Seidenraupen
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Kurz erklärt
Seidenraupen sind die Raupen des Seidenspinners, eines Nachtfalters, den Menschen in China seit etwa 5.000 Jahren züchten. Die Raupen fressen fast nur Maulbeerblätter. Zum Verpuppen spinnen sie einen Kokon aus einem einzigen Seidenfaden, der 500 bis 1.500 Meter lang sein kann. Der fertige Falter kann nicht fliegen und frisst nichts mehr.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Bombyx mori |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Raupe etwa 4 cm lang (mit Schwanzhorn); Falter mit etwa 4 cm Flügelspannweite |
| Körpergewicht | Ein frischer Kokon samt Puppe wiegt je nach Zuchtrasse etwa 1,5 bis 2,5 g |
| Ernährung | Die Raupen fressen fast ausschließlich Blätter des Maulbeerbaums, am liebsten des Weißen Maulbeerbaums; die erwachsenen Falter fressen nichts |
| Lebenserwartung | Die Raupen schlüpfen etwa 10 Tage nach der Eiablage, die Puppenruhe im Kokon dauert etwa 2 Wochen; das Weibchen stirbt nach der Eiablage |
| Herkunft | China; gezüchtet aus der Wildform Bombyx mandarina |
| Verbreitung | Nur noch als Zuchttier in Menschenobhut, vor allem in China und Indien; die Wildform Bombyx mandarina lebt in China, Korea, Japan und Indien Asien |
| Entdeckung | Seit etwa 5.000 Jahren in China gezüchtet |
| Sonstiges | Haustierform: Der Seidenspinner lebt nicht mehr in freier Natur und wird von der IUCN nicht bewertet. Seine wilde Stammform ist Bombyx mandarina. |
Ein Insekt als Haustier
Die Seidenraupe ist keine eigene Tierart, sondern die Raupe des Seidenspinners (Bombyx mori). Der Seidenspinner ist ein Nachtfalter und gehört damit zu den Schmetterlingen. Er ist vollständig domestiziert, also ein echtes Haustier. Seit etwa 5.000 Jahren wird er wegen seiner Seide gezüchtet.
Die Zucht hat ihn stark verändert. In freier Natur gilt der Seidenspinner als verschwunden, er lebt nur noch in der Obhut von Menschen. Heute ist er außerdem ein wichtiges Versuchstier: Für die Forschung an Schmetterlingen ist er das wichtigste Modelltier, weil sein Lebenszyklus kurz ist und man ihn leicht in großer Zahl halten kann.
Woher kommt der Seidenspinner?
Der Seidenspinner stammt von einem wilden Falter ab, der Bombyx mandarina heißt. Diese Wildform ist sein nächster Verwandter und lebt heute noch in China, Korea, Japan und Indien. Archäologische Funde und Erbgutstudien zeigen übereinstimmend: Gezüchtet wurde der Seidenspinner zuerst in China. Erbgutvergleiche weisen auf Tiere aus dem Norden Chinas als direkte Vorfahren hin.
Ein Unterschied steckt sogar in den Chromosomen. Der Seidenspinner hat 28 Chromosomenpaare, genau wie die wilden Falter in China. Bei den Wildfaltern in Japan und Südkorea sind es nur 27.
Aussehen
Die Raupe wird etwa 4 Zentimeter lang. Sie ist hell gelblich-beige gefärbt und hat bräunliche Zeichnungen am Vorderkörper. Am Hinterende trägt sie ein kleines Horn. Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen beißt sie Blattstücke ab.
Der Falter ist ebenfalls hell gefärbt und hat feine braune Linien. Seine Flügel spannen etwa 4 Zentimeter.
Ernährung: Was fressen Seidenraupen?
Seidenraupen sind echte Spezialisten. Sie fressen fast nur die Blätter des Maulbeerbaums. Am liebsten mögen sie den Weißen Maulbeerbaum. Die Raupen fressen beinahe ohne Pause.
Weil die Raupen seit Jahrtausenden gezüchtet werden, haben sie Fähigkeiten verloren, die wilde Raupen brauchen. Sie können sich zum Beispiel nicht mehr gut an Pflanzen festklammern. Deshalb müssen Menschen sie mit frischen Blättern versorgen.
Ganz anders der fertige Falter: Er frisst überhaupt nichts. Seine Mundwerkzeuge sind stark zurückgebildet und funktionieren nicht mehr.
Vom Ei zum Falter
Wie alle Schmetterlinge macht der Seidenspinner eine vollständige Verwandlung durch: Ei, Raupe, Puppe, Falter.
- Ei: Nach etwa zehn Tagen schlüpfen aus den winzigen Eiern die Raupen.
- Raupe: Die Raupe frisst und wächst. Dabei häutet sie sich mehrmals. Die Zeit zwischen zwei Häutungen nennt man Larvenstadium. Im letzten Larvenstadium baut sie besonders viel Seideneiweiß auf.
- Kokon und Puppe: Ist die Raupe ausgewachsen, spinnt sie sich in einen Kokon ein. Darin verwandelt sie sich in eine Puppe. Die Puppenruhe dauert etwa zwei Wochen.
- Falter: Der fertige Falter löst den Kokon mit einem Enzym auf und schlüpft. Danach paart er sich. Das Weibchen legt seine Eier und stirbt.
Die Duftsprache der Falter
Um ein Männchen anzulocken, gibt das Weibchen aus einer Drüse an der Spitze seines Hinterleibs einen Lockstoff ab. Riecht ein Männchen ihn, beginnt es aufgeregt mit den Flügeln zu flattern. Diesen „Schwirrtanz“ kennt man vom Seidenspinner besonders gut: Bei ihm wurden solche Lockstoffe, die Pheromone, überhaupt zum ersten Mal entdeckt und benannt.
Ein Falter, der nicht fliegen kann
Obwohl der Seidenspinner Flügel hat, kann er nicht fliegen. Diese Fähigkeit hat er durch die lange Zucht verloren. Seine Flügel sehen zwar fast normal aus, doch Forscher haben 2025 genauer hingeschaut. Im Vergleich zur wilden Stammform Bombyx mandarina entwickeln sich die Flügel schwächer, die Flugmuskeln sind lockerer gebaut und die Flügel schlagen langsamer.
Wie entsteht der Seidenfaden?
Die Seide entsteht in zwei großen Spinndrüsen im Körper der Raupe. Sie münden vorn am Kopf in einer kleinen Öffnung, der Spinnwarze.
- Im hinteren Teil der Drüsen entsteht das Eiweiß Fibroin. Es bildet den festen Kern des Fadens.
- Im mittleren Teil kommt Serizin dazu, ein klebriger Seidenleim. Er umhüllt den Faden und verklebt den Kokon.
Das flüssige Eiweiß wird an der Luft fest. So entsteht ein einziger, ununterbrochener Faden, den die Raupe Lage für Lage um sich herum legt. Der Faden ist sehr reißfest und 500 bis 1.500 Meter lang.
Die Kokons sehen je nach Zuchtrasse unterschiedlich aus. Japanische Rassen spinnen Kokons in Erdnussform, chinesische eher ovale und europäische lang gestreckte Kokons. Ihre Farbe stammt aus dem Seidenleim und wäscht sich bei der Verarbeitung aus.
Von der Raupe zum Seidenstoff
In der Seidenzucht dürfen die Falter meist nicht schlüpfen. Beim Schlüpfen würden sie den Kokon mit ihrem Enzym auflösen und den langen Faden zerstören. Deshalb werden die Puppen im Kokon mit Dampf, heißer Luft oder Kälte getötet. Die Wärme weicht danach den Seidenleim auf, sodass man den Faden abwickeln kann.
Ein einzelner Faden ist zu dünn, um daraus Stoff zu weben. Darum werden mehrere Fäden zusammengelegt und leicht verdreht. Diesen Vorgang nennt man Haspeln. Von der gesamten Fadenlänge eines Kokons lassen sich etwa 80 Prozent abwickeln, der Rest ist Abfall. Tierschützer kritisieren, dass die Puppen dabei lebendig getötet werden.
Seide und die Seidenstraße
Die Seidenzucht ist eng mit der Geschichte Chinas verbunden. Schon Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus, also vor über 4.000 Jahren, nutzten Menschen dort die Seidenraupe. Lange Zeit hatte China ein Monopol auf Seide.
Später verbreitete sich der Seidenspinner entlang der berühmten Seidenstraße. Unterwegs entstanden verschiedene regionale Zuchtrassen. Von China aus kam er auch in andere Länder Asiens, um dort Rohseide zu gewinnen.
Seide ist bis heute ein Luxusstoff. Am weltweiten Markt für Naturfasern macht sie weniger als ein Prozent aus. In den 1990er Jahren stammten über 70 Prozent der Rohseide aus China, auf Platz zwei folgte Indien.
Seidenraupen in der Forschung
Weil man Seidenraupen so leicht züchten kann, verändern Forscher heute gezielt ihr Erbgut. Einige Beispiele:
- Spinnenseide: Forscher haben ein Gen für Spinnenseide in das Erbgut der Seidenraupe eingebaut. Die veränderten Raupen spinnen dann Spinnenseide. Diese gilt als besonders fest, zäh und leicht. Gewicht für Gewicht ist Spinnenseide belastbarer als Stahl und sogar als die Kunstfaser Kevlar.
- Neues Futter: Normalerweise sind Seidenraupen ganz auf Maulbeerblätter angewiesen. Schaltet man ein bestimmtes Gen aus, fressen die Raupen auch Eichenblätter, Äpfel, Birnen, Sojabohnen und Mais.
- Kokon für immer: Bei anderen veränderten Faltern fehlt das Enzym, mit dem sie den Kokon öffnen. Sie schlüpfen zwar aus der Puppe, kommen aber nicht aus dem Kokon heraus und sterben darin. Der Seidenfaden bleibt dabei ganz.
Ist der Seidenspinner gefährdet?
Nein. Der Seidenspinner ist ein Haustier und wird in großer Zahl gezüchtet. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat ihn deshalb nicht bewertet. In freier Natur kommt er nicht mehr vor. Seine wilde Stammform Bombyx mandarina lebt dagegen weiterhin in Ostasien und Indien.
Häufige Fragen zur Seidenraupe
Was fressen Seidenraupen?
Seidenraupen fressen fast ausschließlich Blätter des Maulbeerbaums, am liebsten vom Weißen Maulbeerbaum. Der erwachsene Falter frisst gar nichts mehr, weil seine Mundwerkzeuge nicht funktionieren.
Wie lang ist der Seidenfaden eines Kokons?
Ein Kokon besteht aus einem einzigen, ununterbrochenen Faden. Er ist 500 bis 1.500 Meter lang. Davon lassen sich etwa 80 Prozent abwickeln.
Können Seidenspinner fliegen?
Nein. Der Seidenspinner hat zwar Flügel, kann aber nicht fliegen. Durch die jahrtausendelange Zucht sind seine Flügel und Flugmuskeln schwächer geworden als bei seinen wilden Verwandten.
Wie lange gibt es schon Seidenraupenzucht?
Die Seidenzucht begann in China. Fachleute gehen davon aus, dass die Domestizierung vor etwa 5.000 Jahren einsetzte. Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus wurde Seide dort bereits genutzt.
Wie groß wird eine Seidenraupe?
Eine ausgewachsene Seidenraupe ist etwa 4 Zentimeter lang, das kleine Horn am Hinterende mitgezählt. Der Falter hat eine Flügelspannweite von etwa 4 Zentimetern.
Gibt es Seidenspinner in freier Natur?
Der Seidenspinner selbst lebt nur noch in Menschenobhut. Seine wilde Stammform Bombyx mandarina gibt es aber noch, zum Beispiel in China, Korea und Japan.
Ähnliche Tiere
- Raupe - Raupen sind die Larven aller Schmetterlinge
- Schmetterling - die Insektenordnung, zu der der Seidenspinner gehört
- Nachtfalter - der Seidenspinner ist ein Nachtfalter
- Honigbiene - ebenfalls ein Nutzinsekt
Quellen
- Lee, Y.-W. (1999): Silk reeling and testing manual. FAO Agricultural Services Bulletin 136, Food and Agriculture Organization of the United Nations, Kapitel 1 und 2
- Sun, Q. et al. (2026): CRISPR-Mediated Silkworm: The Oncoming Agricultural Revolutions and a Rising Model Organism. Genes 17: 230
- Herhold, H. et al. (2026): Convergence of alimentary air inflation and adult non-feeding in insects, and possible adaptive functions. PLOS One 21: e0351543
- Wang, M. et al. (2025): Insufficient wing development possibly contributes to flightlessness of the silkworm Bombyx mori during domestication. Proceedings of the Royal Society B 292
- Kim, M. et al. (2022): Phylogeographic Relationships among Bombyx mandarina Populations and Their Relationships to B. mori. Biology 11: 68
- Bombyx mori (silkworm) - Animal Diversity Web, University of Michigan Museum of Zoology
Größenvergleich
Stell dir vor, du stellst eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) neben eine Seidenraupen: Die Seidenraupen ist größer. Neben einem Fußball (22 cm) wirkt sie mit ihren 4 cm aber wiederum geradezu winzig.