Arthropleura

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Fossil eines Arthropleura-Panzers mit vielen gleich geformten Körpersegmenten auf einer Gesteinsplatte
Ghedoghedo / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Kurz erklärt

Arthropleura war ein riesiger Verwandter der Tausendfüßer, der im Karbon und frühen Perm lebte. Der größte bekannte Fund lässt auf ein Tier von etwa 2,6 Metern Länge und rund 50 Kilogramm schließen. Damit ist Arthropleura der größte Gliederfüßer, der jemals auf der Erde gelebt hat. Die Gattung starb vor etwa 290 Millionen Jahren aus, lange vor den ersten Dinosauriern.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameArthropleura
Abstammung
  • Klasse: Doppelfüßer
  • Ordnung: Arthropleurida
  • Familie: Arthropleuridae
  • Gattung: Arthropleura
  • Art: Mehrere Arten, darunter Arthropleura armata
Körpergröße2,6 m
KörpergewichtAuf bis zu 50 kg geschätzt
ErnährungNicht sicher geklärt, vermutlich pflanzliche Reste aus der Laubstreu
LebenserwartungUnbekannt
SozialverhaltenUnbekannt
HerkunftEuropa und Nordamerika
Verbreitung Fossilfunde in England, Frankreich, Deutschland und Nordamerika EuropaNordamerika
EntdeckungGattung 1854 von Hermann Jordan beschrieben
SonstigesAusgestorben. Lebte vor etwa 346 bis 290 Millionen Jahren im Karbon und frühen Perm. Größter bekannter Gliederfüßer der Erdgeschichte.

Der größte Gliederfüßer aller Zeiten

Gliederfüßer sind die artenreichste Tiergruppe der Erde: Insekten, Spinnen, Krebse, Tausendfüßer und ihre Verwandten gehören dazu. Das größte Tier, das diese Gruppe je hervorgebracht hat, lebte vor mehr als 300 Millionen Jahren und heißt Arthropleura. Der Aufsatz von Neil Davies und Kollegen, der 2021 im Journal of the Geological Society erschien, trägt die Bezeichnung "Der größte Gliederfüßer der Erdgeschichte" sogar im Titel. Auch die Studie von 2024 im Fachblatt Science Advances nennt Arthropleura "den größten Gliederfüßer aller Zeiten".

Wie deutlich der Vorsprung ist, beschreibt die Universität Cambridge: Arthropleura war größer als die urzeitlichen Seeskorpione, die den Rekord vorher hielten. Ein ausgewachsenes Tier war ungefähr so lang wie ein Kleinwagen.

Aussehen und Körperbau

Arthropleura sah aus wie ein überdimensionierter Tausendfüßer. Der flache, breite Körper bestand aus vielen gleichartigen Segmenten, die jeweils zwei Beinpaare trugen. Genau dieses Merkmal ist typisch für Doppelfüßer, zu denen auch die heutigen Tausendfüßer zählen. Über den Rücken lag ein Panzer mit einer feinen, warzigen Oberfläche, an der Fachleute einzelne Bruchstücke bis heute erkennen.

Die Größenangaben stammen aus Hochrechnungen. Das bislang größte Fossil ist ein Panzerstück von 76 mal 36 Zentimetern. Daraus ergibt sich ein Tier von etwa 55 Zentimetern Breite und bis zu 2,63 Metern Länge, die Pressemitteilung der Universität Cambridge nennt rund 2,7 Meter. Das Gewicht schätzten die Forscher auf etwa 50 Kilogramm, also so viel wie ein großer Hund. Die vorher bekannten, größten zusammenhängenden Funde stammen aus Deutschland und deuteten auf etwa 2 Meter Länge hin.

Augen besaß Arthropleura ebenfalls. Die Computertomografie zeigte 2024 keulenförmige Augenstiele. Wie die Augen im Inneren aufgebaut waren, ist nicht erhalten. Die Forscher gehen nach dem Vergleich mit Verwandten von Facettenaugen aus, sicher ist das aber nicht.

Wann und wo Arthropleura lebte

Arthropleura lebte nach Angaben des Natural History Museum vor etwa 346 bis 290 Millionen Jahren. Das ist das Karbon und der Beginn des Perms, eine Zeit lange vor den Dinosauriern. Die Universität Cambridge nennt für die Gattung eine Lebensdauer von rund 45 Millionen Jahren.

Fossilien sind seit rund 170 Jahren bekannt. Die wichtigsten Funde kommen aus Großbritannien, aus Kontinentaleuropa und aus Nordamerika. Alle Fundstellen lagen zur Lebenszeit der Tiere in Äquatornähe, damals herrschte dort ein tropisches Klima.

Lange galt Arthropleura als typisches Tier der Kohlesümpfe, weil die meisten Fossilien aus solchen Ablagerungen stammen. Der Fund von Northumberland zeigte jedoch, dass die Tiere auch in offenem Waldland in Küstennähe lebten. In der Nähe des Fossils fanden sich Spuren eines großen vierfüßigen Wirbeltiers, beide Tiere teilten sich also denselben Lebensraum.

Der Fund von Howick Bay

Das größte bekannte Arthropleura-Fossil wurde 2018 in der Howick Bay in Northumberland im Norden Englands entdeckt, und zwar durch einen glücklichen Zufall. Ein Felsblock war von der Klippe gestürzt und dabei so aufgebrochen, dass das Fossil freilag. Ein ehemaliger Doktorand entdeckte es beim Vorbeigehen.

Bei dem Stück handelt es sich vermutlich nicht um ein totes Tier, sondern um eine abgestreifte Haut. Arthropleura häutete sich wie alle Gliederfüßer, um zu wachsen. Der leere Panzer füllte sich anschließend mit Flusssand, dadurch blieb seine Form erhalten. Das ist ungewöhnlich: Meist zerfielen die Körper nach dem Tod, und es blieben nur einzelne Bruchstücke übrig. Der Fund aus Howick Bay ist erst das dritte weitgehend zusammenhängende Exemplar überhaupt, die beiden anderen stammen aus Deutschland und sind deutlich kleiner.

Das Gestein, in dem das Fossil lag, ist etwa 326 Millionen Jahre alt und gehört zu einem verfüllten Flusslauf. Heute ist der Fund im Sedgwick Museum of Earth Sciences in Cambridge ausgestellt.

Ein Kopf klärt die Verwandtschaft

Über 150 Jahre lang kannte man von Arthropleura nur Körperteile, aber keinen vollständigen Kopf. Das änderte sich 2024. In einem Kohlebergwerk bei Montceau-les-Mines in Frankreich waren in den 1970er Jahren Gesteinsknollen aus Siderit geborgen worden, in denen Tiere besonders fein erhalten sind. Mit Mikro-Computertomografie und Synchrotronstrahlung durchleuchtete ein Forschungsteam zwei dieser Knollen und machte darin zwei Jungtiere sichtbar, nur 25 und 40 Millimeter lang.

Das Ergebnis überraschte: Der Kopf trägt Merkmale, die man sonst von Hundertfüßern kennt, etwa eingeschlossene Mandibeln und zwei Paar Kopfgliedmaßen dahinter. Der Körper mit seinen zwei Beinpaaren pro Segment ist dagegen typisch für Doppelfüßer. Die Forscher kombinierten die Fossilbefunde mit Erbgutdaten heutiger Arten. Danach sind Hundertfüßer und Doppelfüßer enger miteinander verwandt als bisher angenommen, und Arthropleura steht an der Basis der Doppelfüßer.

Ernährung: bis heute ein Rätsel

Was Arthropleura fraß, ist nicht geklärt. Weil bei den meisten Funden die Mundwerkzeuge fehlten, gab es lange Streit darüber. Manche Forscher berichten von Pflanzenresten im Darmbereich einzelner Fossilien, andere zweifeln diese Befunde an.

Die neuen Kopffunde liefern ein Argument: Arthropleura besaß keine Giftklauen und keine zum Greifen umgebauten Beine, wie sie Räuber unter den Hundertfüßern haben. Auch die Beine waren eher auf langsames Laufen ausgelegt. Deshalb halten die Fachleute des Natural History Museum es für wahrscheinlich, dass sich Arthropleura wie heutige Tausendfüßer von abgestorbenem Pflanzenmaterial ernährte. Das Waldland des Karbons bot reichlich Nahrung: In der Laubstreu lagen nahrhafte Samen und Nüsse. Ganz ausschließen lässt sich aber nicht, dass die Tiere auch kleine Wirbellose oder Amphibien fraßen.

Warum wurde Arthropleura so groß?

Im Karbon war nicht nur Arthropleura riesig. Auch libellenähnliche Riesenurlibellen erreichten die Spannweite von Vögeln, und es gab Skorpione von beachtlicher Größe. Eine gängige Erklärung lautet: Die Luft enthielt damals viel mehr Sauerstoff. Heute sind es rund 21 Prozent, im Karbon waren es zeitweise über 26 und sogar über 30 Prozent. Gliederfüßer atmen über feine Röhren, die Tracheen, und bei denen gelangt Sauerstoff nur langsam ins Körperinnere. Mehr Sauerstoff in der Luft würde also größere Körper ermöglichen.

Ganz sicher ist diese Erklärung nicht. Das Fossil aus Northumberland stammt aus einer Zeit, in der der Sauerstoffgehalt nur wenig über dem heutigen lag. Andere Forscher vermuten, dass das Fehlen fliegender Fressfeinde oder andere Faktoren die Riesenwüchsigkeit begünstigten.

Fortpflanzung und Wachstum

Wie sich Arthropleura paarte, ist nicht überliefert. Über das Wachstum verrät der Vergleich verschiedener Fossilien aber etwas: Die Tiere hatten unterschiedlich viele Körpersegmente. Offenbar kamen neue Segmente nach und nach dazu, bis eine feste Höchstzahl erreicht war. So machen es die meisten heutigen Doppelfüßer, während viele Hundertfüßer bereits mit allen Segmenten schlüpfen. Arthropleura erreichte seine volle Größe also erst mit oder nach der Geschlechtsreife.

Nicht jede Art wurde riesig. Die Spuren aus Montceau-les-Mines deuten darauf hin, dass die dort gefundenen Tiere höchstens etwa 40 Zentimeter lang wurden. Die Rekordlängen von über zwei Metern gehören zu den größten Arten der Gattung.

Warum starb Arthropleura aus?

Nach rund 45 Millionen Jahren verschwand Arthropleura im Perm. Warum, ist unklar. Die Forscher aus Cambridge nennen zwei mögliche Gründe: eine globale Erwärmung, die das Klima für die Tiere zu trocken machte, und den Aufstieg der Reptilien, die ihnen die Nahrung streitig machten und bald dieselben Lebensräume beherrschten. Einen Gliederfüßer dieser Größe hat es seitdem nie wieder gegeben.

Häufige Fragen zu Arthropleura

Wie groß war Arthropleura wirklich?

Aus dem größten bekannten Panzerstück errechneten die Forscher ein Tier von etwa 55 Zentimetern Breite und bis zu 2,63 Metern Länge. Das Gewicht wird auf bis zu 50 Kilogramm geschätzt. Damit ist Arthropleura der größte bekannte Gliederfüßer der Erdgeschichte.

War Arthropleura ein Tausendfüßer?

Arthropleura gehört zu den Tausendfüßern im weiteren Sinn. Der Körper trug zwei Beinpaare pro Segment, ein Kennzeichen der Doppelfüßer. Die Kopffunde von 2024 zeigen aber auch Merkmale von Hundertfüßern. Heute wird Arthropleura an die Basis der Doppelfüßer gestellt.

Wann lebte Arthropleura?

Vor etwa 346 bis 290 Millionen Jahren, also im Karbon und im frühen Perm. Das Rekordfossil aus Northumberland ist rund 326 Millionen Jahre alt und damit mehr als 100 Millionen Jahre älter als das Zeitalter der Dinosaurier.

War Arthropleura gefährlich?

Für Menschen hätte das Tier kaum eine Gefahr dargestellt. Es besaß keine Giftklauen und keine Fangbeine, und seine Beine waren auf langsames Laufen ausgelegt. Fachleute halten Arthropleura eher für einen Fresser von Pflanzenresten.

Wo wurden Arthropleura-Fossilien gefunden?

Die wichtigsten Funde stammen aus Großbritannien, Kontinentaleuropa und Nordamerika. Das größte Exemplar wurde 2018 in der Howick Bay in Northumberland entdeckt, die besterhaltenen Köpfe kommen aus Montceau-les-Mines in Frankreich. Auch aus Deutschland stammen große, zusammenhängende Funde.

Warum gibt es heute keine so großen Insekten und Tausendfüßer mehr?

Als eine Ursache gilt der Sauerstoffgehalt der Luft, der im Karbon zeitweise über 30 Prozent lag. Gliederfüßer atmen über Tracheen, in die Sauerstoff nur langsam eindringt. Diese Erklärung ist aber umstritten, weil der größte Fund aus einer Zeit mit deutlich niedrigerem Sauerstoffgehalt stammt.

Ähnliche Tiere

  • Doppelfüßer - die heutige Gruppe mit zwei Beinpaaren pro Segment
  • Tausendfüßler - die vielbeinigen Verwandten, die bei uns unter Laub leben
  • Hundertfüßer - schnelle Jäger mit Giftklauen
  • Seeskorpion - der größte Gliederfüßer der Meere, vor Arthropleura Rekordhalter
  • Libelle - heutige Verwandte der riesigen Karbon-Insekten
  • Wirbellose - alle Tiere ohne Wirbelsäule im Lexikon
  • Tiere mit A - weitere Tiere, die mit A beginnen

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Arthropleura
2,6 m

Ein Arthropleura erreicht eine Körpergröße von 2,6 m. Damit passt er bequem zwischen einen Erwachsenen (1,8 m) und einen Elefanten (3,5 m) auf unserer Vergleichsskala.