Stellers Seekuh
Zuletzt aktualisiert:

Kurz erklärt
Stellers Seekuh war größer als jede heute lebende Seekuh und lebte im kalten Nordpazifik. Sie hatte keine Zähne und fraß Seetang in flachen Küstengewässern. 1741 entdeckten europäische Seefahrer die Tiere rund um die Kommandeurinseln, nur 27 Jahre später war die Art durch Jagd ausgerottet. Heute gilt sie als eines der bekanntesten Beispiele für ein vom Menschen ausgelöschtes Meerestier.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Hydrodamalis gigas |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | 7,5 bis 7,9 m |
| Körpergewicht | 8 t |
| Ernährung | Pflanzenfresser: vor allem Braun- und Rotalgen, dazu wenig Seegras |
| Lebenserwartung | Unbekannt |
| Sozialverhalten | Lebte in Herden aus Männchen, Weibchen und Jungtieren |
| Herkunft | Nordpazifik |
| Verbreitung | Zuletzt nur noch in flachen Küstengewässern im Beringmeer, vor allem um die Kommandeurinseln Meer |
| Entdeckung | Von Europäern 1741 entdeckt und beschrieben durch Georg Wilhelm Steller, wissenschaftlich benannt 1780 durch Zimmermann |
| Gefährdung | EX Ausgestorben (Rote Liste der IUCN, 2016) |
| Sonstiges | Ausgestorben. 1741 entdeckt und bereits 1768 ausgerottet, also nach rund 27 Jahren. Körpergröße: Steller maß an einem Weibchen 7,5 m, aus Skelettfunden ergibt sich eine Obergrenze von etwa 7,9 m. Gewicht: Mittelwert der veröffentlichten Schätzungen, die Spanne reicht von 5,4 bis 11,2 t. |
Was war Stellers Seekuh?
Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas) war ein riesiges Meeressäugetier aus der Ordnung der Seekühe. Ihre nächsten heute lebenden Verwandten sind der Dugong und die Manatis, zu denen auch die Rundschwanzseekuh gehört. Alle vier heute noch lebenden Seekuharten leben in warmen, tropischen Gewässern. Stellers Seekuh war die einzige Art, die sich an das kalte Wasser des nördlichen Pazifiks angepasst hatte.
Die Art ist nach dem deutschen Naturforscher Georg Wilhelm Steller benannt. Er sah die Tiere 1741 als erster Wissenschaftler lebend, und fast alles, was wir über ihr Verhalten wissen, geht auf seine Aufzeichnungen zurück. 1768, nur 27 Jahre später, war die Art ausgerottet.
Aussehen und Körperbau
Stellers Seekuh hatte einen walzenförmigen, dunkelbraunen bis schwarzen Körper mit rundem Bauch. Kopf und Hals waren kurz und kaum vom Rumpf abgesetzt, die Augen klein, äußere Ohrmuscheln fehlten. Die Nasenlöcher saßen paarweise nahe an der Schnauzenspitze, rund um das Maul standen viele dicke Borsten. Am Ende des Körpers saß eine breite, gegabelte Schwanzflosse, ähnlich wie bei einem Wal.
Zähne besaßen die erwachsenen Tiere nicht mehr. Stattdessen trugen sie im Maul große Hornplatten, mit denen sie ihre Nahrung zerquetschten. Die Haut war ungewöhnlich: eine dicke, schwarze, rindenartige Schicht, die den Körper vermutlich vor scharfen Felsen im flachen Wasser schützte. Unter der Haut lag eine Speckschicht, die nach Stellers Angaben stellenweise bis zu 10 Zentimeter dick war.
Die Vorderextremitäten waren kurz, stummelartig und hakenförmig gebogen, Fingerknochen fehlten. Steller beschrieb, wie sich die Tiere damit im flachen Wasser voranzogen, während sie fraßen. Steller und andere Augenzeugen berichteten außerdem, dass die Seekühe nicht tauchen und ihren Körper nicht ganz untertauchen konnten. Domning hielt 1978 dagegen, dass sie sehr wohl tauchen konnten, auch wenn sie die meiste Zeit an der Oberfläche trieben. Der starke Auftrieb hing nach Domning mit der schieren Körpergröße zusammen: große Lungen, ein großer Darm und eine dicke Speckschicht drücken ein Tier nach oben. Ein Vorteil war das durchaus, denn so kamen die Seekühe leicht in ganz flaches Wasser zum Fressen.
Wie groß war Stellers Seekuh wirklich?
Steller maß an einem Weibchen eine Länge von 296 Zoll, das entspricht 7,5 Metern. Größere Tiere wurden immer wieder behauptet. Der Sirenienforscher Daryl Domning untersuchte 1978 das vorhandene Skelettmaterial und kam auf eine Obergrenze von etwa 7,9 Metern. Populäre Darstellungen, darunter ein Beitrag des Natural History Museum in London, nennen bis zu 10 Meter Länge und 11 Tonnen Gewicht.
Beim Gewicht gehen die Angaben ebenfalls auseinander. Die veröffentlichten Schätzungen reichen von 5.400 bis 11.196 Kilogramm, das Animal Diversity Web gibt einen Mittelwert von 8.000 Kilogramm an. Selbst mit der vorsichtigen Schätzung war Stellers Seekuh damit deutlich schwerer als ein ausgewachsener männlicher Schwertwal, der auf etwa 8 Meter Länge und bis zu 6 Tonnen kommt.
Das Natural History Museum zählt die enorme Größe zu den Anpassungen an das kalte subarktische Wasser. Domning wies allerdings darauf hin, dass das Beringmeer für die Tiere kein optimaler Lebensraum war. Möglicherweise hätten sie anderswo sogar noch größer werden können.
Verbreitung und Lebensraum
Zur Zeit ihrer Entdeckung lebte Stellers Seekuh nur noch in den Küstengewässern der Kommandeurinseln und der Nahen Inseln im Beringmeer. Berichte von anderen Orten lassen sich nicht bestätigen.
Früher war das Verbreitungsgebiet viel größer. Fossilien der Gattung Hydrodamalis wurden entlang der Küsten Japans und Nordamerikas gefunden, Reste einer verwandten Art sogar bis hinunter nach Südkalifornien. Die Tiere, die Steller 1741 antraf, waren also wahrscheinlich nur noch ein kleiner Rest einer einst weit verbreiteten Art.
Stellers Seekühe hielten sich in kalten, flachen Küstengewässern auf, in denen viele Algen wuchsen. Oft standen die Herden nahe an Flussmündungen. Das deutet darauf hin, dass die Tiere Süßwasser brauchten und Meerwasser nicht vertrugen.
Ernährung
Stellers Seekuh war reiner Pflanzenfresser. Nach Stellers Beschreibungen der Pflanzen, die er die Tiere fressen sah, standen Braun- und Rotalgen im Vordergrund, Seegras spielte nur eine kleine Rolle. Gefressen wurde an der Wasseroberfläche oder von Felsen im flachen Wasser.
Der ganze Kopf war auf diese Kost ausgerichtet. Statt Zähnen gab es Hornplatten mit ineinandergreifenden Rillen, die Lippen waren sehr beweglich und dienten zum Abrupfen. Möglicherweise riss die Seekuh den Tang einfach ab und schluckte ihn fast unzerkleinert. Dafür war ihr Darm stark vergrößert, die Verdauung erledigte also die Arbeit, die andere Tiere mit den Zähnen leisten. Auch die hakenförmigen Vorderextremitäten halfen wahrscheinlich dabei, Pflanzen von Felsen zu lösen.
Im Winter wurde die Nahrung knapp. Steller beschrieb Tiere, bei denen sich Rippen und Wirbel unter der Haut abzeichneten.
Verhalten und Fortpflanzung
Stellers Seekühe lebten gesellig in Herden, zu denen Männchen, Weibchen und Jungtiere gehörten. Die Jungen schwammen in der Mitte der Gruppe. Steller berichtete, dass Herdenmitglieder versuchten, gefangenen Tieren zu helfen: Als Seeleute ein Weibchen erlegten, schwamm ein Männchen dem Boot hinterher und rammte es, und es folgte dem Boot bis zum Strand, auch als das Weibchen längst tot war.
Über die Fortpflanzung ist wenig bekannt. Steller hielt die Tiere für monogam. Die Paarung fand offenbar vor allem im Frühjahr statt, die meisten Jungen kamen im Frühherbst zur Welt, immer nur eines pro Wurf. Steller schätzte die Tragzeit auf über ein Jahr. Diese langsame Vermehrung wurde der Art zum Verhängnis.
Auffällig war die Furchtlosigkeit der Tiere. Boote konnten mitten in eine Herde rudern, und Menschen konnten bis zu ihnen ins flache Wasser waten, ohne dass die Seekühe reagierten.
Entdeckung und Ausrottung
1741 war Georg Wilhelm Steller als Naturforscher auf einer russischen Expedition unterwegs, die Kapitän Vitus Bering leitete. Nach ihm ist bis heute das Beringmeer benannt. Das Schiff strandete auf einer Insel, die heute Beringinsel heißt. Dort sah Steller die riesigen Seekühe und beschrieb sie als erster Wissenschaftler.
Der Bericht über die Insel löste eine Welle von Pelzjägern aus. Russische Händler hatten dort riesige Bestände an Seeottern gefunden, deren Felle in Europa gefragt waren. Die Route zwischen Russland und Nordamerika führte genau durch das Gebiet der Seekühe. Für die Jäger war das Fleisch ein willkommener Vorrat: Berichten zufolge konnte eine einzige Seekuh 33 Männer einen Monat lang ernähren.
Die Jagd war äußerst verschwenderisch. Häufig harpunierten die Jäger ein Tier und ließen es davonschwimmen, in der Hoffnung, dass es später verenden und an den Strand treiben würde. Eine Modellrechnung von Samuel Turvey und Clive Risley aus dem Jahr 2006 wertete die Jagdaufzeichnungen russischer Expeditionen aus. Ergebnis: Die Seekühe wurden mehr als siebenmal so stark bejagt, wie es der Bestand ausgehalten hätte. Die beiden Forscher prüften auch die Vermutung, ein Rückgang der Seeotter und eine dadurch ausgelöste Explosion der Seeigelbestände hätten die Algenwälder vernichtet. Ihr Ergebnis: Dafür spricht nichts, die Jagd allein reicht als Erklärung.
Bereits im November 1755 soll es eine Anordnung gegeben haben, die Jagd auf die Seekühe zu verbieten. Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon sehr selten. Wann genau das letzte Tier starb, weiß niemand. Sicher ist, dass die Art 1768 ausgerottet war. Die IUCN führt sie in der Roten Liste als ausgestorben (EX).
Was Forschung heute noch herausfindet
2021 gelang es einem Forschungsteam, das Erbgut von Stellers Seekuh aus Knochenfunden zu entschlüsseln. Das Ergebnis zeigt: Die letzte Population war genetisch sehr wenig vielfältig, vergleichbar mit den letzten Wollhaarmammuts auf der Wrangelinsel vor 4.000 Jahren. Der Niedergang der Art begann demnach schon lange, bevor die ersten steinzeitlichen Menschen die Beringregion erreichten. Die Pelzjäger des 18. Jahrhunderts trafen also auf eine Art, die ohnehin schon geschwächt war, und gaben ihr innerhalb weniger Jahrzehnte den Rest.
Knochen und Skelette der Art sind selten. Ein Skelett ist im Natural History Museum in London ausgestellt, viele weitere Fundstücke gelangten im 18. Jahrhundert nach Russland. An einzelnen Wirbeln sind bis heute die Schnittspuren der Jäger zu erkennen.
Häufige Fragen zu Stellers Seekuh
Wie groß war Stellers Seekuh?
Georg Wilhelm Steller maß an einem Weibchen 7,5 Meter. Aus den erhaltenen Skeletten leitete der Forscher Daryl Domning eine Obergrenze von rund 7,9 Metern ab. In populären Darstellungen findet man auch Angaben bis 10 Meter. Das Gewicht wird meist mit etwa 8 Tonnen angegeben, die Schätzungen reichen von 5,4 bis 11,2 Tonnen.
Wann starb Stellers Seekuh aus?
1768, also nur 27 Jahre nachdem europäische Seefahrer die Art 1741 entdeckt hatten. Wann genau das letzte Tier starb, ist nicht überliefert.
Warum wurde Stellers Seekuh ausgerottet?
Pelzjäger auf dem Weg zwischen Russland und Nordamerika nutzten die Tiere als Fleischvorrat. Die Jagd war verschwenderisch und mehr als siebenmal so stark, wie der Bestand es vertragen hätte. Dazu kam, dass die Seekühe sich sehr langsam vermehrten und ohnehin nur noch in einem kleinen Gebiet lebten.
Was hat Stellers Seekuh gefressen?
Vor allem Braun- und Rotalgen, also Seetang, dazu ein wenig Seegras. Zähne hatte sie keine, sondern Hornplatten im Maul. Gefressen wurde in flachen Küstengewässern nahe der Oberfläche.
Gibt es Stellers Seekuh vielleicht doch noch?
Nein. Die Art gilt seit 1768 als ausgestorben, und die IUCN führt sie in der Roten Liste als ausgestorben (EX). Seit dem 18. Jahrhundert gibt es keinen bestätigten Nachweis mehr.
Welche Tiere sind mit Stellers Seekuh verwandt?
Am nächsten stehen ihr der Dugong und die Manatis, zusammen bilden sie die Ordnung der Seekühe. Stellers Seekuh gehörte wie der Dugong zur Familie der Gabelschwanzseekühe.
Ähnliche Tiere
- Dugong - der nächste lebende Verwandte, ebenfalls mit gegabelter Schwanzflosse
- Rundschwanzseekuh - ein Manati mit rundem Schwanz, lebt in Amerika
- Seeotter - wegen seines Fells jagten Pelzhändler im Beringmeer, dabei wurde die Seekuh mitgenommen
- Walross - ein weiteres großes Meeressäugetier der Arktis
- Wollhaarmammut - ausgestorbene Eiszeitart, deren letzte Population ähnlich wenig Erbgutvielfalt hatte
- Dodo - ein weiteres berühmtes Beispiel für ein vom Menschen ausgerottetes Tier
- Säugetiere - alle Säugetiere im Lexikon
- Tiere mit S - weitere Tiere, die mit S beginnen
Quellen
- Hydrodamalis gigas - Animal Diversity Web, University of Michigan
- Steller's sea cow: the first historical extinction of a marine mammal at human hands - Natural History Museum, London
- Turvey, S.T., Risley, C.L. (2006): Modelling the extinction of Steller's sea cow. Biology Letters 2
- Sharko, F.S. et al. (2021): Steller's sea cow genome suggests this species began going extinct before the arrival of Paleolithic humans. Nature Communications 12
- Domning, D. (2016): Hydrodamalis gigas. The IUCN Red List of Threatened Species 2016
Größenvergleich
Eine Stellers Seekuh erreicht eine Körpergröße von 7,5 bis 7,9 m. Damit passt sie bequem zwischen eine Giraffe (5,5 m) und ein Haus (10 m) auf unserer Vergleichsskala.
Gewichtsvergleich
Eine Stellers Seekuh bringt 8 t auf die Waage. Das ist schwerer als ein Elefant (5 t), aber leichter als ein Schulbus (12 t).