Lämmergeier
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Kurz erklärt
Der Lämmergeier heißt heute meist Bartgeier und ist mit bis zu 2,90 Metern Spannweite der größte Vogel der Alpen. Er frisst fast nur Knochen von toten Tieren. Zu große Knochen lässt er aus der Luft auf Felsen fallen, bis sie zerbrechen. Seine orangerote Brust färbt er selbst, indem er in eisenhaltigem Wasser badet. Nach seiner Ausrottung wurde er in den Alpen wieder angesiedelt, seit 2021 auch in Bayern.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Gypaetus barbatus |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Etwa 110 cm lang; Flügelspannweite 2,30 bis 2,90 m |
| Körpergewicht | 5 bis 7 kg |
| Ernährung | Aas- und Knochenfresser: vor allem Knochen verendeter Huftiere; die Küken brauchen in den ersten Wochen frisches Muskelfleisch |
| Lebenserwartung | In Zoos regelmäßig 40 bis 50 Jahre; auch in freier Wildbahn sind über 30-jährige Bartgeier wohl keine Seltenheit |
| Sozialverhalten | Segelt allein oder paarweise; lebt monogam und bleibt seinem Revier treu |
| Herkunft | Gebirge Eurasiens und Afrikas |
| Verbreitung | Gebirge in Europa, Asien und Afrika, große Bestände im Himalaya und in Zentralasien, eine eigene Unterart in Ost- und Südafrika; in den Alpen nach der Ausrottung seit 1986 wieder angesiedelt AfrikaAsienEuropa |
| Entdeckung | Wissenschaftlich beschrieben 1758 von Linnaeus |
| Gefährdung | NT Potenziell gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2021) |
Lämmergeier oder Bartgeier?
Lämmergeier und Bartgeier sind zwei Namen für dieselbe Vogelart mit dem wissenschaftlichen Namen Gypaetus barbatus. Heute sagt man meist Bartgeier.
Der Name Lämmergeier war im deutschsprachigen Raum lange üblich. Man glaubte fälschlich, dass der große Vogel Lämmer erbeutet. In einem Lehrbuch aus dem 19. Jahrhundert stand sogar, er trage Lämmer, Ziegen und selbst Kinder in seinen Krallen von Berg zu Berg. Das stimmt nicht: Der Bartgeier ist ein harmloser Aasverwerter. Sein schlechter Ruf wurde ihm aber zum Verhängnis, denn er wurde gnadenlos gejagt.
Der Name Bartgeier bezieht sich auf den dunklen, borstigen Bart unter dem Schnabel, den Männchen und Weibchen gleichermaßen tragen. Wozu er dient, ist nicht geklärt. Vielleicht hilft er als Tastorgan, wenn der Geier Sehnen an sperrigen Gelenken auftrennt.
In anderen Sprachen erzählt der Name von seiner Ernährung: In Spanien heißt er "Quebrantahuesos", in Tirol "Boanbrüchl". Beides bedeutet ungefähr Knochenbrecher.
Aussehen und Körperbau
Der Bartgeier ist der größte Brutvogel der Alpen, sitzend und fliegend sogar größer als der Steinadler.
- Größe: etwa 110 Zentimeter lang
- Spannweite: 2,30 bis 2,90 Meter
- Gewicht: 5 bis 7 Kilogramm
- Gefieder: Rücken, Flügel und Schwanz sind grauschwarz, Kopf, Hals und Unterseite orange bis rötlich
- Gesicht: schwarzer Bart, schwarzer Streifen über dem Auge, gelbe Augen mit rotem Rand, kräftiger grauer Hakenschnabel
Männchen und Weibchen sehen fast gleich aus. Wenn ein Bartgeier neugierig oder aufgeregt ist, leuchten seine Augen rot auf. Vom Steinadler unterscheidet man ihn an der Größe, der lang gestreckten Gestalt und der hellorangen Unterseite.
Kein kahler Kopf: Viele Geier haben einen fast nackten Kopf und Hals. So verkleben die Federn nicht, wenn sie in blutigen Kadavern fressen. Der Bartgeier dagegen hat einen dicht befiederten Kopf. Er frisst vor allem Knochen und macht sich dabei nicht schmutzig.
Junge Bartgeier sind zunächst überwiegend dunkelbraun. Erst ab einem Alter von etwa vier Jahren werden Kopf, Brust und Bauch zunehmend hell.
Selbst gefärbt: das rote Gefieder
Eigentlich wäre das Brust- und Kopfgefieder eines erwachsenen Bartgeiers weiß. Die orangerote Farbe trägt er selbst auf. Bartgeier suchen gezielt Quellen und Pfützen mit eisenhaltigem, rotem Schlamm auf und baden darin ausgiebig. Dabei setzen sich winzige Teilchen aus Eisenoxid in den Federn fest. Bei einer Untersuchung einer solchen Badestelle in den Pyrenäen bestand mehr als 40 Prozent der Trockenmasse des Schlamms aus Eisenoxiden.
Lange war umstritten, ob die Vögel sich absichtlich färben oder nur zufällig an roten Felsen abfärben. Dann zeigten Versuche: Gefangene Bartgeier rieben sich aktiv mit nasser Erde ein und wählten unter verschiedenfarbigen Erden immer die rote. Später wurden auch frei lebende Bartgeier beim Baden in eisenhaltigem Wasser beobachtet. Wo es keine solchen Stellen gibt, bleiben erwachsene Bartgeier an der Unterseite weiß.
Warum sie das tun, ist noch nicht geklärt. Eine Studie von 2019 fand keinen Hinweis darauf, dass das Eisenoxid gegen Bakterien hilft, die Federn zersetzen. Wahrscheinlicher ist, dass die Farbe ein Signal ist: Sie könnte anderen Bartgeiern Rang und Revieranspruch zeigen oder bei der Partnerschaft eine Rolle spielen. Unter den Greifvögeln färben sich nur der Bartgeier und sein naher Verwandter, der Schmutzgeier, auf diese Weise.
Verbreitung und Lebensraum
Bartgeier leben in Gebirgen. Ursprünglich waren sie in fast allen Gebirgen Europas, Asiens und Afrikas zu Hause. Große Bestände gibt es noch im Himalaya und in Zentralasien. In den Gebirgen Ost- und Südafrikas lebt eine eigene Unterart. Im Mittelmeerraum sind Bartgeier stark gefährdet.
Am liebsten mögen sie felsiges Gelände oberhalb der Baumgrenze mit großen Höhenunterschieden, Schluchten und guter Thermik. Außerdem brauchen sie freie Sicht, frisches Wasser und Stellen für ihre Schlammbäder. Bartgeier sind keine Zugvögel und bleiben ihrem Gebiet treu. Nur im Winter weiten sie ihre Streifzüge auf der Suche nach Nahrung etwas aus.
Bei der Futtersuche segeln sie stundenlang an den Berghängen entlang und nutzen dabei die Aufwinde. Weil sie mit den Augen suchen, fliegen sie oft recht niedrig. Wanderer erleben deshalb manchmal überraschende Begegnungen mit dem riesigen Vogel.
Ernährung: der Knochenfresser
Der Bartgeier ist die einzige Geierart, die sich auf Knochen spezialisiert hat. Er frisst vor allem die Knochen von verendeten Huftieren. Den jungen Bartgeiern in Berchtesgaden legten die Betreuer als erstes Futter Gamsknochen bereit. Knochen sind hart und schwer verdaulich, enthalten aber neben Kalk viel nahrhaftes Fett und Eiweiß.
Mehrere Anpassungen machen den Bartgeier zum Knochenspezialisten:
- Extrem saure Magensäure: Mit einem pH-Wert von etwa 0,7 ist sie so sauer wie Batteriesäure. Sie löst den Knochenkalk auf, sodass der Geier die Knochen fast vollständig verdauen kann.
- Große Schnabelöffnung: So passen auch große Knochenstücke hinein.
- Lange Luftröhre: Sie reicht fast bis zur Schnabelspitze. So bekommt er auch dann Luft, wenn ein Knochen im Rachen feststeckt.
Knochen aus der Luft fallen lassen
Was tut ein Bartgeier mit einem Knochen, der zu groß zum Schlucken ist? Er fliegt damit zu einer Geröllhalde und lässt ihn aus großer Höhe auf die Steine fallen. Das wiederholt er so lange, bis der Knochen in schnabelgerechte Splitter zerspringt. Die Fähigkeit ist angeboren, muss aber von jungen Bartgeiern lange geübt werden, bis sie sicher klappt. Bartgeier im Mittelmeerraum lassen auf dieselbe Weise auch Landschildkröten fallen.
Fortpflanzung und Nachwuchs
Bartgeier leben monogam. In der Balzzeit stößt das Männchen laute Triller aus, und das Paar ruft sich im Flug mit Pfiffen zu. Sonst sind Bartgeier meist stumm.
Ihr Nest, den Horst, bauen sie in Felsnischen. Er kann bis zu 3 Meter breit und 2 Meter hoch sein. Gepolstert wird er mit Fell, Federn, aber auch mit Papier und Lappen.
Brut im Winter: In den Alpen paaren sich Bartgeier im November und Dezember, die Eier legen sie zwischen Dezember und Februar. Das hat einen guten Grund: Die Küken können noch keine Knochen verdauen und brauchen in den ersten Lebenswochen frisches Muskelfleisch. Nach rund 55 Tagen Brutzeit schlüpfen sie gegen Ende des Winters. Dann finden die Eltern viele Kadaver von Tieren, die den Winter nicht überlebt haben.
Nur ein Küken überlebt: Meist legt das Weibchen zwei Eier im Abstand von etwa einer Woche. Das ältere Küken ist deshalb größer und drängt das jüngere in den ersten Lebenstagen vom Futter ab, bis dieses stirbt. Fachleute nennen das Kainismus, nach der biblischen Geschichte von Kain und Abel. Das zweite Ei ist eine Reserve, falls das erste nicht befruchtet ist oder das ältere Küken früh stirbt.
Der Jungvogel fliegt erst 110 bis 130 Tage nach dem Schlupf zum ersten Mal. Geschlechtsreif werden Bartgeier mit 5 bis 7 Jahren. Eine erfolgreiche Brut gelingt aber meist erst mit 8 bis 9 Jahren, und oft nur jedes zweite oder dritte Jahr. Dafür werden Bartgeier sehr alt: In Zoos erreichen sie regelmäßig 40 bis 50 Jahre.
Ausrottung und Rückkehr in die Alpen
Im 18. Jahrhundert war der Bartgeier in den Alpen noch weit verbreitet. Wegen seines schlechten Rufs wurde er mit Gewehren und Abschussprämien verfolgt. Dazu kamen vergiftete Köder, die eigentlich für Füchse und Wölfe ausgelegt waren, und der Rückgang der Wildtiere, von denen er lebte. Der letzte Abschuss eines Bartgeiers in den Alpen ist aus dem italienischen Aostatal im Jahr 1913 belegt.
Ein erster Versuch, wild gefangene Bartgeier aus Afghanistan in den französischen Alpen freizulassen, scheiterte in den 1970er-Jahren. Das heutige Projekt wurde 1978 in Morges am Genfersee gegründet. Statt wilder Vögel werden junge Bartgeier aus Zoos und Zuchtstationen ausgewildert:
- 1986 fand die erste Auswilderung im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern statt, in Rauris im Salzburger Land.
- 1987 folgte Frankreich, 1991 die Schweiz, später auch Italien.
- 1997 flog in Hochsavoyen zum ersten Mal seit rund 80 Jahren wieder ein in freier Natur geschlüpfter Jungvogel aus.
Die Jungvögel werden mit etwa 90 bis 100 Tagen in eine geschützte Felsnische gesetzt und dort gefüttert, bis sie fliegen und selbst Nahrung finden. Diese Hacking-Methode ist sehr erfolgreich: 88 Prozent der ausgewilderten Bartgeier überleben das erste Jahr, danach jedes Jahr sogar 96 Prozent. Bis 2025 wurden in den Alpen 264 junge Bartgeier ausgewildert, und 589 Bruten in freier Natur waren erfolgreich. Den Bestand in den Alpen schätzt man auf rund 414 bis 547 Tiere (Stand 2024). Weil die genetische Vielfalt noch gering ist, werden weiter Jungvögel ausgewildert.
Bartgeier in Bayern
Am 10. Juni 2021 wurden zum ersten Mal in Deutschland Bartgeier ausgewildert: Der Nationalpark Berchtesgaden und der bayerische Naturschutzverband LBV setzten zwei junge Weibchen namens Bavaria und Wally in eine Felsnische im Klausbachtal. Damit lebten über 140 Jahre nach ihrer Ausrottung wieder Bartgeier in den deutschen Alpen. Die beiden etwa 90 Tage alten Vögel stammten aus einer Zuchtstation der Vulture Conservation Foundation in Andalusien in Spanien. Die Nische liegt in etwa 1.300 Metern Höhe.
Wally wurde im Mai 2022 tot nördlich der Zugspitze gefunden, nachdem ihr GPS-Signal im April verloren gegangen war. In den folgenden Jahren wurden im Klausbachtal weitere Jungvögel freigelassen, zum Beispiel Recka und Dagmar, Sisi und Nepomuk sowie Vinzenz und Wiggerl. Mit GPS-Sendern verfolgen Forschende ihre Flüge durch die Alpen.
Gefährdung
Weltweit gilt der Bartgeier auf der Roten Liste der IUCN als potenziell gefährdet (NT, 2021). Viele Geierbestände nehmen in mehreren Regionen der Welt stark ab, das gilt auch für den Bartgeier. Weil Bartgeier sich nur sehr langsam vermehren, ist es für die Bestände entscheidend, dass die erwachsenen Vögel lange leben. Schon wenige zusätzliche Todesfälle, auch durch den Menschen, können einen kleinen Bestand gefährden. Im Nationalpark Berchtesgaden wird deshalb seit Jahren nur noch bleifreie Munition verwendet.
Häufige Fragen zum Lämmergeier
Warum heißt der Bartgeier auch Lämmergeier?
Früher glaubte man fälschlich, der große Geier würde Lämmer und sogar Kinder rauben. Daher stammt der Name Lämmergeier. Tatsächlich frisst er vor allem Knochen von toten Tieren. Heute setzt sich der Name Bartgeier durch, nach dem Bart unter dem Schnabel.
Was frisst ein Bartgeier?
Vor allem Knochen von verendeten Huftieren und Aas. Seine Magensäure ist extrem sauer und löst den Knochenkalk auf. Nur die Küken bekommen in den ersten Wochen frisches Fleisch.
Warum lässt der Bartgeier Knochen fallen?
Zu große Knochen kann er nicht schlucken. Deshalb lässt er sie aus großer Höhe auf Geröll fallen, bis sie in kleine Stücke zerbrechen.
Warum ist der Bartgeier rot?
Er färbt sich selbst. Bartgeier baden in eisenhaltigem, rotem Schlamm und Wasser. Das Eisenoxid färbt ihr eigentlich weißes Gefieder an Kopf, Brust und Bauch orangerot.
Wie groß ist ein Bartgeier?
Er ist etwa 110 Zentimeter lang, hat eine Spannweite von 2,30 bis 2,90 Metern und wiegt 5 bis 7 Kilogramm. Damit ist er der größte Brutvogel der Alpen.
Wo kann man Bartgeier in Deutschland sehen?
In den deutschen Alpen tauchen Bartgeier gelegentlich auf. Die meisten Sichtungen werden aus dem Allgäu gemeldet. Im Nationalpark Berchtesgaden werden seit 2021 junge Bartgeier ausgewildert.
Ähnliche Tiere
- Geier - Überblick über die Geier, zu denen der Bartgeier gehört
- Kondor - ein Neuweltgeier; die Geier Amerikas haben sich unabhängig von den Geiern der Alten Welt zu Aasfressern entwickelt
- Adler - große Greifvögel aus derselben Familie wie der Bartgeier
- Gämse - mit Gamsknochen wurden die ersten Bartgeier in Berchtesgaden gefüttert
Quellen
- Stiftung Pro Bartgeier: Biologie und Wiederansiedlung
- Vogelporträt Bartgeier - NABU
- Nationalpark Berchtesgaden: Bartgeier-Auswilderung 2021, Pressemitteilung vom 10.06.2021 und Bartgeier im Nationalpark
- Margalida, A., Braun, M. S., Negro, J. J., Schulze-Hagen, K. & Wink, M. (2019): Cosmetic colouring by Bearded Vultures Gypaetus barbatus: still no evidence for an antibacterial function. PeerJ 7, e6783
- BirdLife International (2021): Gypaetus barbatus. The IUCN Red List of Threatened Species 2021
Größenvergleich
Ein Lämmergeier erreicht eine Körpergröße von 1,1 m. Damit passt er bequem zwischen einen Fußball (22 cm) und ein Kind (1,2 m) auf unserer Vergleichsskala. Das bedeutet: Der Lämmergeier ist etwa 5-mal so groß wie ein Fußball.
Gewichtsvergleich
Ein Lämmergeier bringt 5 bis 7 kg auf die Waage. Das ist schwerer als eine Hauskatze (4 kg), aber leichter als ein Kind (25 kg).