rhythmus scheinen sie nicht zu haben.

Für immer Larve: Neotenie

Die meisten Schwanzlurche verwandeln sich von einer Larve mit Kiemen in ein erwachsenes Tier ohne Kiemen. Diese Verwandlung heißt Metamorphose. Beim Grottenolm findet sie nicht vollständig statt. Er behält sein ganzes Leben lang Kiemen und Flossensaum, wird aber trotzdem geschlechtsreif. Fachleute nennen das Neotenie oder Pädomorphose. Beim Grottenolm ist sie obligat, das heißt: Er bleibt immer in dieser Form. Eine ähnliche Besonderheit zeigt der Axolotl aus Mexiko.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Paarung: Grottenolme haben keine feste Paarungszeit. Zur Fortpflanzung besetzen die Männchen ein Revier und verteidigen es gegen Rivalen. Kommt ein Weibchen, fächelt das Männchen ihm mit dem Schwanz Wasser zu. Dann setzt es ein Samenpaket ab, das das Weibchen aufnimmt.

Eier: Zwei bis drei Tage danach beginnt das Weibchen mit der Eiablage, die bis zu 25 Tage dauern kann. Ein Gelege umfasst im Schnitt etwa 35 Eier, höchstens rund 70. Das Weibchen bewacht die Eier. Wie lange sie bis zum Schlüpfen brauchen, hängt von der Wassertemperatur ab: Bei wärmerem Wasser sind es etwa 86 Tage, bei kälterem bis zu 182 Tage. Nur etwa 40 Prozent der Eier schlüpfen.

Junge: Die Jungen sehen schon fast aus wie kleine Erwachsene. Das erste Lebensjahr überlebt nur etwa die Hälfte von ihnen.

Sehr langsames Leben: Grottenolme lassen sich viel Zeit. Sie werden erst mit etwa 14 bis 16 Jahren geschlechtsreif, die Weibchen in Moulis im Schnitt mit 15,6 Jahren. Danach legt ein Weibchen im Schnitt nur alle 12,5 Jahre ein Gelege.

Rekordalter: Über 100 Jahre

Der Grottenolm ist berühmt für sein langes Leben. Möglich wurde die genaue Untersuchung durch eine besondere Höhle bei Moulis in Südfrankreich. Dort richteten Forschende 1952 Becken ein, die den Lebensraum der Grottenolme nachbilden. Ende der 1950er-Jahre begann dort die Zucht, und seit 1958 wurden alle Geburten und Todesfälle aufgezeichnet. Bis 2010 war dies laut den Forschenden das einzige erfolgreiche Zuchtprogramm der Welt, mit über 400 Tieren.

Ein Team um Yann Voituron wertete diese Daten aus und veröffentlichte die Ergebnisse 2011:

  • Erwachsene Grottenolme überleben jedes Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 98,4 Prozent.
  • Ihre durchschnittliche Lebensdauer beträgt 68,5 Jahre.
  • Das mögliche Höchstalter schätzen die Forschenden auf etwa 102 Jahre.
  • Die ältesten Tiere in Moulis waren damals mindestens 48 Jahre alt, wahrscheinlich eher 58, und zeigten keine Alterserscheinungen.

Das Höchstalter ist also eine Hochrechnung und kein gemessenes Alter eines einzelnen Tieres. Trotzdem ist klar: Kein anderes Amphibium wird so alt. Das ist umso erstaunlicher, weil langlebige Tiere meist groß sind. Der nächste langlebige Lurch ist der Japanische Riesensalamander, der über 25 Kilogramm wiegt. Warum der Grottenolm so alt wird, ist noch ungeklärt. Weder sein Grundumsatz noch sein Schutz vor schädlichen Sauerstoffverbindungen unterscheiden sich deutlich von anderen Amphibien.

Neun Arten statt einer?

Lange galt der Grottenolm als eine einzige Art, nur der Schwarze Olm wurde als Unterart geführt. Erbgutuntersuchungen zeigten aber, dass sich die Grottenolme verschiedener Höhlensysteme stark unterscheiden. Ihre Linien haben sich vor etwa 16 bis 4 Millionen Jahren getrennt.

2026 veröffentlichte ein internationales Team um Christophe Dufresnes eine Neuordnung: Es unterscheidet neun Arten, drei davon wurden neu beschrieben. Den Namen Proteus anguinus behält danach nur eine Art aus der Gegend von Stična in Slowenien. Der Schwarze Olm heißt nun Proteus parkelj. Er kommt nur in einem einzigen Quellsystem vor und ist die Art mit dem kleinsten Verbreitungsgebiet. Alle neun Arten haben ein kleines Gebiet. Eine zweite Studie aus demselben Jahr, von einem Team um Peter Trontelj, kommt ebenfalls auf neun Arten. Die Rote Liste der IUCN hat diese Aufteilung noch nicht übernommen.

Feinde und Gefährdung

Feinde: In ihren Höhlen haben Grottenolme keine bekannten Fressfeinde. Wo sie an die Oberfläche kommen, leben in größeren Quelltöpfen Raubfische wie Hechte und Barsche. Forschende vermuten, dass Olme solche Stellen deshalb meiden.

Bedrohungen: Grottenolme sind auf sauberes Grundwasser angewiesen und reagieren empfindlich auf Verschmutzung. Im Karst können Abwässer und Dünger schnell in ihre Gewässer gelangen. In ihrem Gewebe wurden giftige Stoffe wie Quecksilber, Arsen und PCB gefunden. Dünger aus der Landwirtschaft hat in manchen ihrer Gewässer stark zugenommen. An einigen Orten, etwa in der berühmten Höhle von Postojna in Slowenien, werden weniger Tiere gesehen als früher, an anderen sind sie ganz verschwunden. Außerdem werden Grottenolme illegal für den Tierhandel gefangen.

Gefährdungsstatus: Die IUCN stuft den Grottenolm als gefährdet ein (Vulnerable; Miaud et al., 2024). Das Team um Dufresnes empfiehlt, alle neun Arten mindestens als stark gefährdet (Endangered) einzustufen, den Schwarzen Olm und die Art aus der Gegend von Stična sogar als vom Aussterben bedroht (Critically Endangered).

Ein Nationalsymbol: In Slowenien ist der Grottenolm sehr beliebt. Er war auf einer slowenischen Münze abgebildet und lockt viele Besucher in Schauhöhlen.

Häufige Fragen zum Grottenolm

Wie alt wird ein Grottenolm?

Nach Daten aus einer Zuchthöhle in Frankreich leben erwachsene Grottenolme im Schnitt 68,5 Jahre. Das Höchstalter wird auf etwa 102 Jahre geschätzt. Damit ist er das langlebigste Amphibium.

Ist der Grottenolm blind?

Fast. Seine winzigen Augen liegen unter der Haut. Er kann Licht aber noch wahrnehmen, sogar mit der Haut. Nur der Schwarze Olm aus Slowenien hat funktionierende Augen.

Was frisst ein Grottenolm?

Kleine Krebstiere, Insektenlarven, Schnecken und andere winzige Wassertiere. Er findet sie mit Geruchssinn, Seitenlinie und elektrischem Sinn. Lange Hungerzeiten übersteht er gut.

Warum ist der Grottenolm weiß?

Die fehlende Hautfarbe gehört wie die zurückgebildeten Augen zu den typischen Merkmalen von Tieren, die an das Leben in Höhlen angepasst sind. Am Licht färbt sich seine Haut allerdings dunkel.

Ist der Grottenolm mit dem Axolotl verwandt?

Beide sind Schwanzlurche und behalten zeitlebens ihre Kiemen. Eng verwandt sind sie aber nicht. Der Grottenolm gehört zur Familie der Olme, sein nächster lebender Verwandter ist die Gattung Necturus aus Nordamerika.

Ähnliche Tiere

  • Axolotl - ein Schwanzlurch aus Mexiko, der ebenfalls zeitlebens Kiemen behält
  • Teichmolch - ein heimischer Schwanzlurch
  • Tigersalamander - ein nordamerikanischer Schwanzlurch und Verwandter des Axolotls
  • Salamander - Überblick über die Salamander
  • Querzahnmolche - die Familie des Axolotls

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Grottenolm
20 bis 30 cm

Ein Grottenolm erreicht eine Körpergröße von 20 bis 30 cm. Damit passt er bequem zwischen eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) und ein Kind (1,2 m) auf unserer Vergleichsskala. Das bedeutet: Der Grottenolm ist etwa 11-mal so groß wie eine 1-Euro-Münze. Ein Kind wäre dagegen noch rund 5-mal so groß.

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Grottenolm
15 bis 20 g

Mit 15 bis 20 g gehört der Grottenolm zu den leichteren Tieren in unserem Lexikon. Zum Vergleich: Eine 1-Euro-Münze wiegt nur 7,5 g, während eine Tafel Schokolade mit 100 g deutlich mehr auf die Waage bringt.