Pirol
Zuletzt aktualisiert:

Kurz erklärt
Der Pirol ist der einzige Vertreter seiner Familie in Europa. Das Männchen leuchtet zitronengelb und trägt schwarze Flügel, trotzdem bekommt man ihn kaum zu sehen: Er hält sich hoch oben im Laubdach versteckt. Viel häufiger hört man seinen flötenden Ruf, der wie "didlioh" klingt. Ab Mai brütet er bei uns, den Winter verbringt er in Afrika.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Oriolus oriolus |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | 22 bis 25 cm |
| Körpergewicht | 65 bis 70 g |
| Ernährung | Überwiegend Insekten und deren Larven, dazu Früchte und Beeren |
| Lebenserwartung | Höchstalter eines beringten Vogels: 10 Jahre und 1 Monat |
| Sozialverhalten | Lebt paarweise |
| Herkunft | Europa und Asien |
| Verbreitung | Von Nordwestafrika und Südwesteuropa bis Südsibirien und Bangladesch, Überwinterung im tropischen Afrika AfrikaAsienEuropa |
| Entdeckung | Erstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné |
| Gefährdung | LC Nicht gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2024) |
| Sonstiges | Vogel des Jahres 1990 in Deutschland. In der deutschen Roten Liste steht der Pirol auf der Vorwarnliste. |
Aussehen und Körperbau
Der Pirol ist ungefähr so groß wie eine Amsel: 22 bis 25 Zentimeter lang und rund 65 bis 70 Gramm schwer. Er wirkt schlank und langflügelig.
Ein altes Männchen ist kaum zu verwechseln. Sein Gefieder leuchtet zitronen- bis goldgelb, Flügel und Schwanz sind schwarz. Am Flügelansatz sitzt ein gelber Fleck, die äußeren Schwanzspitzen sind gelb gerandet. Zwischen dem roten Auge und dem kräftigen roten Schnabel verläuft ein schwarzer Zügelstreif.
Weibchen sehen unauffälliger aus. Ihre Oberseite ist grün bis gelbgrün oder graugrün, die Unterseite weißgrau bis gelblich mit feinen dunklen Längsstreifen. Die Unterschwanzdecken und die äußeren Schwanzspitzen sind gelb, der Augenstreif ist nur angedeutet. Junge Männchen sehen zunächst wie Weibchen aus und färben sich erst nach mehreren Jahren um. Weil es viele Übergangskleider gibt, lässt sich das Geschlecht im Freiland oft gar nicht sicher bestimmen.
Der Ruf und die vielen Namen
Sein bekanntester Ruf ist ein weiches, weit tragendes Flöten, das oft als "didlioh" oder "büloooh" geschrieben wird. Wer unruhig oder gestört ist, stößt ein raues "wjäähk", "wiächt" oder "chräi" aus, bei Gefahr ein hohes "gickgickgick". Im Flug ruft der Pirol spechtartig scharf und meist zweisilbig.
Nach diesem Flöten hat der Vogel viele volkstümliche Namen bekommen. "Vogel Bülow" geht darauf zurück, dass der Pirol seit Jahrhunderten das Wappentier der Adelsfamilie von Bülow ist. Der Humorist Vicco von Bülow wählte deshalb das französische Wort für den Pirol als Künstlernamen: Loriot. Weil der Vogel erst spät im Jahr aus Afrika zurückkommt, heißt er auch Pfingstvogel. Weitere Namen sind Kirschvogel, Goldamsel, Bierholer und Regenkatze.
Eine Verwechslungsgefahr gibt es beim Hören: Stare ahmen den Pirolgesang oft täuschend echt nach.
Verbreitung und Lebensraum
Das Brutgebiet des Pirols reicht von Nordwestafrika und der Iberischen Halbinsel bis nach Südsibirien und Bangladesch. In Großbritannien und Skandinavien fehlt er. In Mitteleuropa brütet er vor allem im Tiefland, einzelne Paare auch im Mittelgebirge. In der Schweiz stammen 90 Prozent der Beobachtungen aus Lagen unter 600 Metern.
Am liebsten lebt der Pirol in lichten, hochstämmigen Laubwäldern, besonders in Auwäldern und Bruchwäldern in Gewässernähe. Dichte, dunkle Bestände meidet er. Auch Pappelpflanzungen, Feldgehölze, Windschutzstreifen, Alleen, Parks, große Gärten, Friedhöfe und Streuobstwiesen zählen zu seinen Brutplätzen. Auf dem Zug findet man ihn zusätzlich in Wein- und Olivenplantagen, in Oasen und sogar im Hochgebirge.
Fast immer hält er sich im oberen Kronenbereich hoher Bäume auf. Dort fliegt er schnell und wendig zwischen den Wipfeln hin und her, auf längeren Strecken in flachen Bögen. Diese versteckte Lebensweise ist der Grund, warum viele Menschen noch nie einen Pirol gesehen haben, obwohl er so auffällig gefärbt ist.
Zugverhalten
Der Pirol ist ein Langstreckenzieher und fliegt nachts. Er kommt später als fast alle anderen heimischen Singvögel: Erst ab Mai trifft er in den Brutgebieten ein, und schon im August macht er sich wieder auf den Weg. Zwischen Mai und August hat man also nur ein kurzes Zeitfenster, um ihn zu beobachten.
Den Winter verbringt er im tropischen Afrika, schwerpunktmäßig in den Hochländern und Waldgebieten Ostafrikas. Eine feste Zugroute gibt es nicht, die Vögel nehmen mehr oder weniger den direkten Weg nach Süden.
Ernährung
Pirole suchen ihre Nahrung im Kronenbereich der Bäume. Sie lesen Insekten, Larven und Spinnen von Blättern und Zweigen ab und stöbern sie aus dem Laub. Raupen sind besonders beliebt.
Im Sommer und Spätsommer kommen Früchte und Beeren dazu. Kirschen frisst der Pirol so gern, dass er in manchen Gegenden Kirschvogel heißt.
Nest und Fortpflanzung
Das Nest des Pirols ist eine Besonderheit. Es hängt wie ein Körbchen in einer waagerechten Astgabel in der oberen Kronenhälfte, meist in Eichen, Pappeln oder Erlen. Die Vögel flechten es aus Halmen, Bast und Fasern und befestigen es an den beiden Ästen der Gabel, sodass es frei in der Luft schwingt.
Gebrütet wird ab Ende Mai bis Anfang Juli, und zwar nur einmal im Jahr. Das Gelege besteht meist aus drei bis vier Eiern, gelegentlich sind es fünf, in Ausnahmefällen zwei oder sechs. Die Eier sind cremefarben bis rosaweiß und tragen wenige kleine graubraune bis schwarze Flecken. Ein Ei misst rund 30 mal 21 Millimeter und wiegt etwa 7 Gramm.
Die Angaben zur Brutdauer gehen je nach Quelle etwas auseinander und liegen zwischen 13 und 18 Tagen. Gebrütet wird vor allem vom Weibchen, gelegentlich löst das Männchen ab. Die Jungen bleiben 13 bis 20 Tage im Nest. Oft verlassen sie es, bevor sie richtig fliegen können, und klettern erst einmal im Geäst herum.
Bestand und Gefährdung
Weltweit gilt der Pirol als ungefährdet. Die IUCN führt ihn in ihrer Einstufung von 2024 als nicht gefährdet (LC).
In Deutschland sieht es anders aus. Der NABU gibt den Brutbestand mit 39.000 bis 70.000 Paaren an. Wegen des langfristigen Rückgangs steht der Pirol auf der Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands. Auch in Bayern führt ihn das Landesamt für Umwelt auf der Vorwarnliste, dort brüten 3.200 bis 5.000 Paare. In der Schweiz sind es 3.000 bis 4.500 Paare, und dort gilt er als nicht gefährdet.
Die wichtigste Ursache für den Rückgang ist der Verlust naturnaher Laub- und Auwälder. Flussbegradigungen und Staustufen haben viele Auwälder zerstört. Dazu kommen der Einsatz von Giften in den Brut- und Rastgebieten und die illegale Jagd auf den Zugwegen. In den afrikanischen Winterquartieren setzen ihm die Rodung tropischer Wälder und zunehmende Dürren zu.
1990 war der Pirol in Deutschland Vogel des Jahres. Der NABU wollte damit auf den Zustand der Auwälder aufmerksam machen.
Besonderheiten
Ein Tropenvogel in Europa: Die Familie der Pirole umfasst rund 40 Arten, die fast alle in den Tropen Afrikas, Asiens und Australiens leben. Der Pirol ist der einzige Vertreter, der bei uns brütet.
Tarnung durch Gelb: Ausgerechnet die knallige Farbe hilft beim Verstecken. Im sonnendurchfluteten Laubdach verschwimmt das Gelb mit den Lichtflecken zwischen den Blättern.
Spätzünder: Kaum ein anderer heimischer Brutvogel kommt so spät aus dem Winterquartier zurück und zieht so früh wieder los.
Häufige Fragen zum Pirol
Wie sieht ein Pirol aus?
Das Männchen ist leuchtend gelb mit schwarzen Flügeln und schwarzem Schwanz, dazu rotem Schnabel und rotem Auge. Das Weibchen ist oben grüngelb und unten hellgrau mit feinen Streifen. Beide sind etwa so groß wie eine Amsel.
Wie klingt der Gesang des Pirols?
Wie ein weiches, weit tragendes Flöten, das oft als "didlioh" oder "büloooh" wiedergegeben wird. Bei Störung ruft der Pirol rau "wjäähk", bei Gefahr hoch "gickgickgick". Achtung: Stare ahmen den Pirolgesang nach.
Wann kommt der Pirol zurück?
Erst im Mai. Er ist einer der letzten Zugvögel, die bei uns eintreffen, und verlässt Mitteleuropa schon im August wieder. Den Winter verbringt er im tropischen Afrika.
Was frisst ein Pirol?
Vor allem Insekten, deren Larven, Raupen und Spinnen, die er im Kronenbereich der Bäume absammelt. Im Sommer frisst er auch Früchte und Beeren, besonders gern Kirschen.
Wo baut der Pirol sein Nest?
Hoch oben in der Krone, meist in Eichen, Pappeln oder Erlen. Das napfförmige Nest hängt wie ein Körbchen in einer waagerechten Astgabel und schwingt frei in der Luft.
Warum heißt der Pirol "Vogel Bülow"?
Weil sein Flötenruf wie "büloooh" klingt und er seit Jahrhunderten das Wappentier der Adelsfamilie von Bülow ist. Vicco von Bülow nannte sich deshalb nach dem französischen Wort für Pirol: Loriot.
Ist der Pirol selten?
Weltweit ist er ungefährdet, in Deutschland aber steht er auf der Vorwarnliste. 39.000 bis 70.000 Paare brüten hier. Zu sehen bekommt man ihn selten, weil er sich im Kronendach versteckt hält.
Ähnliche Tiere
- Amsel - genauso groß wie der Pirol und ein guter Vergleichsmaßstab
- Goldammer - ebenfalls ein gelber Singvogel, aber viel kleiner
- Eichelhäher - bunter Waldvogel, der ebenfalls Stimmen nachahmt
- Bienenfresser - farbenprächtiger Langstreckenzieher
- Vögel - alle Vögel im Lexikon
- Tiere mit P - weitere Tiere, die mit P beginnen
Quellen
- Vogelporträt: Pirol - NABU
- Der Pirol - Vogel des Jahres 1990 - NABU
- Pirol - Artenporträt des LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern)
- Einheimische Waldvögel: Der Pirol - Schweizerische Vogelwarte Sempach auf waldwissen.net
- Pirol (Oriolus oriolus) - Bayerisches Landesamt für Umwelt
- Golden Oriole - BirdFacts, British Trust for Ornithology
- BirdLife International: Oriolus oriolus. The IUCN Red List of Threatened Species 2024
- Oriolidae (Pirole) - GBIF Backbone Taxonomy, Artenzahl der Familie
Größenvergleich
Stell dir vor, du stellst eine 1-Euro-Münze (2,3 cm) neben einen Pirol: Der Pirol ist um einiges größer. Neben einem Kind (1,2 m) wirkt er mit seinen 22 bis 25 cm aber wiederum geradezu winzig. Genauer gesagt ist der Pirol etwa 10-mal so groß wie eine 1-Euro-Münze und rund 5-mal kleiner als ein Kind.
Gewichtsvergleich
Mit 65 bis 70 g gehört der Pirol zu den leichteren Tieren in unserem Lexikon. Zum Vergleich: Eine 1-Euro-Münze wiegt nur 7,5 g, während eine Tafel Schokolade mit 100 g mehr auf die Waage bringt. Man bräuchte ungefähr 9 1-Euro-Münzen, um so viel zu wiegen wie ein Pirol!