Nachtfalter
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Kurz erklärt
Nachtfalter sind alle Schmetterlinge, die keine Tagfalter sind. Sie bilden keine echte Verwandtschaftsgruppe, sondern umfassen viele verschiedene Familien wie Eulenfalter, Spanner, Spinner und Schwärmer. Die meisten fliegen in der Dämmerung oder nachts und sind tagsüber gut getarnt, einige sind aber auch am Tag unterwegs. Künstliches Licht in der Nacht macht vielen Nachtfaltern zu schaffen.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Heterocera (keine systematische Gruppe) |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Flügelspannweite je nach Art von 2 mm (Zwergmotten) bis über 30 cm (Agrippinaeule); in Mitteleuropa ist das Große Nachtpfauenauge der größte Schmetterling |
| Ernährung | Raupen meist Pflanzenfresser, oft auf bestimmte Pflanzen spezialisiert; Falter saugen Nektar, Baumsäfte, Honigtau oder Saft überreifer Früchte; manche Arten fressen als Falter gar nicht |
| Lebenserwartung | Falter je nach Art wenige Stunden (manche Sackträger) bis mehrere Monate (als Falter überwinternde Arten wie einige Wintereulen); die Raupenzeit dauert einige Wochen, manchmal Jahre |
| Sozialverhalten | Raupen leben je nach Art einzeln oder zumindest anfangs gesellig (zum Beispiel Prozessionsspinner); Partner finden sich über Duftstoffe |
| Herkunft | Weltweit |
| Verbreitung | Weltweit in fast allen Klimazonen an Land, von Wäldern und Wiesen bis in Gärten und Häuser |
| Sonstiges | Nachtfalter ist ein Sammelbegriff ohne systematische Bedeutung: Er fasst alle Schmetterlingsfamilien zusammen, die nicht zu den Tagfaltern gehören. Eine Gesamteinstufung auf der Roten Liste gibt es deshalb nicht, bewertet werden einzelne Arten. |
Was sind Nachtfalter?
Schmetterlinge (Lepidoptera) sind mit über 160.000 Arten in fast 100 Familien eine der größten Insektenordnungen. Traditionell teilt man sie in Tagfalter und Nachtfalter ein. Doch nur die Tagfalter bilden eine Gruppe von Familien, die wirklich miteinander verwandt sind. Als Nachtfalter (auch Nachtschmetterlinge oder Heterocera) bezeichnet man dagegen einfach alle Schmetterlinge, die keine Tagfalter sind. Der Begriff ist deshalb keine systematische Einheit, sondern ein praktischer Sammelname.
Dazu gehören sehr verschiedene Familien, zum Beispiel Eulenfalter, Spanner, Schwärmer, Spinner, Zünsler und viele kleine Arten mit Namen wie Zwergmotten oder Wachsmotten.
Der Name passt meistens: Die meisten Nachtfalter fliegen in der Dämmerung oder nachts und ruhen tagsüber gut versteckt. Es gibt aber auch viele Arten, die nur tagsüber fliegen, etwa die Widderchen, die Glasflügler, viele Sackträger, einige Schwärmer wie das Taubenschwänzchen und die Tageulen.
Nachtfalter oder Tagfalter? Die Unterschiede
Ein einzelnes Merkmal, das alle Nachtfalter von allen Tagfaltern trennt, gibt es nicht. Einige Hinweise helfen aber beim Erkennen:
| Merkmal | Tagfalter | Nachtfalter (meist) |
|---|---|---|
| Fühler | dünn, mit einer Verdickung am Ende (Endkolben) | unterschiedlich: fadenförmig, bewimpert oder gekämmt wie eine Feder |
| Flügel in Ruhe | nach oben über dem Rücken zusammengeklappt | dachförmig über dem Körper, seitlich abstehend oder um den Körper gewickelt |
| Aktivität | am Tag | in der Dämmerung und nachts, mit Ausnahmen |
Die Fühler sind das wichtigste Erkennungsmerkmal: Tagfalter haben alle Fühler mit einem Endkolben, Nachtfalter haben dagegen keinen einheitlichen Fühlerbau. Besonders auffällig sind die doppelt gekämmten Fühler mancher Männchen, zum Beispiel bei den Pfauenspinnern. Mit ihnen riechen sie die Duftstoffe der Weibchen.
Farben: Viele Nachtfalter sind schlicht gefärbt und tagsüber gut getarnt. Es gibt aber auch sehr bunte Arten, vor allem unter den Spinnern und Schwärmern.
Aussehen und Körperbau
Wie alle Schmetterlinge haben Nachtfalter zwei Paar Flügel, die wie der Körper mit winzigen Schuppen bedeckt sind. Die Schuppen sind abgeplattete Haare. Sie geben den Flügeln ihre Farbe und ihr Muster, helfen bei großen Faltern beim Fliegen und ermöglichen es oft, sich aus Spinnennetzen zu befreien.
Größe: Nachtfalter sind sehr unterschiedlich groß. Die winzigen Zwergmotten erreichen nur 2 mm Flügelspannweite. Die tropische Agrippinaeule bringt es auf über 30 cm. Manche Pfauenspinner haben eine Flügelfläche von bis zu 300 Quadratzentimetern. In Mitteleuropa ist das Große Nachtpfauenauge der größte Schmetterling.
Saugrüssel: Die meisten Nachtfalter haben einen Saugrüssel, den sie in Ruhe spiralig unter dem Kopf einrollen. Er ist meist 5 bis 20 mm lang. Schwärmer haben besonders lange Rüssel, bei manchen Arten bis zu 30 cm. Bei kurzlebigen Gruppen wie den Sackträgern und den Glucken ist der Rüssel dagegen verkümmert.
Ohren: Viele Nachtfalter können hören. Ihre Gehörorgane, die Tympanalorgane, sitzen je nach Familie an der Brust, am Hinterleib oder bei Schwärmern an den Tastern am Kopf. Damit nehmen sie die Ultraschallrufe jagender Fledermäuse wahr.
Leuchtende Augen: Die Augen nachtaktiver Eulenfalter leuchten im Licht auf. Eine spiegelnde Schicht im Auge nutzt das wenige Licht in der Nacht besser aus.
Flugunfähige Weibchen: Bei manchen Arten, etwa bei Sackträgern und Frostspannern, sind die Flügel der Weibchen verkümmert, sie können nicht fliegen.
Beispiele für heimische Nachtfalter
Eulenfalter und Verwandte
Zu den Eulenfaltern, Trägspinnern und Graueulchen gehören in Deutschland 553 Arten und Unterarten. Mit Eulen haben sie nur den Namen gemeinsam: Wie die Vögel sind die meisten in der Dämmerung und nachts aktiv. Die Braune Tageule fliegt dagegen auch am Tag. Einige Wintereulen unterbrechen bei mildem Wetter sogar ihre Winterruhe und fliegen zwischen November und Februar.
Viele Eulenfalter sind hervorragend getarnt. Die Goldhaar-Rindeneule ist auf Baumrinde kaum zu sehen, die Hellgrüne Flechteneule verschmilzt mit Flechten. Andere kombinieren Tarnung mit Warnfarben: Das Weidenkarmin hat rote, die Hausmutter orange Hinterflügel. Diese Farben zeigen Fressfeinden, dass die Falter nicht gut schmecken. Einige Arten wie die Kohleule oder die Gemüseeule können in Monokulturen Schäden anrichten.
Spanner
Spannerraupen haben weniger Bauchbeine als andere Raupen, nämlich nur am sechsten und zehnten Hinterleibsring. Zu den Spannern gehört auch der Birkenspanner, von dem es helle und dunkle Formen gibt.
Spinner und Schwärmer
In Deutschland gibt es etwa 260 Arten, Unterarten und Formen der spinnerartigen Falter. Dazu zählen Spinner, Schwärmer, Sackträger und Glasflügler. Sie sehen sehr unterschiedlich aus, manche tragen kuriose Namen wie Pflaumenglucke, Kammerjungfer oder Hofdame.
- Schwärmer sind sehr gute Flieger. Die meisten sind nachtaktiv. Wie Kolibris stehen sie mit schwirrenden Flügeln vor Blüten und saugen mit ihrem langen Rüssel Nektar aus engen, langen Blütenröhren. Das Taubenschwänzchen ist dagegen am Tag unterwegs.
- Glasflügler haben überwiegend durchsichtige Flügel und sehen Bienen oder Wespen ähnlich.
- Sackträger: Ihre Raupen leben in einem Sack aus Spinnfäden, Sand, Steinchen oder Pflanzenteilen, den sie mit sich herumtragen.
- Bärenspinner haben oft dicht behaarte Raupen, die Raupen der Prozessionsspinner tragen Brennhaare.
Kleine Motten
Viele Nachtfalter sind sehr klein. Manche ihrer Raupen fressen ungewöhnliche Dinge: Einige Raupen aus der Familie der Echten Motten fressen tierische Stoffe wie Horn, Raupen der Wachsmotten fressen Wachs. Zu den Echten Motten gehört auch die Kleidermotte.
Ernährung
Raupen haben kräftige, kauende Mundwerkzeuge. Das Raupenstadium dient vor allem dem Fressen. Die meisten ernähren sich von Pflanzen und sind oft auf bestimmte Pflanzen oder Pflanzenfamilien spezialisiert. Manche leben im Inneren von Blättern und fressen dort Gänge, man nennt sie Minierer. Einige Zünslerraupen leben sogar unter Wasser.
Falter saugen vor allem Nektar aus Blüten. Daneben nehmen sie auch Honigtau, Baumsäfte, Saft von überreifen Früchten und Feuchtigkeit aus dem Boden auf. Dabei bestäuben sie Blüten, Schwärmer zum Beispiel Pflanzen, die nachts blühen. Manche Arten fressen als Falter gar nichts mehr, weil ihr Rüssel verkümmert ist. Diese Falter leben nur kurz.
Entwicklung: Vom Ei zum Falter
Nachtfalter machen eine vollständige Verwandlung durch, in vier Stadien:
- Ei: Das Weibchen legt seine Eier einzeln oder in Gelegen meist an die Futterpflanze der Raupen. Je nach Art sind es bis zu einige Tausend Eier.
- Raupe: Die Raupe frisst und wächst. Dabei häutet sie sich meist vier- bis fünfmal. Die Raupenzeit dauert einige Wochen, manchmal sogar Jahre.
- Puppe: Viele Raupen spinnen vor der Verpuppung einen Kokon aus Seide. Andere verpuppen sich in der Erde. Die Puppenruhe dauert wenige Tage bis zu mehreren Jahren.
- Falter: Der fertige Falter sprengt die Puppenhülle. Er pumpt seine Flügel mit Körperflüssigkeit und Luft auf, nach einigen Stunden sind sie ausgehärtet.
Partnersuche: Bei vielen Arten locken die Weibchen die Männchen mit Duftstoffen an, die sie aus Drüsen am Hinterleibsende abgeben. Männchen des Nachtpfauenauges oder des Seidenspinners riechen diese Lockstoffe teilweise über Kilometer.
Lebensdauer: Manche Sackträger leben als Falter nur wenige Stunden. Einige Wintereulen überwintern dagegen als Falter und leben so mehrere Monate. Je nach Art gibt es eine oder mehrere Generationen im Jahr. Den Winter überstehen manche Arten als Ei, andere als Raupe, Puppe oder Falter.
Feinde und Gefährdung
Fressfeinde: Zu den natürlichen Feinden der Nachtfalter gehören Fledermäuse. Hören Eulenfalter die Ultraschallrufe einer Fledermaus, fliegen sie im Zickzack oder lassen sich plötzlich fallen. Einige Arten erzeugen sogar selbst Ultraschalllaute, die das Ortungssystem der Fledermäuse stören. Andere schützen sich durch Tarnung, Warnfarben oder große Augenflecken auf den Flügeln, die Angreifer irritieren.
Rote Liste: Weil Nachtfalter keine einheitliche Gruppe sind, werden sie in Deutschland in mehreren Roten Listen bewertet. Ein Beispiel aus der Roten Liste von 2011: Von 530 bewerteten Eulenfaltern, Trägspinnern und Graueulchen gelten 28 Prozent als bestandsgefährdet und 4 Prozent als ausgestorben oder verschollen. Bei den spinnerartigen Faltern sind 31 Prozent bestandsgefährdet und 6 Prozent ausgestorben oder verschollen.
Ursachen: Vor allem gehen Lebensräume verloren, etwa trockene, offene Flächen und Feuchtgebiete. Auch Insektengifte, zu viele Nährstoffe in den Lebensräumen und eine ungeeignete Bewirtschaftung schaden vielen Arten.
Lichtverschmutzung: Warum Nachtfalter um Lampen kreisen
Jeder kennt das Bild: Im Sommer flattern nachts Falter um Straßenlaternen. Lange gab es dafür verschiedene Erklärungen: Die Tiere würden sich am Mond orientieren und Lampen mit ihm verwechseln, oder sie würden zum Licht hin flüchten. Eine Studie aus dem Jahr 2024 hat die Flüge von Insekten an Lampen mit Kameras dreidimensional aufgezeichnet. Das Ergebnis: Die Insekten fliegen gar nicht direkt auf das Licht zu. Sie drehen ihren Rücken zur hellsten Stelle. Unter freiem Himmel ist das der Himmel, so halten sie ihre Fluglage. In der Nähe einer Lampe führt dieses Verhalten aber dazu, dass sie immer wieder um die Lichtquelle herumsteuern und nicht mehr wegkommen.
Folgen für die Bestände: Künstliches Licht in der Nacht schadet nicht nur den Faltern selbst. In einer Studie fanden Forschende unter Straßenlaternen deutlich weniger Raupen als an dunklen Vergleichsstellen: in Hecken 47 Prozent weniger, an Wiesenrändern 33 Prozent weniger. Das Licht störte außerdem das Fressverhalten nachtaktiver Raupen. Weiße LED-Leuchten wirkten sich stärker aus als gelbliche Natriumdampflampen.
Was hilft? Wer nachts im Garten oder am Haus unnötige Beleuchtung ausschaltet, nimmt Nachtfaltern eine Gefahr. Wo Licht nötig ist, schadet gelbliches Licht nach dieser Studie weniger als weißes.
Häufige Fragen zu Nachtfaltern
Was ist der Unterschied zwischen Nachtfaltern und Tagfaltern?
Tagfalter haben Fühler mit einer kleinen Verdickung am Ende und klappen ihre Flügel in Ruhe über dem Rücken zusammen. Nachtfalter haben keinen einheitlichen Fühlerbau, oft sind die Fühler fadenförmig oder gekämmt. Viele legen ihre Flügel dachförmig über den Körper. Biologisch sind Nachtfalter keine Verwandtschaftsgruppe, sondern alle Schmetterlinge, die keine Tagfalter sind.
Warum fliegen Nachtfalter ins Licht?
Nach einer Studie von 2024 werden sie nicht direkt vom Licht angezogen. Sie drehen ihren Rücken zur hellsten Stelle, um ihre Fluglage zu halten. An einer Lampe lässt sie dieses Verhalten im Kreis fliegen, sodass sie gefangen bleiben.
Was fressen Nachtfalter?
Die Raupen fressen meist Blätter und andere Pflanzenteile. Die Falter saugen mit ihrem Rüssel Nektar, Baumsäfte, Honigtau oder Saft überreifer Früchte. Manche Arten fressen als Falter überhaupt nicht.
Welcher ist der größte Nachtfalter?
Die tropische Agrippinaeule erreicht über 30 cm Flügelspannweite. In Mitteleuropa ist das Große Nachtpfauenauge der größte Schmetterling.
Wie lange lebt ein Nachtfalter?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche Sackträger leben als Falter nur wenige Stunden, einige Wintereulen überwintern als Falter und leben mehrere Monate. Die Raupenzeit dauert einige Wochen bis zu Jahren.
Können Nachtfalter hören?
Ja, viele Nachtfalter haben Gehörorgane an Brust, Hinterleib oder Kopf. Damit hören sie die Ultraschallrufe von Fledermäusen und können ihnen ausweichen.
Ähnliche Tiere
- Schmetterling - die gesamte Ordnung der Schmetterlinge
- Motte - kleine Nachtfalter, die man oft im Haus findet
- Kleidermotte - ein kleiner Nachtfalter aus der Familie der Echten Motten
- Raupe - das Larvenstadium der Schmetterlinge
- Seidenraupen - die Raupen des Seidenspinners, eines Nachtfalters
- Fledermaus - ein nächtlicher Jäger der Nachtfalter
Quellen
- Nachtfalter - Lexikon der Biologie, Spektrum der Wissenschaft
- Schmetterlinge - Lexikon der Biologie, Spektrum der Wissenschaft
- Eulenfalter, Trägspinner, Graueulchen - Rote-Liste-Zentrum, nach Wachlin, V. & Bolz, R. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Eulenfalter, Trägspinner und Graueulchen Deutschlands
- Spinnerartige Falter - Rote-Liste-Zentrum, nach Rennwald, E. et al. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Spinnerartigen Falter Deutschlands
- Fabian, S.T. et al. (2024): Why flying insects gather at artificial light. Nature Communications 15
- Boyes, D.H. et al. (2021): Street lighting has detrimental impacts on local insect populations. Science Advances 7
Größenvergleich
Der Nachtfalter ist mit 2 mm bis 30 cm sehr unterschiedlich groß. Die kleinsten Exemplare sind nicht größer als eine Biene (1,5 cm), die größten bleiben aber kleiner als ein Kind (1,2 m).