Blindschleiche

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Collage mit zwei glänzend braunen Blindschleichen auf Kiesboden und Nahaufnahmen ihrer Köpfe mit Augenlidern
Christian Fischer / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Kurz erklärt

Die Blindschleiche sieht aus wie eine kleine Schlange, ist aber eine Echse ohne Beine. Anders als Schlangen kann sie mit den Augen blinzeln und ihren Schwanz abwerfen. Sie ist völlig harmlos, wird meist 40 bis 45 cm lang und frisst am liebsten Nacktschnecken und Regenwürmer. Blind ist sie übrigens nicht.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameAnguis fragilis
Abstammung
  • Klasse: Reptilien
  • Ordnung: Schuppenkriechtiere (Squamata)
  • Familie: Schleichen (Anguidae)
  • Unterfamilie: Anguinae
  • Gattung: Blindschleichen (Anguis)
  • Art: Westliche Blindschleiche
KörpergrößeMeist 40 bis 45 cm Gesamtlänge, davon Kopf und Rumpf 15 bis 20 cm; einzelne Tiere über 50 cm, Rekord 58 cm
KörpergewichtMännchen meist 10 bis 25 g, Weibchen 15 bis 30 g; schwerste gemessene Tiere gut 70 g
ErnährungFleischfresser: vor allem Nacktschnecken, Regenwürmer und unbehaarte Raupen, außerdem Asseln, Käfer, Spinnen und andere Kleintiere
LebenserwartungIm Terrarium regelmäßig 15 bis 20 Jahre, in Einzelfällen deutlich älter; Höchstalter in freier Natur unbekannt
SozialverhaltenEinzelgänger; überwintert oft in Gruppen
HerkunftEuropa
Verbreitung West-, Mittel- und Nordeuropa bis zum Balkan: von Portugal und Nordspanien über Frankreich, Großbritannien und Deutschland bis Skandinavien und ins östliche Mitteleuropa Europa
EntdeckungErstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné
GefährdungLC Nicht gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2024)
SonstigesHäufigstes Reptil Deutschlands; besonders geschützt; Reptil des Jahres 2017

Keine Schlange, sondern eine Echse

Die Blindschleiche sieht mit ihrem langen, beinlosen Körper aus wie eine Schlange. Sie ist aber keine Schlange, sondern eine Echse ohne Beine. Sie gehört zur Familie der Schleichen, die mit den Eidechsen verwandt ist. Ihre Vorfahren hatten noch Beine, die im Laufe der Entwicklung verloren gegangen sind.

Diese Merkmale zeigen, dass die Blindschleiche eine Echse ist:

MerkmalBlindschleiche (Echse)Schlange
Augenliderbeweglich, sie kann blinzeln und die Augen schließenkeine beweglichen Lider, die Augen sind immer offen
Schwanzkann abbrechen (Schwanzabwurf)kann nicht abgeworfen werden
Skelettkleine Reste von Schulter- und Beckengürtelkein Schultergürtel
Züngelnmuss das Maul etwas öffnenZunge passt durch eine Lücke in der Oberlippe
Bewegungeher steif und langsammeist geschmeidig

Die Blindschleiche ist völlig harmlos und hat kein Gift. Unter ihren glatten Schuppen liegen übrigens kleine Knochenplättchen.

Mehrere Arten: Früher hielt man alle Blindschleichen Europas für eine einzige Art. Genetische Untersuchungen, vor allem eine Studie aus dem Jahr 2010, haben gezeigt, dass es mehrere Arten gibt. Heute unterscheiden Fachleute fünf Arten. In Deutschland lebt die Westliche Blindschleiche (Anguis fragilis), um die es auf dieser Seite geht. Weiter östlich schließt sich die Östliche Blindschleiche (Anguis colchica) an.

Aussehen und Körperbau

Körper: Der Körper ist lang, schlank und im Querschnitt fast kreisrund. Er ist mit kleinen, glatten Schuppen bedeckt, die sich wie Dachziegel überlappen. Deshalb glänzt die Blindschleiche so stark. Der Schwanz ist länger als der restliche Körper und endet in einer kleinen Spitze. Äußere Ohröffnungen sieht man nicht, sie liegen unter den Schuppen verborgen.

Größe: Eine erwachsene Blindschleiche ist meist 40 bis 45 cm lang, wenn ihr Schwanz noch vollständig ist. Kopf und Rumpf machen davon nur 15 bis 20 cm aus. Einzelne Tiere in Mitteleuropa werden über 50 cm lang. Die längsten bekannten Blindschleichen maßen 57,5 cm und 58 cm.

Gewicht: Männchen wiegen meist 10 bis 25 g, Weibchen 15 bis 30 g. Das schwerste gemessene Männchen brachte 72 g auf die Waage, das schwerste Weibchen 73 g.

Farbe: Die Oberseite ist grau, braun, bronzefarben oder kupferrot. Männchen und Weibchen kann man oft an der Färbung unterscheiden:

  • Weibchen haben häufig dunkle Flanken, einen dunklen Bauch und einen schwarzen Strich in der Mitte des Rückens.
  • Männchen sind meist gleichmäßiger gefärbt und haben selten einen Rückenstrich. Manche Männchen tragen blaue Punkte.
  • Jungtiere sind silbrig weiß bis goldgelb. Vom Hinterkopf bis zur Schwanzspitze zieht sich ein schwarzer Strich, Flanken und Bauch sind tiefschwarz.

Häutung: Wie alle Reptilien streift die Blindschleiche regelmäßig ihre alte Haut ab.

Ist die Blindschleiche wirklich blind?

Nein. Die Blindschleiche kann sehen und ihre Augen mit den Lidern schließen. Farben kann sie allerdings nicht unterscheiden, und auch Graustufen erkennt sie nur schwer. Bei der Suche nach Futter züngelt sie und nimmt so Gerüche auf.

Woher der Name genau kommt, ist nicht ganz geklärt. Schon im Althochdeutschen hieß sie zum Beispiel „blintslîh“ oder „blintslîhho“. Das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer deutet das als „blinder Schleicher“: Schon in der Antike glaubte man irrtümlich an blinde Schlangen. Naturschutzfachleute von NABU und DGHT erklären den Namen dagegen als „blendender Schleicher“, passend zu ihren glatten, glänzenden Schuppen. Der wissenschaftliche Name Anguis fragilis bedeutet „zerbrechliche Schlange“, weil ihr Schwanz so leicht abbricht.

Der Schwanzabwurf

Wird eine Blindschleiche am Schwanz gepackt, kann sie ein Stück davon abwerfen. Fachleute nennen das Autotomie. Das abgebrochene Schwanzstück zuckt noch heftig und lenkt den Angreifer ab. Die Blindschleiche kann in dieser Zeit fliehen.

Anders als bei vielen Eidechsen wächst der Schwanz aber kaum nach. Es bildet sich nur ein kegelförmiger Stummel von höchstens 1 bis 2 cm. Deshalb sollte man eine Blindschleiche nie am Schwanz festhalten.

Verbreitung und Lebensraum

Verbreitung: Die Westliche Blindschleiche lebt von Portugal und dem Norden Spaniens über Frankreich und Deutschland bis ins östliche Mitteleuropa und auf den Balkan. Im Norden kommt sie in Großbritannien, Dänemark, an der Südküste Norwegens und in Schweden bis etwa zum 65. Breitengrad vor. Etwa von der Danziger Bucht aus nach Süden verläuft eine breite Übergangszone zur Östlichen Blindschleiche.

In Deutschland: Die Blindschleiche ist das häufigste Reptil Deutschlands und kommt in fast allen Regionen vor. Am häufigsten ist sie in den bewaldeten Mittelgebirgen. Sie fehlt in den Marschen an der Nordseeküste und auf den Ostfriesischen Inseln. Von den Nordfriesischen Inseln ist sie nur auf Sylt, Föhr und Amrum bekannt.

In den Bergen: In den Alpen steigt sie bis über die Baumgrenze. In Graubünden in der Schweiz wurde sie in 2.100 m Höhe gefunden, in Österreich sogar in fast 2.400 m.

Lebensraum: Die Blindschleiche ist nicht wählerisch. Sie lebt an Waldrändern und in lichten Laubwäldern, an Hecken, in Mooren und Heiden, auf Brachen und Wiesen, an Bahndämmen und Wegrändern, in Parks und naturnahen Gärten. Wichtig sind ihr dichte Pflanzen als Deckung und ein etwas feuchter Boden. Sie braucht weniger Wärme als viele andere Reptilien.

Ernährung

Blindschleichen sind Fleischfresser. Ihre Lieblingsnahrung sind Tiere, die langsam sind wie sie selbst:

  • Nacktschnecken, vor allem kleine von 1 bis 4 cm Länge
  • Regenwürmer
  • unbehaarte Raupen
  • außerdem Asseln, Käfer und ihre Larven, Spinnen und manchmal kleine Gehäuseschnecken, die sie aus der Schale zieht

Ihre kleinen, spitzen Zähne sind nach hinten gebogen. Damit hält sie glitschige Beute gut fest. Sie verschluckt ihr Futter im Ganzen. An einer großen Nacktschnecke kann eine Blindschleiche bis zu 45 Minuten schlucken.

Weil sie viele Nacktschnecken frisst, ist die Blindschleiche im Garten sehr willkommen.

Verhalten und Lebensweise

Aktivität: Auf Futtersuche gehen Blindschleichen vor allem am frühen Morgen und in der Abenddämmerung, im Sommer auch nachts und nach warmem Regen. Die übrige Zeit verbringen sie meist gut versteckt, etwa unter Rinde oder Steinen. Dort wärmen sie sich auch auf, statt sich offen in die Sonne zu legen.

Winterruhe: Meist Mitte Oktober oder Anfang November ziehen sich Blindschleichen in frostsichere Verstecke zurück, die bis zu 1 m tief liegen können. Oft graben sie sich in lockerem Boden selbst kurze Gänge. Häufig überwintern 5 bis 30 Tiere gemeinsam, manchmal sogar über 100. Die Winterruhe dauert in Mitteleuropa meist 4 bis 5 Monate, Ende März oder Anfang April kommen die Tiere wieder hervor.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Paarung: In Mitteleuropa paaren sich Blindschleichen meist zwischen Ende April und Juni. Die Männchen ringen dann oft heftig miteinander um die Weibchen. Sie versuchen, den Gegner zu Boden zu drücken, beißen sich und umschlingen einander. Bei der Paarung beißt das Männchen das Weibchen in den Kopf oder Nacken. Die Paarung kann mehrere Stunden dauern.

Tragzeit: Das Weibchen trägt die Eier etwa drei Monate in seinem Körper, der NABU nennt rund 14 Wochen.

Geburt: Blindschleichen legen keine Eier ins Nest. Die Jungen entwickeln sich im Mutterleib in einer sehr dünnen, durchsichtigen Eihülle. Direkt bei der Geburt durchstoßen sie diese Hülle. Fachleute nennen das ovovivipar. Man sagt auch einfach: Blindschleichen bringen lebende Junge zur Welt.

Zahl und Größe der Jungen: Meist zwischen Ende Juli und Mitte September bringt ein Weibchen im Durchschnitt 6 bis 12 Junge zur Welt. Große Weibchen können bis zu 23 Junge haben. Die Jungen sind etwa 6 bis 9 cm lang und wiegen meist nur ein halbes Gramm. In Mitteleuropa bekommen viele Weibchen nur alle zwei Jahre Junge.

Erwachsen werden: Im dritten oder vierten Lebensjahr sind junge Blindschleichen geschlechtsreif.

Lebenserwartung: Blindschleichen können sehr alt werden. Im Terrarium werden sie regelmäßig 15 bis 20 Jahre alt, in Einzelfällen wurden noch deutlich höhere Alter berichtet. Wie alt sie in freier Natur werden, ist nicht bekannt.

Feinde und Gefährdung

Natürliche Feinde: Die langsame Blindschleiche hat viele Feinde:

  • Säugetiere: Fuchs, Dachs, Iltis, Steinmarder, Igel und Wildschwein
  • Vögel: Greifvögel wie Mäusebussard und Turmfalke, Eulen, Rabenkrähen, Elstern, Amseln, Weißstörche und Graureiher
  • Schlangen: vor allem die Schlingnatter, seltener Ringelnatter und Kreuzotter
  • Jungtiere: auch große Laufkäfer und Erdkröten
  • In Siedlungen: Hauskatzen, Hunde und Hühner

Gefährdung weltweit: Auf der Roten Liste der IUCN gilt die Blindschleiche als nicht gefährdet (IUCN, 2024).

In Deutschland: Auch in der Roten Liste Deutschlands von 2020 ist die Blindschleiche als ungefährdet eingestuft, weil sie weit verbreitet und häufig ist. Kurzfristig nimmt ihr Bestand aber mäßig ab. In einigen Bundesländern steht sie auf der Vorwarnliste.

Was der Blindschleiche schadet:

  • Straßen und Waldwege: Viele Blindschleichen legen sich zum Aufwärmen auf Wege und werden überfahren, auch von Fahrrädern.
  • Mähen: Kreiselmäher töten viele Tiere an Wegrändern und auf Wiesen.
  • Schneckenkorn: Das Gift gegen Schnecken schadet auch den Blindschleichen.
  • Hauskatzen fangen und verletzen viele Blindschleichen.
  • Manche Menschen halten sie für Schlangen und erschlagen sie.
  • Hecken, Brachen und feuchte Wiesen verschwinden.

Schutz: In Deutschland ist die Blindschleiche besonders geschützt. Man darf sie nicht fangen, verletzen oder töten. 2017 wurde sie zum Reptil des Jahres gewählt.

Häufige Fragen zur Blindschleiche

Ist die Blindschleiche eine Schlange?

Nein. Die Blindschleiche ist eine Echse, die im Laufe der Entwicklung ihre Beine verloren hat. Sie kann mit den Augenlidern blinzeln und ihren Schwanz abwerfen, das können Schlangen nicht. Unter ihrer Haut stecken sogar noch Reste von Schulter- und Beckenknochen.

Ist die Blindschleiche giftig oder gefährlich?

Nein. Die Blindschleiche hat kein Gift und ist für Menschen und Haustiere völlig harmlos. Anfassen sollte man sie trotzdem nicht, weil sie sonst ihren Schwanz abwerfen kann.

Ist die Blindschleiche blind?

Nein, sie kann sehen, allerdings keine Farben. Sie kann sogar mit den Augen blinzeln. Woher ihr Name kommt, ist nicht ganz sicher: Er wird als „blinder Schleicher“ oder als „blendender Schleicher“ gedeutet.

Was frisst eine Blindschleiche?

Am liebsten Nacktschnecken, Regenwürmer und unbehaarte Raupen. Daneben frisst sie Asseln, Käfer und ihre Larven sowie Spinnen. Mit ihren nach hinten gebogenen Zähnen hält sie die glitschige Beute fest.

Wie alt wird eine Blindschleiche?

Im Terrarium werden Blindschleichen regelmäßig 15 bis 20 Jahre alt, einzelne auch deutlich älter. Wie alt sie in freier Natur werden, weiß man nicht. Viele sterben vorher durch Feinde, Straßenverkehr oder Mähgeräte.

Legt die Blindschleiche Eier?

Nicht so, wie man es von Vögeln kennt. Die Jungen entwickeln sich im Bauch der Mutter in einer dünnen Eihülle. Bei der Geburt schlüpfen sie sofort daraus. Meist sind es 6 bis 12 Junge, die zwischen Ende Juli und Mitte September zur Welt kommen.

Ähnliche Tiere

  • Glasschleiche - eine nahe Verwandte aus der Familie der Schleichen, ebenfalls ohne Beine
  • Zauneidechse - eine heimische Echse mit Beinen
  • Ringelnatter - eine echte Schlange, harmlos und ungiftig
  • Viper - zu den Vipern gehört die giftige Kreuzotter
  • Echse - alles über die große Gruppe, zu der auch die Blindschleiche gehört

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Blindschleiche
40 bis 58 cm

Stell dir vor, du stellst einen Fußball (22 cm) neben eine Blindschleiche: Die Blindschleiche ist größer. Neben einem Kind (1,2 m) wirkt sie mit ihren 40 bis 58 cm aber wiederum deutlich kleiner.

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Blindschleiche
10 bis 30 g

Eine Blindschleiche bringt 10 bis 30 g auf die Waage. Das ist schwerer als eine 1-Euro-Münze (7,5 g), aber leichter als eine Tafel Schokolade (100 g). Anders ausgedrückt: Die Blindschleiche wiegt so viel wie etwa 3 1-Euro-Münzen.