Gämse

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Gämse im dunklen Winterfell mit weißem Gesicht, schwarzen Streifen über den Augen und hakenförmigen Hörnern steht auf einer trockenen Bergwiese
Giles Laurent / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Kurz erklärt

Die Gämse ist ein Hornträger, der in den Alpen und anderen Gebirgen Europas und Westasiens lebt. Sie wiegt 25 bis 50 Kilogramm und klettert sicher über steile Felsen. Männchen und Weibchen tragen kurze, hakenförmig gebogene Hörner, die Krucken. Im Sommer ist ihr Fell rotbraun, im Winter deutlich dunkler.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameRupicapra rupicapra
Abstammung
  • Klasse: Säugetiere
  • Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
  • Familie: Hornträger (Bovidae)
  • Unterfamilie: Antilopinae
  • Gattung: Gämsen (Rupicapra)
  • Art: Gämse (Alpengämse)
KörpergrößeKörperlänge 110 bis 135 cm, Schulterhöhe bis 90 cm; Böcke sind größer als Geißen
KörpergewichtBöcke je nach Quelle bis 45 oder 50 kg, Geißen bis 35 oder 40 kg
ErnährungPflanzenfresser und Wiederkäuer: im Sommer Kräuter, Gräser, Blätter und junge Triebe; im Winter Triebe, Knospen, Nadeln, Moose und Flechten
LebenserwartungGeißen bis etwa 20 Jahre, Böcke bis etwa 15 Jahre
SozialverhaltenGeißen, Kitze und Jährlinge leben in Rudeln; mittelalte Böcke bilden kleine Gruppen, alte Böcke sind meist Einzelgänger
HerkunftEuropa und Westasien
Verbreitung Gebirge Mittel- und Südeuropas, darunter Alpen, Tatra und Balkan, außerdem Türkei und Kaukasus; in Neuseeland und Argentinien eingeführt AsienEuropaSüdamerikaAustralien
EntdeckungErstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné
GefährdungLC Nicht gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2021)
SonstigesDie Gämsen der Pyrenäen, des Kantabrischen Gebirges und des Apennins gehören zu einer eigenen Art, der Pyrenäengämse (Rupicapra pyrenaica). In der EU ist die Gämse in Anhang V der FFH-Richtlinie aufgeführt.

Der Kletterkünstler der Berge

Die Gämse (Rupicapra rupicapra) ist eines der bekanntesten Wildtiere der Alpen. Sie heißt auch Alpengämse oder Gams, Jäger sprechen von Gamswild. Die Männchen heißen Böcke, die Weibchen Geißen und die Jungtiere Kitze.

Gämsen gehören zu den Hornträgern, wie auch der Steinbock, das Mufflon und die Ziege. Anders als Hirsche werfen Hornträger ihren Kopfschmuck nie ab: Die Hörner wachsen ein Leben lang.

Die Gämse ist an das Leben im Hochgebirge hervorragend angepasst. Sie klettert sicher über Felswände und Geröll, macht weite Sprünge und kommt auch mit harten Wintern zurecht.

Aussehen und Körperbau

Größe: Gämsen werden 110 bis 135 cm lang und an der Schulter bis zu 90 cm hoch. In Baden-Württemberg haben Böcke im Durchschnitt eine Schulterhöhe von 81 cm. Böcke sind größer und kräftiger als Geißen.

Gewicht: Die Angaben schwanken etwas. Der Kanton Wallis nennt für Böcke bis 45 kg und für Geißen bis 35 kg. Im Nationalpark Hohe Tauern werden Böcke bis 50 kg und Geißen bis etwa 40 kg schwer.

Fell: Im Sommer ist das Fell rotbraun bis braun, über den Rücken zieht sich ein dunkler Streifen, der Aalstrich. Im Winter ist das Fell deutlich dunkler, zeigt mehr Grautöne und hat eine warme, graubraune Unterwolle. Der kurze Schwanz ist oben schwarz und unten hell.

Gesicht: Typisch ist die Kopfzeichnung. Stirn, Wangen und Kinn sind weiß. Von den Hörnern über die Augen bis zu den Mundwinkeln zieht sich auf jeder Seite ein schwarzer Streifen, der Zügelstreif.

Hörner: Böcke und Geißen tragen hakenförmig nach hinten gebogene Hörner, die bis zu 25 cm lang werden. Sie heißen Krucken oder Krickeln. Die Krucken der Böcke sind meist dicker und stärker gekrümmt als die der Geißen. Weil die Hörner jedes Jahr ein Stück wachsen, entstehen Ringe, ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen. Daran kann man das Alter einer Gämse ablesen.

Gamsbart: Die langen Winterhaare vom Rücken werden zum Gamsbart gebunden, einem bekannten Hutschmuck in den Alpenländern. Während der Brunft stellen die Böcke diese Rückenhaare auf, um Eindruck zu machen.

Gemacht für die Berge

  • Hufe: Die Hufe lassen sich spreizen und haben hartgummiartige Sohlen. So finden Gämsen auch auf glattem Fels Halt und bewältigen Hänge mit bis zu 60 Grad Neigung.
  • Sprünge: Eine Gämse springt bis zu 2 m hoch und 6 m weit.
  • Tempo: Selbst im steilen Gelände erreicht sie bis zu 50 km/h.
  • Herz und Blut: Gämsen haben ein großes Herz, das auf der Flucht bis zu 200-mal pro Minute schlägt, und besonders viele rote Blutkörperchen. So bekommt ihr Körper auch bei großer Anstrengung genug Sauerstoff.

Verbreitung und Lebensraum

Verbreitung: Die Alpengämse lebt in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas, unter anderem in den Alpen, in der Tatra und auf dem Balkan, außerdem in der Türkei und im Kaukasus. In Neuseeland wurde sie vom Menschen eingeführt, nach Angaben aus Baden-Württemberg auch in Argentinien.

In Deutschland: Gämsen leben in den deutschen Alpen. Außerdem gibt es Vorkommen in Baden-Württemberg: im Südschwarzwald, vor allem rund um Feldberg und Belchen, auf der Schwäbischen Alb und in der voralpinen Adelegg. Die Gämsen der Adelegg sind vermutlich aus dem bayerischen Allgäu eingewandert. Die Bestände im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb gehen überwiegend auf Tiere zurück, die in den 1930er- und 1950er-Jahren ausgesetzt wurden. Ursprünglich waren Gämsen auch dort heimisch: Bis ins 14. Jahrhundert lebten sie im Schwarzwald und in den Vogesen, bis sie durch zu starke Jagd verschwanden. Funde aus der Steinzeit zeigen, dass Gämsen früher in vielen europäischen Mittelgebirgen vorkamen.

Lebensraum: Im Sommer halten sich Gämsen hoch oben auf alpinen Rasen, in Geröllfeldern, an Felswänden und zwischen Latschenkiefern auf. Im Winter ziehen sie oft hinunter an die Waldgrenze oder in den Wald, wo sie noch Nahrung finden. Gämsen brauchen steile Hänge und Felsen, in die sie vor Feinden flüchten können. Sie sind aber kein reines Hochgebirgstier: Auch in Mittelgebirgen ab etwa 400 m Höhe können sie leben, wenn es dort Felsen, offene Flächen und Wald gibt.

Ernährung

Gämsen sind Pflanzenfresser und Wiederkäuer. Sie würgen ihre Nahrung nach dem Fressen wieder hoch und kauen sie ein zweites Mal.

Im Sommer gibt es genug Futter. Gämsen fressen dann frische Kräuter, Gräser und Blätter sowie junge Triebe von Sträuchern und Bäumen.

Im Winter ist es schwierig. Schnee bedeckt den Boden, frisches Grün gibt es kaum. Dann fressen Gämsen sogenanntes Raufutter: Knospen und Triebe von Sträuchern und Bäumen, Nadeln von Bergkiefern, außerdem Moose und Flechten. Wenn der Schnee zu hoch liegt, können Gämsen auch längere Zeit hungern. Nach Angaben des Animal Diversity Web überleben sie bis zu zwei Wochen ohne Futter.

Verhalten und Lebensweise

Rudel: Im Sommer leben Geißen mit ihren Kitzen und den einjährigen Jungtieren, den Jährlingen, in Rudeln zusammen. Mittelalte Böcke bilden oft kleine Gruppen, alte Böcke ziehen meist allein umher. Im Herbst und Winter mischen sich die Gruppen stärker, manche Rudel lösen sich auf.

Aktivität: Gämsen sind vor allem tagsüber unterwegs, um zu fressen. In Baden-Württemberg werden sie als tag- und nachtaktiv beschrieben. Sie gelten als recht standorttreu.

Verständigung: Bei Gefahr stößt eine Gämse einen schrillen Pfiff aus und stampft mit den Hufen. Dann flüchten die Tiere in steiles, unzugängliches Gelände. Geißen meckern, wenn sie Angst haben oder auf der Suche sind.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Brunft: Die Paarungszeit der Gämsen heißt Brunft und liegt im November und Dezember. Dann suchen die älteren Böcke die Rudel der Geißen auf. Ein starker Bock, der Platzbock, bleibt bei einem Rudel und verteidigt es gegen Rivalen. Meist reicht dafür Drohen und Imponieren, echte Kämpfe sind selten.

Tragzeit: Das Junge wächst etwa 26 Wochen, also rund sechs Monate, im Bauch der Mutter heran.

Geburt: Zwischen Mitte Mai und Mitte Juni bringt die Geiß meist ein Kitz zur Welt, manchmal auch zwei oder drei. Das Kitz ist ein Nestflüchter: Schon wenige Stunden nach der Geburt kann es seiner Mutter durch steiles Gelände folgen.

Aufwachsen: Etwa ein halbes Jahr lang trinkt das Kitz Milch. Junge Böcke bleiben zwei bis drei Jahre bei der Gruppe der Mutter. Im dritten Lebensjahr ist eine Gämse erwachsen. Weil Gämsen erst spät geschlechtsreif werden und meist nur ein Junges bekommen, wachsen ihre Bestände langsam. Im Wallis liegt der jährliche Zuwachs der Gamsbestände bei nur 15 bis 20 Prozent.

Lebensdauer: Geißen können etwa 20 Jahre alt werden, Böcke etwa 15 Jahre.

Feinde und Gefährdung

Natürliche Feinde: Erwachsene Gämsen werden vor allem von Luchs und Wolf gejagt, in manchen Gebieten auch vom Braunbären. Der Steinadler erbeutet vor allem Kitze.

Weitere Gefahren: Viele Gämsen, besonders junge, überleben harte Winter nicht. Dazu kommen Krankheiten wie die Gamsblindheit. Störungen durch Wanderer, Skifahrer und andere Freizeitsportler können die Tiere zur Flucht treiben, was im steilen Gelände zu Unfällen führen kann. Auch Nutztiere wie Schafe machen ihnen das Futter streitig.

Jagd: Gämsen werden in den Alpenländern bejagt. Weil die Bestände nur langsam wachsen, planen die Behörden die Jagd sorgfältig. Im Kanton Wallis leben heute rund 19.000 Gämsen, die Bestände sind dort stabil oder gehen regional zurück.

Gefährdungsstatus: Die IUCN stuft die Alpengämse als nicht gefährdet ein (Anderwald et al., 2021). In manchen Gebieten wie der Tatra und dem Kaukasus sind die Bestände aber durch starke Jagd, Lebensraumverlust und Störungen deutlich geschrumpft. In der EU steht die Gämse in Anhang V der FFH-Richtlinie. Die Staaten müssen also dafür sorgen, dass es ihr gut geht, und ihren Bestand überwachen.

Alpengämse und Pyrenäengämse

Es gibt zwei Gämsenarten. Die Gämsen in den Pyrenäen, im Nordwesten Spaniens und im Apennin gehören nicht zur Alpengämse, sondern zur Pyrenäengämse:

MerkmalAlpengämse (Rupicapra rupicapra)Pyrenäengämse (Rupicapra pyrenaica)
VerbreitungAlpen, Tatra, Balkan, Türkei, KaukasusPyrenäen, Gebirge im Nordwesten Spaniens, Apennin in Italien
Körperlänge110 bis 135 cm90 bis 130 cm
Gewicht25 bis 50 kg24 bis 50 kg
Hörnerbis 25 cm15 bis 20 cm
Winterfelldunkler als im Sommer, mit Grautönenschwarzbraun mit weißen Flecken an Kehle, Hals, Schultern und Flanken

Die Pyrenäengämse ist also etwas kleiner und hat kürzere Hörner. Am auffälligsten ist ihr Winterfell mit den hellen Abzeichen an Hals und Schultern. In Lebensweise und Ernährung ähneln sich beide Arten stark.

Häufige Fragen zur Gämse

Wie hoch kann eine Gämse springen?

Bis zu 2 m hoch und 6 m weit. Möglich machen das kräftige Beine und spreizbare Hufe mit hartgummiartigen Sohlen.

Haben weibliche Gämsen Hörner?

Ja. Böcke und Geißen tragen beide hakenförmige Hörner, die Krucken. Die der Böcke sind meist dicker und stärker gekrümmt.

Was frisst eine Gämse im Winter?

Knospen und Triebe von Sträuchern und Bäumen, Nadeln von Bergkiefern sowie Moose und Flechten. Im Sommer frisst sie vor allem Kräuter, Gräser und Blätter.

Wie alt wird eine Gämse?

Geißen werden etwa 20 Jahre alt, Böcke etwa 15 Jahre. Das Alter lässt sich an den Ringen der Hörner ablesen.

Ist die Gämse eine Ziege?

Nein. Gämse und Ziege sind miteinander verwandt und gehören beide zu den Hornträgern. Die Gämse bildet aber eine eigene Gattung, Rupicapra.

Wo gibt es Gämsen in Deutschland?

In den deutschen Alpen. Außerdem leben Gämsen in Baden-Württemberg, im Südschwarzwald rund um Feldberg und Belchen, auf der Schwäbischen Alb und in der Adelegg.

Ähnliche Tiere

  • Steinbock - ein weiterer Hornträger der Alpen, oft im selben Gebiet unterwegs
  • Ziege - eine Verwandte aus der Familie der Hornträger
  • Schraubenziege - eine wilde Ziege aus den Gebirgen Asiens
  • Murmeltier - teilt sich mit der Gämse die Bergwiesen
  • Luchs - einer der wichtigsten natürlichen Feinde der Gämse
  • Adler - der Steinadler erbeutet Gamskitze

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Gämse
1,1 bis 1,35 m

Mit 1,1 bis 1,35 m gehört die Gämse zu den mittelgroßen Tieren in unserem Lexikon. Ein Fußball (22 cm) ist dagegen deutlich kleiner, während ein Erwachsener mit 1,8 m noch etwas an Größe drauflegt. Stell dir vor: Die Gämse ist ungefähr 6-mal so lang wie ein Fußball!

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Gämse
25 bis 50 kg

Eine Gämse bringt 25 bis 50 kg auf die Waage. Das ist schwerer als eine Hauskatze (4 kg), aber leichter als ein Erwachsener (75 kg). Anders ausgedrückt: Die Gämse wiegt so viel wie etwa 9 Hauskatzen.