Neunaugen
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Kurz erklärt
Neunaugen sehen aus wie kleine Aale, sind aber keine echten Fische. Sie haben keinen Kiefer, sondern ein rundes Saugmaul voller Hornzähne. Ihre Larven leben mehrere Jahre im Sand von Bächen und Flüssen. Manche Arten saugen sich als Erwachsene an Fischen fest, andere fressen danach gar nichts mehr. In Deutschland leben vier Arten, darunter Bach-, Fluss- und Meerneunauge.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Petromyzontiformes |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Bachneunauge etwa 15 cm, Flussneunauge meist 30 bis 40 cm, Meerneunauge meist 60 bis 75 cm und höchstens 120 cm |
| Körpergewicht | Je nach Art sehr unterschiedlich; das Meerneunauge wiegt höchstens etwa 2,5 kg |
| Ernährung | Larven filtern Kieselalgen, Kleinstlebewesen und organische Teilchen; erwachsene Wanderarten saugen Blut und Gewebe von Fischen, Bachneunaugen fressen als Erwachsene gar nicht |
| Lebenserwartung | Mehrere Jahre, den größten Teil davon als Larve; nach dem Laichen sterben die Tiere |
| Sozialverhalten | Laichen in Gruppen, sonst meist verborgen lebend |
| Herkunft | Vor allem gemäßigte Zonen der Nordhalbkugel, einige Arten auf der Südhalbkugel |
| Verbreitung | Vor allem Europa, Asien und Nordamerika; auf der Südhalbkugel in Australien, Neuseeland, Chile und Argentinien; Wanderarten auch im Meer AfrikaAsienEuropaNordamerikaSüdamerikaAustralienMeer |
| Sonstiges | Heimische Beispiele mit globaler IUCN-Einstufung: Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) NT (2024), Bachneunauge (Lampetra planeri) NT (2024), Meerneunauge (Petromyzon marinus) LC (2024). Neunaugen waren Fisch des Jahres 2012. |
Was sind Neunaugen?
Neunaugen sehen auf den ersten Blick aus wie kleine Aale. Mit Aalen sind sie aber nicht näher verwandt. Streng genommen sind Neunaugen gar keine Fische, sondern gehören zu den Rundmäulern. Zusammen mit den Schleimaalen sind sie die urtümlichsten Wirbeltiere, die heute noch leben.
Warum keine Fische? Den Neunaugen fehlt der Kiefer, den ein gewöhnliches Fischmaul hat. Statt eines Mauls mit Ober- und Unterkiefer besitzen sie einen runden Saugmund. Außerdem haben sie keine Schuppen, keine paarigen Flossen wie Brust- oder Bauchflossen und kein Skelett aus Knochen. Ihr Körper wird von Knorpel und einem elastischen Stab, der Chorda, gestützt.
Uralte Tiere: Die Geschichte der Neunaugen reicht nach Angaben des Deutschen Angelfischerverbands 400 bis 500 Millionen Jahre zurück. Fossilien von Neunaugen sind bis zu 360 Millionen Jahre alt, der älteste Fund stammt aus Südafrika.
Artenzahl: Weltweit gibt es mehrere Familien. Allein die Nördlichen Neunaugen umfassen nach der Fischdatenbank FishBase 45 Arten. In Deutschland leben vier Arten: Bachneunauge, Flussneunauge, Meerneunauge und das Donau-Bachneunauge. In der Liste des Deutschen Angelfischerverbands von 2012 steht an seiner Stelle noch das Ukrainische Neunauge.
Woher kommt der Name?
Der Name ist sehr alt und beruht auf einer ungenauen Beobachtung. Auf jeder Körperseite liegen hintereinander das Auge, die Nasenöffnung und sieben Kiemenöffnungen. Wer nur flüchtig hinschaut, sieht neun „Augen“ auf jeder Seite. Tatsächlich hat ein Neunauge nur zwei echte Augen und eine einzige Nasenöffnung.
Aussehen und Körperbau
Körperform: Neunaugen haben einen langen, runden, aalförmigen Körper ohne Schuppen. Die meisten Arten haben zwei Rückenflossen, die hintere geht in die Schwanzflosse über.
Saugmund: Das wichtigste Merkmal ist der kreisrunde Saugmund an der Unterseite des Kopfes. Innen ist er mit vielen harten Hornzähnen besetzt, die in Ringen angeordnet sind. Auch auf der Zunge sitzen Hornzähne. Damit saugen sich Neunaugen an anderen Tieren fest und tragen beim Bau ihrer Laichgruben Steine weg.
Größe der heimischen Arten:
- Bachneunauge: etwa 15 cm lang und nur so dick wie ein Bleistift
- Flussneunauge: als erwachsenes Tier meist 30 bis 40 cm
- Meerneunauge: meist 60 bis 75 cm, höchstens 120 cm und bis etwa 2,5 kg schwer
Farbe: Das Meerneunauge ist an Rücken und Seiten oliv bis gelbbraun mit schwarzer Marmorierung, zum Bauch hin wird es heller.
Verbreitung und Lebensraum
Die meisten Neunaugen leben in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel. In Asien lebt zum Beispiel das Arktische Neunauge, das von der Küste Sibiriens bis nach Japan und Korea vorkommt. Einige Arten gibt es auf der Südhalbkugel, etwa in Australien, Neuseeland, Chile und Argentinien. In den Tropen fehlen Neunaugen weitgehend.
Bachneunauge: Es lebt sein ganzes Leben im Süßwasser, vor allem in kleinen, sauerstoffreichen und sommerkühlen Bächen mit sauberem Wasser. Die Wassertemperatur bleibt dort meist unter 20 °C.
Flussneunauge: Es lebt je nach Alter und Jahreszeit in Flüssen und Bächen oder in Küstengewässern. In Deutschland wandert es zum Beispiel in Elbe, Weser und Ems auf.
Meerneunauge: Es lebt als erwachsenes Tier im Meer, auf beiden Seiten des Atlantiks: von Norwegen und Island bis Nordafrika, im westlichen und mittleren Mittelmeer und in Nordamerika von Labrador bis Florida. In den Großen Seen Nordamerikas gibt es Meerneunaugen, die nie ins Meer wandern.
Was alle brauchen: Neunaugen sind auf zwei Lebensräume im selben Gewässer angewiesen: Kiesbänke in der Strömung zum Laichen und ruhige Sandbänke mit feinem Schlamm, in denen die Larven leben.
Ernährung
Larven als Filtrierer: Die Larven graben sich in Sand oder Schlamm ein, nur der Kopf schaut heraus. Sie filtern Kieselalgen, winzige Lebewesen und Pflanzenteilchen aus dem Wasser.
Wanderarten als Schmarotzer: Fluss- und Meerneunaugen ernähren sich im Meer parasitisch. Sie saugen sich an größeren Fischen fest, raspeln mit ihrem bezahnten Zungenkopf die Haut auf und nehmen Blut und Gewebe auf. Ein gerinnungshemmender Stoff sorgt dafür, dass das Blut weiter fließt. Auf den Wirtsfischen bleiben oft blutige, kreisrunde Wunden zurück. Meerneunaugen saugen sich auch an Walen und großen Haien fest, zum Beispiel am Riesenhai. Meist bleibt das Wirtstier am Leben.
Bachneunaugen fressen nicht: Nach der Verwandlung vom Larven- zum Erwachsenenstadium nimmt das Bachneunauge keine Nahrung mehr auf. Sein Darm verliert seine Funktion. Es lebt nur noch kurze Zeit, um sich fortzupflanzen.
Fastenzeit vor dem Laichen: Auch die Wanderarten hören auf zu fressen, sobald sie zum Laichen aufsteigen. Ihre Zähne werden stumpf und der Darm bildet sich zurück.
Lebenszyklus und Fortpflanzung
Das Leben eines Neunauges besteht aus einer langen Larvenzeit und einer kurzen Zeit als erwachsenes Tier.
- Larve (Querder): Aus den Eiern schlüpfen blinde, wurmähnliche Larven, die Querder. Sie leben eingegraben im Sand der Bäche und Flüsse. Beim Bachneunauge dauert diese Zeit etwa 6 bis 7 Jahre, beim Flussneunauge 3 bis 5 Jahre, beim Meerneunauge meist 5,5 bis 8 Jahre.
- Verwandlung: Dann verwandeln sich die Larven in erwachsene Tiere. Erst jetzt bekommen sie richtige Augen und den Saugmund.
- Zeit im Meer: Junge Flussneunaugen wandern im Herbst ins Meer, auch Meerneunaugen ziehen nach der Verwandlung dorthin. Das Flussneunauge frisst dort 2 bis 3 Jahre, das Meerneunauge etwa zwei Jahre. Dabei wächst ein Meerneunauge von etwa 4 g auf bis zu 900 g.
- Rückkehr zum Laichen: Zum Laichen schwimmen sie in die Flüsse zurück, oft mehrere hundert Kilometer weit. Meerneunaugen legen dabei 20 bis 850 km zurück. Flussneunaugen steigen schon im Herbst auf und überwintern versteckt unterhalb der Laichplätze.
- Laichen und Tod: Im Frühjahr bauen die Tiere in kiesigen Abschnitten Laichgruben. Dazu tragen sie mit dem Saugmund Steine weg. Aus dem Aushub entsteht ein kleiner Wall aus Kies, in dessen Lücken die befruchteten Eier geschützt liegen. Oft laichen mehrere Tiere gemeinsam in Gruppen, den sogenannten Neunaugenzöpfen. Wenige Tage nach dem Laichen sterben die Elterntiere an Erschöpfung.
Laichzeiten in Deutschland: Flussneunaugen laichen von Ende März bis Mai, sobald das Wasser etwa 10 °C erreicht. Bachneunaugen laichen von Mitte April bis Juni in kleinen Gruppen von 2 bis 20 Tieren, ihre Laichgruben sind nur etwa 20 mal 20 cm groß. Die Larven des Bachneunauges schlüpfen nach 11 bis 14 Tagen.
Bach- und Flussneunauge: Erbgut-Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die beiden Arten genetisch nicht eindeutig unterscheiden lassen. Ihre Lebensweise ist aber verschieden: Das eine wandert und lebt als Schmarotzer, das andere bleibt im Bach und frisst als Erwachsenes nichts.
Feinde und Gefährdung
Natürliche Feinde: Im Sand sind die Larven recht gut vor Raubfischen geschützt. Sobald sie ihr Versteck verlassen, werden sie von Fischen wie Bachforelle, Quappe, Flussbarsch oder Döbel gefressen, im Meer vor allem von dorschartigen Fischen. Wo sich wandernde Neunaugen unterhalb von Wehren sammeln, erbeuten fischfressende Vögel viele Tiere. Auch Reiher jagen Bachneunaugen an ihren Laichplätzen.
Früher häufig: Im 19. Jahrhundert waren Neunaugen in Deutschland noch sehr häufig. Sie wurden gefischt und waren bis ins 20. Jahrhundert ein beliebtes Nahrungsmittel.
Ursachen des Rückgangs: Durch Wasserverschmutzung und den Ausbau der Flüsse gingen die Bestände stark zurück. Wehre und Staustufen versperren den Weg zu den Laichplätzen, und nicht jede Fischtreppe können Neunaugen überwinden. In Wasserkraftwerken werden abwandernde Tiere verletzt. Werden Flussbetten ausgebaggert oder geräumt, verschwinden Kiesbänke und Sandbänke mitsamt den Larven.
Erholung: Weil Flüsse sauberer und durchgängiger geworden sind, haben sich die Bestände vielerorts wieder etwas erholt. In Niedersachsen stiegen bis 2011 die Fänge von Flussneunaugen in Elbe, Weser und Ems stetig an, ebenso die Zahl der Tiere, die in Fischtreppen gezählt wurden.
Gefährdung: Die Rote Liste der IUCN stuft Flussneunauge und Bachneunauge weltweit als potenziell gefährdet (NT) ein, das Meerneunauge als nicht gefährdet (LC) (alle 2024). In der aktuellen Roten Liste Deutschlands von 2023 gilt das Flussneunauge als stark gefährdet, das Bachneunauge als ungefährdet. In der vorherigen Liste von 2009 war das Flussneunauge noch als gefährdet eingestuft. Fluss- und Bachneunauge stehen in Anhang II der FFH-Richtlinie der EU.
Besonderheiten
Plage in Nordamerika: In die oberen Großen Seen Nordamerikas ist das Meerneunauge Ende der 1930er Jahre eingewandert. Dort trug es zum Zusammenbruch der Fischerei auf Amerikanische Seesaiblinge bei. Seit den 1950er Jahren wird es mit Giftstoffen gegen die Larven, mit Sperren und mit Fallen bekämpft.
Rekord bei den Chromosomen: Manche Nördlichen Neunaugen haben mit 164 bis 174 Chromosomen die höchste Chromosomenzahl aller Wirbeltiere.
Fisch des Jahres: 2012 wurden die Neunaugen in Deutschland zum „Fisch des Jahres“ gewählt, um auf den Schutz ihrer Lebensräume aufmerksam zu machen.
Häufige Fragen zu Neunaugen
Warum heißen Neunaugen so?
Auf jeder Körperseite liegen hintereinander das Auge, die Nasenöffnung und sieben Kiemenöffnungen. Bei flüchtigem Hinsehen wirkt das wie neun Augen. Tatsächlich hat ein Neunauge nur zwei echte Augen.
Sind Neunaugen Fische?
Streng genommen nicht. Neunaugen gehören zu den Rundmäulern, weil ihnen ein Kiefer fehlt. Sie haben auch keine Schuppen, keine paarigen Flossen und kein Knochenskelett. Im Alltag und in der Fischerei werden sie trotzdem oft zu den Fischen gezählt.
Was fressen Neunaugen?
Die Larven filtern winzige Nahrungsteilchen aus dem Wasser. Erwachsene Fluss- und Meerneunaugen saugen sich an Fischen fest und fressen Blut und Gewebe. Erwachsene Bachneunaugen fressen gar nichts mehr und sterben nach dem Laichen.
Sind Neunaugen für Menschen gefährlich?
Erwachsene Wanderneunaugen saugen sich normalerweise an Fischen und Walen fest. Aus Nordamerika wird aber berichtet, dass sich Meerneunaugen in den Großen Seen gelegentlich an Badenden festsaugen. Nach dem Essen von Meerneunaugen wurden außerdem Vergiftungen beschrieben.
Wie lange lebt ein Neunauge?
Neunaugen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens als Larve im Sand, oft 3 bis 8 Jahre. Das Leben als erwachsenes Tier ist kurz: Bachneunaugen leben danach nur noch Monate, Meerneunaugen etwa zwei Jahre. Nach dem Laichen sterben alle Neunaugen.
Ähnliche Tiere
- Europäischer Aal - sieht ähnlich aus, ist aber ein echter Knochenfisch
- Lachs - wandert wie Fluss- und Meerneunauge zum Laichen aus dem Meer in die Flüsse
- Bachforelle - lebt in denselben Bächen wie das Bachneunauge und frisst Neunaugen
- Quappe - ein Raubfisch, der Neunaugenlarven erbeutet
- Riesenhai - einer der großen Wirte des Meerneunauges
- Stör - ein weiterer Wanderfisch, der zum Laichen aus dem Meer in die Flüsse zieht
Quellen
- Fisch des Jahres 2012: Neunaugen (Petromyzontiformes) - Deutscher Angelfischerverband (DAFV)
- LAVES (2011): Vollzugshinweise zum Schutz von Fischarten in Niedersachsen. NLWKN: Flussneunauge und Bachneunauge
- FishBase: Family Petromyzontidae - Northern lampreys, Family Geotriidae - Southern lampreys, Petromyzon marinus, Sea lamprey und Lethenteron camtschaticum, Arctic lamprey
- Freyhof, J. et al. (2023): Rote Liste und Gesamtartenliste der sich im Süßwasser reproduzierenden Fische und Neunaugen Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (6) - Rote-Liste-Zentrum
- Ford, M. (2024): The IUCN Red List of Threatened Species: Lampetra fluviatilis, Lampetra planeri und Petromyzon marinus
Größenvergleich
Mit 15 cm bis 1,2 m gehört die Neunaugen zu den mittelgroßen Tieren in unserem Lexikon. Eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) ist dagegen deutlich kleiner, während ein Erwachsener mit 1,8 m noch etwas an Größe drauflegt. Stell dir vor: Die Neunaugen ist ungefähr 29-mal so lang wie eine 1-Euro-Münze!