Nacktmull

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Nacktmull mit rosa, faltiger Haut, winzigen Augen und großen, vorstehenden Schneidezähnen
Roman Klementschitz, Wien / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Kurz erklärt

Der Nacktmull ist ein fast haarloses Nagetier mit rosa, faltiger Haut und riesigen Schneidezähnen. Er lebt in Ostafrika in großen Kolonien unter der Erde, in denen wie bei Bienen nur eine Königin Junge bekommt. Nacktmulle können über 30 Jahre alt werden, so alt wie kein anderes Nagetier. Sie fressen Pflanzenknollen und müssen nie trinken.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameHeterocephalus glaber
Abstammung
  • Klasse: Säugetiere
  • Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
  • Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricomorpha)
  • Familie: Nacktmulle (Heterocephalidae)
  • Gattung: Heterocephalus
  • Art: Nacktmull
KörpergrößeKörperlänge etwa 7,5 bis 10 cm ohne Schwanz
Körpergewicht30 bis 50 g je nach Stellung in der Kolonie, Königinnen bis etwa 70 g
ErnährungPflanzenfresser: unterirdische Pflanzenteile, vor allem Knollen und Wurzeln
LebenserwartungIn menschlicher Obhut über 30 Jahre, das Höchstalter ist noch unbekannt
SozialverhaltenKolonien mit durchschnittlich etwa 70 Tieren, selten bis fast 300; nur eine Königin bekommt Junge
HerkunftOstafrika
Verbreitung Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Somalia Afrika
EntdeckungErstbeschreibung 1842 durch Eduard Rüppell
GefährdungLC Nicht gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2016)
SonstigesEines von nur zwei Säugetieren, die in Staaten wie Bienen oder Ameisen leben. Das langlebigste Nagetier der Welt.

Was ist ein Nacktmull?

Der Nacktmull (Heterocephalus glaber) ist ein Nagetier aus Ostafrika, das sein ganzes Leben unter der Erde verbringt. Trotz seines Namens ist er weder ein Maulwurf noch eine Ratte. Er ist näher mit Stachelschweinen, Chinchillas und Meerschweinchen verwandt.

Der Nacktmull ist in vieler Hinsicht ein Rekordtier:

  • Er kann über 30 Jahre alt werden, älter als jedes andere Nagetier.
  • Er lebt in Staaten wie Bienen oder Ameisen, in denen nur eine Königin Junge bekommt.
  • Er kann im Versuch 18 Minuten ohne Sauerstoff überleben.
  • Er hält seine Körpertemperatur nicht konstant, fast wie ein wechselwarmes Tier.

Deshalb interessiert sich die Forschung sehr für den Nacktmull. Wissenschaftler hoffen, von ihm etwas über Altern, Krebs und Sauerstoffmangel zu lernen.

Aussehen und Körperbau

Größe: Ein Nacktmull ist etwa 7,5 bis 10 cm lang, dazu kommt ein dünner, rattenähnlicher Schwanz. Er ist also ungefähr so groß wie eine Maus.

Gewicht: Nacktmulle wiegen meist 30 bis 50 g, je nachdem, welche Aufgabe sie in der Kolonie haben. Die Königin ist das größte Tier der Kolonie und kann bis etwa 70 g schwer werden.

Haut: Die Haut ist rosa oder graurosa und stark gefaltet. Auf dem Rücken ist sie etwas dunkler, am Bauch leicht durchscheinend. „Nackt“ ist der Nacktmull aber nicht ganz: Über den Körper verteilt wachsen etwa 100 feine Haare. Sie funktionieren wie Tasthaare und helfen ihm, sich im Dunkeln zurechtzufinden. Haare zwischen den Zehen fegen beim Graben die Erde nach hinten.

Zähne: Am auffälligsten sind die vier großen Schneidezähne, die ein Leben lang nachwachsen. Etwa ein Viertel der gesamten Muskelmasse steckt in den Kiefermuskeln. Die Lippen schließen sich hinter den Schneidezähnen. So kann der Nacktmull mit den Zähnen graben, ohne Erde in den Mund zu bekommen. Seine vorderen Zähne kann er unabhängig voneinander bewegen, spreizen und wieder zusammenführen, ähnlich wie Essstäbchen.

Sinne: Äußere Ohrmuscheln fehlen, die Augen sind winzig. Sehen kann der Nacktmull kaum. Umso wichtiger sind Geruch, Gehör und Tastsinn. Er spürt Erschütterungen im Boden und Luftbewegungen in den Gängen. Der Teil seines Gehirns, der für den Tastsinn zuständig ist, ist ungewöhnlich groß. Fast ein Drittel davon verarbeitet Signale von den Schneidezähnen. Vermutlich ertastet der Nacktmull seine Umgebung zu einem guten Teil mit den Zähnen.

Vorwärts und rückwärts: In den engen Gängen kann der Nacktmull genauso gut rückwärts laufen wie vorwärts.

Verbreitung und Lebensraum

Verbreitung: Nacktmulle leben nur in Ostafrika, und zwar in Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Somalia.

Lebensraum: Sie bewohnen trockene, grasbewachsene Halbwüsten und Savannen. An die Oberfläche kommen sie praktisch nie.

Das Gangsystem: Eine Kolonie gräbt ein riesiges Netz aus Tunneln. Die Gänge sind etwa 4 cm breit. Manche verlaufen dicht unter der Oberfläche, andere bis zu 2 m tief. Zusammen können alle Gänge einer Kolonie bis zu 4 km lang sein. Im Bau gibt es verschiedene Kammern: ein Nest für die Königin und die Jungen, Vorratskammern für Futter und sogar eigene Toilettenkammern.

Graben am Fließband: Beim Graben arbeiten die Nacktmulle zusammen. Das vorderste Tier lockert die Erde mit den Zähnen. Die anderen schieben sie in einer langen Reihe nach hinten bis zu einer Öffnung. Dort schleudert ein Tier die Erde nach oben, so entsteht ein kleiner Erdhügel. Am meisten graben Nacktmulle nach der Regenzeit, wenn der sonst sehr harte Boden weich ist.

Ernährung

Nacktmulle sind Pflanzenfresser. Sie fressen die unterirdischen Teile von Pflanzen, vor allem Knollen und Wurzeln. Manche Knollen sind mehr als 30 cm dick.

Nie trinken: Nacktmulle trinken kein Wasser. Die saftigen Knollen liefern alles, was sie brauchen.

Clevere Ernte: Findet eine Gruppe eine große Knolle, frisst sie das Innere aus und lässt die dünne Außenhaut stehen. So bleibt die Pflanze oft am Leben und wächst weiter. Die Kolonie kann dadurch lange von derselben Knolle zehren.

Futtersuche: Findet ein Nacktmull eine neue Futterquelle, beißt er ein Stück ab und läuft damit zurück zur Gruppe. Dabei zirpt er und schwenkt das Futter. Die anderen folgen seiner Duftspur zur Futterstelle.

Kot als zweite Mahlzeit: Knollen enthalten viele schwer verdauliche Pflanzenfasern. Im Darm helfen viele Mikroorganismen bei der Verdauung. Außerdem fressen Nacktmulle regelmäßig ihren eigenen Kot. So nutzen sie die Nahrung ein zweites Mal aus.

Leben in der Kolonie

Ein Staat wie bei Insekten: Nacktmulle sind eusozial. Das bedeutet, sie leben in einer Kolonie mit Arbeitsteilung, in der sich nur ein einziges Weibchen fortpflanzt. Unter den Säugetieren kennt man so etwas sonst nur von einer weiteren Art, dem Damaraland-Graumull.

Größe der Kolonie: Eine Kolonie besteht im Durchschnitt aus etwa 70 Tieren. Man hat aber auch Kolonien mit fast 300 Nacktmullen gefunden.

Die Aufgaben:

  • Königin: das einzige Weibchen, das Junge bekommt
  • Zuchtmännchen: wenige Männchen, die sich mit der Königin paaren
  • Arbeiter: Männchen und Weibchen, die graben, Futter suchen und die Jungen versorgen
  • Soldaten: größere Tiere, die die Kolonie verteidigen

Die Königin: Eine Königin wird nicht als Königin geboren. Stirbt die alte Königin, kämpfen mehrere Weibchen um ihren Platz, manchmal bis zum Tod. Die Siegerin verändert danach sogar ihren Körper: Die Abstände zwischen ihren Wirbeln werden größer, sie wird länger und hat so Platz für viele Junge. Die Königin kontrolliert ständig die Gänge und schubst andere Tiere herum, um ihre Stellung zu behaupten.

Alle riechen gleich: Weil sie kaum sehen, erkennen sich Nacktmulle am Geruch. Alle Mitglieder einer Kolonie wälzen sich in der Toilettenkammer. So riechen sie gleich und können fremde Eindringlinge erkennen.

Viele Laute: Nacktmulle verständigen sich mit etwa 18 verschiedenen Lauten. Das sind mehr als bei jedem anderen Nagetier.

Kuscheln statt frieren: Anders als fast alle Säugetiere halten Nacktmulle ihre Körpertemperatur nicht konstant. Sie schwankt mit der Temperatur der Umgebung. Um nicht auszukühlen, drängen sich die Tiere eng aneinander. Wird ihnen zu kalt, wärmen sie sich in den flachen, von der Sonne aufgeheizten Gängen dicht unter der Oberfläche.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Tragzeit: Etwa 70 Tage. Die Königin kann alle 80 Tage einen neuen Wurf bekommen, also bis zu fünf Würfe im Jahr.

Wurfgröße: Im Durchschnitt bekommt eine Königin etwa 12 Junge auf einmal, höchstens etwa 30. Das gehört zu den größten Würfen, die man von Säugetieren kennt. Die Königin hat 12 Zitzen.

Junge: Neugeborene wiegen weniger als 2 g. Die Königin säugt sie etwa einen Monat lang. Schon mit etwa zwei Wochen fressen sie auch feste Nahrung. Die Arbeiter füttern die Jungen außerdem mit Kot. So kommen die nützlichen Darmbakterien in den Darm der Kleinen.

Mitarbeiten: Mit drei bis vier Wochen fangen die Jungen an zu graben, zu fegen und Futter zu tragen. Mit etwa einem Jahr sind sie ausgewachsen und könnten sich fortpflanzen. Solange sie in der Kolonie leben, tun sie das aber nicht, weil nur die Königin Junge bekommt.

Rekorde und Besonderheiten

Ein Nagetier, das kaum altert: Nacktmulle können über 30 Jahre alt werden. Forschende haben mehr als 3.000 Angaben zur Lebensdauer von Nacktmullen ausgewertet. Das Ergebnis: Anders als bei allen anderen bisher untersuchten Säugetieren steigt ihr Sterberisiko mit dem Alter nicht an. Sehr alte Tiere sterben also nicht häufiger als junge Erwachsene. Die Forschenden bezeichnen den Nacktmull deshalb als nicht alterndes Säugetier.

Überleben ohne Sauerstoff: In ihren engen, dicht besiedelten Bauen ist oft wenig Sauerstoff in der Luft. In Versuchen überlebten Nacktmulle stundenlang bei extrem wenig Sauerstoff und sogar 18 Minuten ganz ohne Sauerstoff, ohne erkennbare Schäden. Ihr Körper gewinnt dann Energie aus Fruchtzucker (Fruktose), der vor allem im Gehirn verwertet wird.

Kaum Krebs: Krebs ist bei Nacktmullen sehr selten. In mehrjährigen Beobachtungen großer Kolonien fanden Forschende zunächst keinen einzigen Fall. Inzwischen kennt man zwar einzelne Krebserkrankungen, vor allem bei alten Tieren in Zoos und Laboren, aber im Vergleich zu anderen Nagetieren nur sehr wenige. Als ein Grund für diesen Schutz gilt ein besonderer Stoff im Gewebe der Nacktmulle, eine sehr große Form der Hyaluronsäure.

Feinde und Gefährdung

Feinde: Zu ihren Feinden gehören vor allem Schlangen, die bis in die Gänge vordringen können. Schlägt ein Arbeiter Alarm, eilen die Soldaten herbei. Oft stapeln sie sich übereinander und versperren den Gang mit ihren scharfen Zähnen.

Gefährdung: Derzeit sind Nacktmulle nicht bedroht. Sie leben in Gebieten, in denen es wenig Landwirtschaft und Bebauung gibt. Einige Kolonien leben in Schutzgebieten, zum Beispiel in den Nationalparks Kenias. Auf der Roten Liste der IUCN gelten sie als nicht gefährdet (IUCN, 2016).

Mögliche Probleme: Breitet sich die Landwirtschaft aus, könnten Nacktmulle häufiger als Schädlinge gelten. Sie fressen gern Wurzeln und Knollen, etwa von Süßkartoffeln. Werden ihre Lebensräume zerschnitten, könnten kleine Kolonien in Zukunft genetisch verarmen.

Häufige Fragen zum Nacktmull

Wie groß und wie schwer ist ein Nacktmull?

Ein Nacktmull ist etwa 7,5 bis 10 cm lang und wiegt 30 bis 50 g. Die Königin ist das größte Tier der Kolonie und kann bis etwa 70 g wiegen.

Wie alt wird ein Nacktmull?

Nacktmulle können über 30 Jahre alt werden. Im Smithsonian National Zoo gibt es sogar eine eigene Anlage für Senioren, die sich dem Alter von 30 Jahren nähern. Das ist für ein so kleines Nagetier einmalig. Wie alt sie höchstens werden können, weiß man noch nicht.

Was frisst ein Nacktmull?

Nacktmulle fressen unterirdische Pflanzenteile, vor allem saftige Knollen und Wurzeln. Wasser trinken sie nie, weil sie genug Flüssigkeit aus ihrer Nahrung bekommen.

Warum ist der Nacktmull nackt?

Er lebt in den warmen Gängen unter der Erde, in denen es etwa 30 °C warm ist. Ein Fell braucht er dort nicht, und vor der Sonne muss er sich auch nicht schützen. Etwa 100 feine Haare dienen ihm als Tasthaare.

Hat ein Nacktmull eine Königin?

Ja. In jeder Kolonie bekommt nur ein Weibchen Junge, die Königin. Sie paart sich mit wenigen Männchen, alle anderen Tiere arbeiten für die Kolonie, ähnlich wie bei Bienen und Ameisen.

Ist ein Nacktmull blind?

Nicht ganz. Seine Augen sind winzig und nützen ihm unter der Erde wenig, ein bisschen sehen kann er aber. Viel wichtiger sind sein Geruchssinn, sein Gehör und sein Tastsinn.

Ähnliche Tiere

  • Meerschweinchen - ein Verwandter aus derselben Unterordnung
  • Stachelschwein - ebenfalls ein Stachelschweinverwandter
  • Chinchilla - ein Verwandter aus den Anden Südamerikas
  • Maulwurf - gräbt ebenfalls Gänge, ist aber ein Insektenfresser
  • Taschenratte - ein grabendes Nagetier aus Nordamerika
  • Ameise - lebt wie der Nacktmull in einem Staat mit Königin

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Nacktmull
7,5 bis 10 cm

Stell dir vor, du stellst eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) neben einen Nacktmull: Der Nacktmull ist um einiges größer. Neben einem Fußball (22 cm) wirkt er mit seinen 7,5 bis 10 cm aber wiederum deutlich kleiner. Genauer gesagt ist der Nacktmull etwa 4-mal so groß wie eine 1-Euro-Münze und rund 3-mal kleiner als ein Fußball.

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Nacktmull
30 bis 50 g

Ein Nacktmull bringt 30 bis 50 g auf die Waage. Das ist schwerer als eine 1-Euro-Münze (7,5 g), aber leichter als eine Tafel Schokolade (100 g). Anders ausgedrückt: Der Nacktmull wiegt so viel wie etwa 5 1-Euro-Münzen.