Nerz
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Kurz erklärt
Der Europäische Nerz ist ein kleiner, dunkelbrauner Marder, der an Bächen, Flüssen und Seen lebt. Er schwimmt und taucht gut und jagt Mäuse, Fische, Frösche und Krebse. Er gehört zu den seltensten Säugetieren Europas und ist vom Aussterben bedroht. In Deutschland war er ausgestorben, am Steinhuder Meer wird er wieder angesiedelt.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Mustela lutreola |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Kopf-Rumpf-Länge 20 bis 36 cm, Schwanz 12 bis 17,5 cm; mit Schwanz 32 bis 50 cm, im Durchschnitt etwa 38 cm (Männchen) und 31 cm (Weibchen) |
| Körpergewicht | Männchen 650 bis 1.000 g, Weibchen 500 bis 600 g; große Männchen auch über 1 kg |
| Ernährung | Fleischfresser: kleine Säugetiere wie Schermäuse und Mäuse, Fische, Frösche, Flusskrebse, Vögel, Weichtiere und Insekten |
| Lebenserwartung | In Menschenobhut höchstens 8,4 Jahre nachgewiesen; für die freie Natur gibt es keine gesicherten Angaben |
| Sozialverhalten | Einzelgänger; Männchen und Weibchen treffen sich nur zur Paarungszeit im Februar und März |
| Herkunft | Europa |
| Verbreitung | Heute nur noch in wenigen, getrennten Restvorkommen: Nordspanien und Westfrankreich, Donaudelta in Rumänien und der Ukraine, Teile Russlands; auf der estnischen Insel Hiiumaa wieder angesiedelt; in Deutschland ausgestorben, Wiederansiedlung am Steinhuder Meer Europa |
| Entdeckung | Erstbeschreibung 1761 durch Carl von Linné (als Viverra lutreola) |
| Gefährdung | CR Vom Aussterben bedroht (Rote Liste der IUCN, 2016) |
| Sonstiges | Nicht zu verwechseln mit dem Amerikanischen Mink (Neogale vison), der aus Pelzfarmen stammt und den Europäischen Nerz verdrängt. Rote Liste Deutschland (2020): ausgestorben oder verschollen. |
Nerz oder Mink?
Wenn von "dem Nerz" die Rede ist, sind oft zwei verschiedene Tierarten gemeint. Beide sind kleine Marder, die am Wasser leben, und sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich:
- Europäischer Nerz (Mustela lutreola): Er ist in Europa heimisch und um ihn geht es auf dieser Seite. Er gehört zu den seltensten Säugetieren der Welt.
- Amerikanischer Mink (Neogale vison, früher Neovison vison): Er stammt aus Nordamerika. Weil sein Fell wertvoller ist, wurde er in Europa auf Pelzfarmen gezüchtet. Entlaufene und freigelassene Tiere leben heute in vielen Gegenden Europas frei. Für den Europäischen Nerz ist der Mink eine der größten Gefahren.
So unterscheidet man sie: Beim Europäischen Nerz sind Oberlippe, Unterlippe und Kinn weiß, das Weiß bildet eine Maske rund um das Maul. Beim Mink sind nur Unterlippe und Kinn weiß, die Oberlippe ist dunkel. Außerdem hat der Mink einen längeren Schwanz, der mehr als halb so lang ist wie sein Körper.
Die beiden Arten sind übrigens nicht eng verwandt. Früher hielten Behörden sie aber für dieselbe Art, mit schlimmen Folgen für den Europäischen Nerz (siehe unten).
Aussehen und Körperbau
Der Europäische Nerz ist ein mittelgroßer Marder mit langem, schlankem Körper, kurzen Beinen und kurzem Schwanz. Sein Schädel ist flach und schmal.
Größe und Gewicht: Der Körper ist ohne Schwanz 20 bis 36 cm lang, dazu kommt ein 12 bis 17,5 cm langer Schwanz. Mit Schwanz misst ein Nerz 32 bis 50 cm, Männchen im Durchschnitt etwa 38 cm, Weibchen etwa 31 cm. Männchen wiegen 650 bis 1.000 g, große Tiere auch etwas mehr. Weibchen bringen nur 500 bis 600 g auf die Waage.
Fell: Das Fell ist kurz, dicht und glänzend. Es ist rotbraun bis fast schwarz, die Unterseite ist etwas heller. Im Winter wächst eine dicke, wasserabweisende Unterwolle. Typisch ist der weiße Rand rund ums Maul. Manchmal sind auch Brust und Kehle weiß gefleckt.
Verbreitung und Lebensraum
Früher: Der Europäische Nerz war einst in weiten Teilen Europas verbreitet, von Finnland bis über den Ural hinaus und vom Norden Spaniens bis zum Kaukasus. Auch in Deutschland lebte er.
Heute: In den letzten 150 Jahren ist er fast überall verschwunden. Sein Verbreitungsgebiet ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts um mehr als 85 Prozent geschrumpft. Übrig sind nur noch wenige, voneinander getrennte Vorkommen:
- Donaudelta in Rumänien: das stärkste Vorkommen der Welt mit geschätzt 1.000 bis 1.500 Tieren
- Nordspanien: wahrscheinlich etwa 500 Tiere, vor allem im Einzugsgebiet des Ebro
- Westfrankreich: nur noch wenige Hundert Tiere oder bereits ausgestorben, die letzten Daten stammen von 2004
- Ukraine und Russland: verstreute, oft sehr kleine Restvorkommen
- Estland: Auf der Insel Hiiumaa wurde ab dem Jahr 2000 eine neue Population angesiedelt, die sich fortpflanzt und weniger als 100 Tiere umfasst
In Deutschland, Österreich, Polen, Finnland und vielen weiteren Ländern ist der Europäische Nerz ausgestorben.
Lebensraum: Nerze leben an Bächen, Flüssen und Seen mit dicht bewachsenen Ufern. Sie entfernen sich selten mehr als 100 m vom Süßwasser. In Südwestfrankreich bevorzugen sie überflutete Lebensräume wie Sümpfe, Bruchwälder und Moore. An Meeresküsten wurden sie nie nachgewiesen. Man findet sie vom Meeresspiegel bis in etwa 1.120 m Höhe.
Ernährung
Der Europäische Nerz ist ein Fleischfresser mit vielseitigem Speiseplan. Er jagt am Ufer und im Wasser:
- kleine Säugetiere, oft vor allem Schermäuse und Mäuse
- Fische
- Frösche und andere Amphibien
- Krebse, vor allem Flusskrebse
- Vögel
- Schnecken, Muscheln und Insekten
Beispiele aus der Forschung: In Nordspanien untersuchten Forschende den Kot von Nerzen. Kleine Säugetiere machten etwa 37 Prozent der Beute aus, Fische 31 Prozent und Vögel 18 Prozent. Am häufigsten fraßen die Nerze dort Waldmäuse (Apodemus sylvaticus) und bei den Fischen Arten aus der Gattung der Barben (Barbus). Im Nordosten von Belarus waren dagegen drei von neun untersuchten Nerzen echte Froschspezialisten, ein Tier fraß vor allem Flusskrebse.
Vorräte: Was ein Nerz nicht sofort fressen kann, versteckt er manchmal für später.
Verhalten und Lebensweise
Nachts unterwegs: Nerze sind vor allem nachts und in der Dämmerung aktiv. Tagsüber ruhen sie in Felsspalten, zwischen Baumwurzeln, in dichtem Brombeergestrüpp oder in Erdbauen. Diese graben sie selbst oder übernehmen sie von Schermäusen.
An Land und im Wasser: Der Nerz lebt hauptsächlich an Land, schwimmt und taucht aber gut.
Einzelgänger: Nerze leben allein. Männchen und Weibchen treffen sich nur in der Paarungszeit. Die Streifgebiete der Männchen liegen nebeneinander und überschneiden sich kaum. Die Weibchen leben oft innerhalb des Gebiets eines Männchens.
Streifgebiet: Nach älteren Studien sind die Streifgebiete im Durchschnitt etwa 32 Hektar (Männchen) und 26 Hektar (Weibchen) groß. In Südwesteuropa nutzten Männchen 11 bis 17 km lange Abschnitte entlang von Gewässern. Im Herbst und Winter wandern Nerze manchmal weit, um schnell fließende Bäche zu finden, die nicht zufrieren.
Fortpflanzung und Nachwuchs
Paarungszeit: Nerze paaren sich im Februar und März.
Tragzeit: Die Angaben gehen auseinander. Der Vincent Wildlife Trust nennt 35 bis 42 Tage und betont, dass der Europäische Nerz anders als manche anderen Marder keine Keimruhe einlegt. Im Handbook of the Mammals of the World steht eine Spanne von 35 bis 72 Tagen.
Geburt: Die Jungen kommen im April und Mai zur Welt, in Steinhaufen, unter Wurzeln, in hohlen Bäumen oder in verlassenen Gebäuden. Ein Wurf besteht aus 2 bis 7 Jungen, meist sind es 4 oder 5. Die Neugeborenen sind blind und wiegen nur etwa 8 g.
Aufwachsen: Nach 30 bis 36 Tagen öffnen die Jungen die Augen. Mit etwa zehn Wochen sind sie entwöhnt. Die Mutter zieht sie allein groß. Mit 9 bis 11 Monaten sind junge Nerze geschlechtsreif und können sich schon in der nächsten Paarungszeit fortpflanzen.
Lebenserwartung: Wie alt Nerze in freier Natur werden, ist kaum bekannt. In Menschenobhut wurde ein Höchstalter von 8,4 Jahren nachgewiesen.
Gefährdung
Vom Aussterben bedroht: Auf der Roten Liste der IUCN gilt der Europäische Nerz als vom Aussterben bedroht (CR, Maran et al. 2016). In nur zehn Jahren ist mehr als die Hälfte der Tiere verschwunden, und die Fachleute befürchten einen Rückgang um mehr als 80 Prozent in den folgenden zehn Jahren. Vermutlich gibt es heute über 90 Prozent weniger Nerze als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die drei Hauptgründe:
- Lebensraumverlust: Flüsse wurden begradigt, Wasserkraftwerke gebaut und Gewässer verschmutzt. Damit verschwanden die naturnahen Ufer, die der Nerz braucht.
- Pelzjagd: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Nerz wegen seines Fells stark bejagt.
- Der Amerikanische Mink: In der Sowjetunion begann die Minkzucht auf Pelzfarmen in den 1920er-Jahren. Bis 1971 wurden dort außerdem mehr als 20.000 Minke absichtlich freigelassen, etwa 4.000 davon im Lebensraum des Europäischen Nerzes. Damals hielt man beide noch für dieselbe Art. In Dänemark stammen nach einer Studie 86 Prozent der frei lebenden Minke aus Farmen. Der Mink ist anpassungsfähiger, greift Nerze an und verdrängt sie. Es sind viele Fälle bekannt, in denen Minke Nerze an einem Ort ersetzt haben, aber kein einziger umgekehrt.
Dazu kommen kleinere Gefahren: Verkehrsunfälle, Krankheiten, Gift, das für andere Tiere ausgelegt wurde, und gelegentliche Kreuzungen mit dem Iltis.
Schutz: Der Nerz ist in allen Ländern, in denen er vorkommt, gesetzlich geschützt. Seit 1992 gibt es ein europäisches Erhaltungszuchtprogramm der Zoos, das 2014 etwa 250 Nerze umfasste. In Spanien wurden zum Schutz der Nerze mehr als 5.500 Minke gefangen und entfernt.
Der Nerz in Deutschland
In Deutschland gilt der Europäische Nerz als ausgestorben oder verschollen (Rote Liste Deutschland, Meinig et al. 2020). Der letzte Nachweis eines wild lebenden Nerzes stammt aus der Zeit vor 1930.
Wiederansiedlung: Der Verein EuroNerz züchtet in Osnabrück Nerze im Rahmen des europäischen Zuchtprogramms. Es gab zwei Projekte, um Nerze wieder in die Natur zu bringen:
- Saarland: Hier begann 2006 ein Ansiedlungsprojekt. Laut der Roten Liste ist es gescheitert.
- Steinhuder Meer (Niedersachsen): Seit 2010 werden am West- und Ostufer des Sees Nerze ausgewildert. Alle Tiere tragen einen Chip, einige auch einen Sender. So konnten Fachleute zeigen, dass die Nerze auch strenge Winter überleben. 2015 wurde erstmals nachgewiesen, dass sich die freigelassenen Nerze dort fortgepflanzt haben. Die Tiere halten sich sehr eng an Ufer und Gewässer.
Nach den Kriterien der Roten Liste gilt der Nerz am Steinhuder Meer aber noch nicht als dauerhaft etabliert.
Häufige Fragen zum Nerz
Was ist der Unterschied zwischen Nerz und Mink?
Der Europäische Nerz ist in Europa heimisch und vom Aussterben bedroht, der Amerikanische Mink stammt aus Nordamerika und wurde für Pelzfarmen nach Europa gebracht. Beim Nerz sind Ober- und Unterlippe weiß, beim Mink nur Unterlippe und Kinn. Der Mink hat außerdem einen längeren Schwanz.
Gibt es in Deutschland Nerze?
Wild lebende Europäische Nerze waren in Deutschland vor 1930 ausgestorben. Seit 2010 werden am Steinhuder Meer in Niedersachsen wieder Nerze ausgewildert, die sich dort auch schon fortgepflanzt haben.
Was frisst ein Nerz?
Schermäuse und andere kleine Säugetiere, Fische, Frösche, Flusskrebse, Vögel, Schnecken und Insekten. Was gerade häufig ist, wird gefressen. Manche Nerze haben sich auf Frösche oder Krebse spezialisiert.
Wie groß und schwer wird ein Nerz?
Mit Schwanz sind Männchen im Durchschnitt etwa 38 cm lang und wiegen 650 bis 1.000 g. Weibchen sind mit etwa 31 cm und 500 bis 600 g deutlich kleiner. Der Schwanz allein misst 12 bis 17,5 cm.
Warum ist der Europäische Nerz so selten?
Seine Lebensräume an naturnahen Flüssen und Feuchtgebieten wurden zerstört, er wurde lange wegen seines Fells gejagt, und der eingeschleppte Amerikanische Mink verdrängt ihn. Wo der Mink sich ausbreitet, verschwindet der Nerz.
Wo lebt der Nerz?
An Bächen, Flüssen und Seen mit dicht bewachsenen Ufern, fast nie weiter als 100 m vom Wasser entfernt. Heute kommt er nur noch in wenigen Regionen vor, vor allem im Donaudelta, in Nordspanien und in Russland.
Ähnliche Tiere
- Hermelin - ein Verwandter aus derselben Gattung Mustela
- Mauswiesel - ebenfalls ein Marder aus der Gattung Mustela
- Frettchen - die zahme Form des Iltisses, mit dem sich der Nerz selten kreuzt
- Otter - Marder, die ebenfalls am und im Wasser leben
- Baummarder - ein Marder aus dem Wald
- Wasserratte - die Schermaus ist oft die wichtigste Beute des Nerzes
Quellen
- Maran, T., Skumatov, D., Gomez, A., Põdra, M., Abramov, A.V. & Dinets, V. (2016): Mustela lutreola. The IUCN Red List of Threatened Species 2016
- Wilson, D.E. & Mittermeier, R.A. (Hrsg.) (2009): Mustela lutreola. Handbook of the Mammals of the World, Band 1, Lynx Edicions (via Plazi)
- European mink - Vincent Wildlife Trust
- Mustela lutreola - Artensteckbrief, Rote Liste der Säugetiere Deutschlands (Meinig et al. 2020), Rote-Liste-Zentrum
- FAQ zum Steinhuder Meer: Naturschutz - Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN)
- Mustela lutreola - AnAge: The Animal Ageing and Longevity Database
Größenvergleich
Mit 20 bis 36 cm gehört der Nerz zu den kleineren Tieren in unserem Lexikon. Eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) ist dagegen deutlich kleiner, während ein Kind mit 1,2 m noch einiges an Größe drauflegt. Stell dir vor: Der Nerz ist ungefähr 12-mal so lang wie eine 1-Euro-Münze!
Gewichtsvergleich
Ein Nerz bringt 500 g bis 1 kg auf die Waage. Das ist schwerer als ein Fußball (430 g), aber leichter als eine Hauskatze (4 kg).