Pteranodon
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Kurz erklärt
Pteranodon war ein Flugsaurier mit zahnlosem Schnabel und einem langen Knochenkamm am Hinterkopf. Männchen erreichten im Mittel 5,6 m Flügelspannweite, Weibchen 3,8 m. Er lebte vor rund 88 bis 80 Millionen Jahren über einem Flachmeer im heutigen Kansas und fing dort Fische. Ein Dinosaurier war er nicht.
Steckbrief
| Wissenschaftl. Name | Pteranodon longiceps |
|---|---|
| Abstammung |
|
| Körpergröße | Flügelspannweite: Männchen im Mittel 5,6 m, Weibchen 3,8 m, größte Funde 6,25 bis 7,25 m |
| Körpergewicht | 20 bis 35 kg |
| Ernährung | Fischfresser |
| Lebenserwartung | Unbekannt |
| Sozialverhalten | Vermutlich Brutkolonien auf Inseln |
| Herkunft | Nordamerika |
| Verbreitung | Küsten und offenes Wasser des Western Interior Seaway, Funde aus Kansas, South Dakota und Wyoming Nordamerika |
| Entdeckung | Erstbeschreibung 1876 durch Othniel Charles Marsh |
| Sonstiges | Ausgestorben. Lebte in der Oberkreide vor etwa 88 bis 80 Millionen Jahren. Das Gewicht ist geschätzt; die Angaben in der Fachliteratur reichen von 15 bis 93 kg. |
Kein Dinosaurier, sondern ein Flugsaurier
Pteranodon taucht in fast jedem Dinosaurierbuch auf, gehört aber gar nicht zu den Dinosauriern. Er war ein Flugsaurier (Pterosauria). Flugsaurier und Dinosaurier sind zwar miteinander verwandt, beide gehören zur großen Gruppe der Archosaurier, sie bilden aber getrennte Zweige des Stammbaums. Auch ein Vogel ist Pteranodon nicht: Vögel stammen von kleinen Raubdinosauriern ab, Flugsaurier nicht.
Der Unterschied steckt schon im Flügel. Bei Vögeln tragen Federn die Flugfläche. Bei Flugsauriern spannte sich eine Flughaut zwischen einem stark verlängerten vierten Finger, dem Körper und den Hinterbeinen. Der Name Pteranodon bedeutet übersetzt ungefähr "zahnloser Flügel" und beschreibt genau das, was Othniel Charles Marsh 1876 auffiel: ein Flugsaurier ganz ohne Zähne.
Aussehen und Körperbau
Flügelspannweite: Erwachsene Männchen erreichten im Durchschnitt 5,6 m, erwachsene Weibchen nur 3,8 m. Ein sehr großes Exemplar der Art Pteranodon longiceps wird auf 6,25 bis 6,5 m geschätzt, für die größten bekannten Individuen werden gut 7 m angegeben. Damit war Pteranodon lange Zeit das größte bekannte flugfähige Tier überhaupt. Diesen Rang verlor er erst im späten 20. Jahrhundert, als die noch größeren Azhdarchiden wie Quetzalcoatlus entdeckt wurden.
Gewicht: Hier ist Vorsicht angebracht. Niemand kann einen Flugsaurier wiegen, alle Zahlen sind Berechnungen. Die Schätzungen für große Pteranodon-Exemplare reichen in der Fachliteratur von 15 kg bis 93 kg. Mark Witton und Michael Habib kamen 2010 zu dem Ergebnis, dass die 93 kg viel zu hoch gegriffen sind und ein Bereich von 20 bis 35 kg realistisch ist.
Schnabel: Der Schnabel war lang, schmal, spitz und vollständig zahnlos. Er bestand aus massiven Knochenrändern und war zu Lebzeiten wahrscheinlich von einer Hornscheide überzogen. Der Oberkiefer war länger als der Unterkiefer und leicht nach oben gebogen.
Der Kopfkamm: Das auffälligste Merkmal. Er entstand aus Stirnbeinen, die nach hinten oben aus dem Schädel wuchsen. Seine Form hing von Art, Alter und Geschlecht ab: Männchen von Pteranodon longiceps trugen einen schmalen, weit nach hinten ragenden Kamm, Männchen der älteren Art Pteranodon sternbergi einen steil aufragenden mit breitem Vorderteil. Weibchen hatten nur kleine, abgerundete Kämme.
Rumpf und Schwanz: Die ersten sechs Rückenwirbel waren zu einem Block verwachsen, dem Notarium. Auch die Schulterblätter waren mit den Rabenbeinen verschmolzen. Diese Konstruktion machte den Rumpf steif und gab den Flügeln eine feste Basis. Der Schwanz war kurz: Er maß etwa 3,5 Prozent der Flügelspannweite, bei den größten Männchen also höchstens rund 25 cm.
Männchen und Weibchen
Bei Pteranodon lassen sich Männchen und Weibchen sicherer unterscheiden als bei den meisten anderen Urzeittieren. Männchen waren nicht nur deutlich größer, sie hatten auch schmale Hüften und sehr große Kämme. Weibchen blieben kleiner, trugen einen kurzen, runden Kamm und hatten einen weiten Beckenkanal, durch den große Eier passten.
Solche Unterschiede kennt man von heutigen Tieren, bei denen wenige Männchen um viele Weibchen konkurrieren. Chris Bennett schloss daraus 1992, dass die Kämme vor allem der Balz und dem Imponieren dienten. Andere Erklärungen halten der Prüfung schlechter stand: Als Gegengewicht zum langen Schnabel hätten die kleinen Kämme der Weibchen gar nicht gewirkt, und als Steuerruder hätte der Kamm viel weniger ausgerichtet als die Flügel selbst. Vor allem aber erklärt keine dieser Ideen, warum die Kammgröße innerhalb einer Art so stark schwankt.
Flug
Die Flügel von Pteranodon waren lang und schmal. Das Verhältnis von Spannweite zu Flügeltiefe lag bei etwa 9:1, beim Albatros sind es rund 8:1. Diese Bauform passt zum Gleitflug über offenem Wasser. Albatrosse nutzen dabei, dass der Wind direkt über der Wasseroberfläche langsamer weht als einige Meter darüber; sie gewinnen aus diesem Unterschied Energie und legen so ohne Flügelschlag große Strecken zurück.
Lange galt Pteranodon als reiner Segler, der vom Boden nicht mehr hochkam. Dieses Bild ist überholt. Untersuchungen zur Flächenbelastung zeigen, dass er kräftig schlagen konnte. Für den Start stützte er sich wahrscheinlich auf alle vier Gliedmaßen und katapultierte sich mit den sehr kräftigen Vorderarmen in die Luft. Fossile Fährten belegen, dass Flugsaurier wie Pteranodon sich am Boden auf vier Beinen bewegten, nicht auf zweien.
Ernährung
Pteranodon war ein Fischfresser. Das ist ungewöhnlich gut belegt: Bei einem Exemplar fanden sich fossile Fischknochen im Bereich des Magens, beim Exemplar AMNH 5098 liegt ein regelrechter Ballen aus Fischwirbeln zwischen den Kiefern. Weitere Funde zeigen Reste von Fischschuppen und Wirbeln in der Rumpfgegend.
Wie er fischte, ist weniger klar. Die alte Vorstellung vom tiefen Flug mit eintauchendem Schnabel beruhte auf der Annahme, dass er vom Wasser nicht wieder starten konnte. Wahrscheinlicher ist, dass Pteranodon auf dem Wasser schwamm und von dort aus nach Beute griff. Selbst ein kleines Weibchen konnte mit Schnabel und Hals rund 80 cm tief unter die Oberfläche reichen. Bennett hielt es 1994 außerdem für möglich, dass Pteranodon wie ein Basstölpel mit angelegten Flügeln ins Wasser stieß, denn Kopf, Hals und Schultergürtel waren ähnlich stabil gebaut wie bei tauchenden Vögeln.
Lebensraum
Zur Zeit von Pteranodon lag über der Mitte Nordamerikas ein flaches Meer, der Western Interior Seaway. Es trennte den Kontinent in eine östliche und eine westliche Hälfte. Am Grund dieses Meeres bildete sich Kreideschlamm, aus dem später die Gesteine der Niobrara-Formation und der Pierre-Shale-Formation wurden.
Genau dort liegen die Fundstellen. Nach den Daten der Paleobiology Database stammen die meisten Funde aus Kansas, weitere aus South Dakota und Wyoming. Einzelne, sehr bruchstückhafte Knochen von der Ost- und Golfküste der USA könnten ebenfalls zu Pteranodon gehören, sind für eine sichere Bestimmung aber zu unvollständig.
Auffällig ist, wo die Tiere starben: Viele Fundorte lagen damals Hunderte Kilometer von der Küste entfernt. Pteranodon war also ein Hochseeflieger. Vermutlich brütete er auf vorgelagerten Inseln, wo Landraubtiere nicht hinkamen.
Über demselben Meer flog der viel seltenere Flugsaurier Nyctosaurus, dazu der zahntragende Urvogel Ichthyornis. Im Wasser lebten Ammoniten, Meeresschildkröten wie Toxochelys, Plesiosaurier wie Elasmosaurus und vor allem Mosasaurier. Manche dieser Meeresreptilien fraßen Flugsaurier: 1904 beschrieb Barnum Brown den Mageninhalt eines Plesiosauriers, in dem sich Flugsaurierknochen befanden. Von einem Pteranodon ist außerdem ein Halswirbel bekannt, in dem ein Zahn des Haies Cretoxyrhina steckt.
Wann lebte Pteranodon?
Pteranodon lebte in der Oberkreide. Kenneth Carpenter datierte 2003 die Fundschichten der Niobrara-Formation: Pteranodon sternbergi kommt darin von etwa 88 bis 85 Millionen Jahren vor, Pteranodon longiceps von etwa 86 bis 84,5 Millionen Jahren. Jüngere Funde aus der Pierre-Shale-Formation sind rund 81 bis 80 Millionen Jahre alt. Die Paleobiology Database gibt für die Gattung insgesamt eine Spanne vom Coniacium bis zum Campanium an.
Damit war Pteranodon längst verschwunden, als vor 66 Millionen Jahren der Asteroideneinschlag das Ende der Kreidezeit einläutete. Zwischen ihm und dem Tyrannosaurus rex liegen mehr als zehn Millionen Jahre. Filme, die beide zusammen zeigen, erzählen also keine korrekte Geschichte.
Entdeckung und Forschungsgeschichte
Die ersten Knochen fand Othniel Charles Marsh 1870 oder 1871 in der Smoky-Hill-Kreide im Westen von Kansas. Es waren die ersten Flugsaurierfunde außerhalb Europas. Marsh ordnete sie zunächst der europäischen Gattung Pterodactylus zu, unter anderem weil bei den Bruchstücken ein Zahn lag. Dieser Zahn stammte allerdings vom urzeitlichen Fisch Xiphactinus, nicht vom Flugsaurier.
Gleichzeitig sammelte Marshs Rivale Edward Drinker Cope dieselbe Tierart und vergab eigene Namen. Der Streit der beiden Forscher über die richtigen Bezeichnungen zog sich über Jahre.
Klarheit brachte erst ein Schädel, den Samuel Wendell Williston am 2. Mai 1876 am Smoky Hill River in Kansas fand. Er zeigte einen Kopf ohne jeden Zahn und mit einem knöchernen Kamm. Marsh erkannte, dass hier eine neue Gattung vorlag, und nannte sie Pteranodon.
Häufige Fragen zum Pteranodon
War der Pteranodon ein Dinosaurier?
Nein. Er war ein Flugsaurier und gehört damit zu einer eigenen Gruppe innerhalb der Archosaurier. Dinosaurier und Flugsaurier sind verwandt, aber getrennte Zweige des Stammbaums. Auch ein Vogel war Pteranodon nicht.
Wie groß war ein Pteranodon?
Männchen hatten im Mittel 5,6 m Flügelspannweite, Weibchen 3,8 m. Ein besonders großes Exemplar wird auf 6,25 bis 6,5 m geschätzt, die größten Funde auf gut 7 m.
Wie schwer war ein Pteranodon?
Das weiß niemand genau, denn Gewicht lässt sich an Fossilien nur berechnen. Die Schätzungen reichen von 15 bis 93 kg. Witton und Habib hielten 2010 einen Bereich von 20 bis 35 kg für am wahrscheinlichsten.
Was hat der Pteranodon gefressen?
Fisch. Belegt ist das durch Fischknochen im Magenbereich eines Fossils und durch einen Ballen Fischwirbel zwischen den Kiefern eines weiteren Exemplars. Möglicherweise nahm er zusätzlich wirbellose Meerestiere.
Wozu diente der Kopfkamm?
Am wahrscheinlichsten der Balz. Nur ausgewachsene Männchen hatten große Kämme, Weibchen nur kleine runde. Als Gegengewicht oder Steuerruder funktioniert die Erklärung nicht, weil sie die kleinen Kämme der Weibchen nicht erklärt.
Wo wurden Pteranodon-Fossilien gefunden?
Vor allem in Kansas, dazu in South Dakota und Wyoming. Alle Fundschichten gehören zu einem flachen Meer, das damals Nordamerika durchzog. Einzelne Bruchstücke von der Ost- und Golfküste der USA lassen sich nicht sicher zuordnen.
Konnte der Pteranodon vom Boden abheben?
Ja. Früher hielt man ihn für zu schwer und nahm an, er habe sich von Klippen fallen lassen müssen. Heute geht die Forschung davon aus, dass er sich auf allen vier Gliedmaßen abstützte und sich mit den kräftigen Vorderarmen in die Luft katapultierte.
Ähnliche Tiere
- Plesiosaurus - Meeresreptil aus derselben Erdzeit
- Tyrannosaurus rex - lebte deutlich später am Ende der Kreidezeit
- Spinosaurus - Raubdinosaurier, der ebenfalls Fische fing
- Velociraptor - kleiner Raubdinosaurier der Oberkreide
- Albatros - heutiger Segelflieger mit ähnlicher Flügelform
- Fregattvogel - Seevogel, der wie Pteranodon fast nur segelt
- Reptilien - alle Reptilien im Lexikon
- Tiere mit P - weitere Tiere, die mit P beginnen
Quellen
- Witton, M. P. & Habib, M. B. (2010): On the Size and Flight Diversity of Giant Pterosaurs. PLoS ONE 5(11): e13982
- Pteranodon - Paleobiology Database (Fundorte, Formationen und Zeitspanne)
- Everhart, M. J.: Pteranodons - Oceans of Kansas Paleontology
- Pteranodon - Wikipedia (englisch), mit Nachweisen zu Bennett 1992/1994/2001 und Carpenter 2003
Gewichtsvergleich
Ein Pteranodon bringt 20 bis 35 kg auf die Waage. Das ist schwerer als eine Hauskatze (4 kg), aber leichter als ein Erwachsener (75 kg). Anders ausgedrückt: Der Pteranodon wiegt so viel wie etwa 7 Hauskatzen.