Rankenfußkrebs

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Schwarz-weiße Zeichnung von Ernst Haeckel mit verschiedenen Rankenfußkrebsen: gestielte Entenmuscheln, runde Seepocken und in der Mitte eine Krabbe mit einem parasitischen Wurzelkrebs
Ernst Haeckel / Wikimedia Commons / Public domain

Kurz erklärt

Rankenfußkrebse sind Krebstiere, die als Erwachsene fest an einem Ort sitzen, zum Beispiel an Felsen, Schiffen oder Walen. Zu ihnen gehören die Seepocken und die Entenmuscheln. Obwohl sie mit ihrer Kalkschale wie Muscheln aussehen, sind sie mit Krabben und Hummern verwandt. Sie kleben mit dem Kopf am Untergrund und fischen mit ihren gefiederten Beinen Plankton aus dem Wasser.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameCirripedia
Abstammung
  • Klasse: Thecostraca
  • Unterklasse: Rankenfußkrebse (Cirripedia)
  • Art: Je nach Zählweise etwa 1.400 bis 2.000 Arten, darunter Seepocken, Entenmuscheln und Wurzelkrebse
KörpergrößeJe nach Art sehr verschieden: Die Gemeine Seepocke wird bis 1,5 cm breit, große Seepocken wie die der Gattung Megabalanus mehrere Zentimeter
KörpergewichtJe nach Art sehr verschieden, keine verlässlichen Angaben
ErnährungMeist Filtrierer: Plankton und kleine Schwebteilchen; Wurzelkrebse leben als Parasiten in anderen Krebsen
LebenserwartungJe nach Art verschieden; die Gemeine Seepocke wird je nach Standort bis etwa 8 Jahre alt
SozialverhaltenErwachsene festsitzend, oft in dichten Kolonien; Larven schwimmen frei
Verbreitung Alle Meere weltweit, von der Arktis bis zur Antarktis; von der Gezeitenzone bis in große Tiefen, einige Arten auch im Brackwasser; Seepocken und Entenmuscheln fehlen im Süßwasser Meer
EntdeckungUm 1830 von John Vaughan Thompson als Krebstiere erkannt; Name Cirripedia 1834 von Hermann Burmeister
SonstigesSeepocken und Entenmuscheln sind die bekanntesten Gruppen. Das älteste sichere Fossil ist etwa 330 bis 320 Millionen Jahre alt.

Was sind Rankenfußkrebse?

Rankenfußkrebse, auch Rankenfüßer genannt, sind eine Gruppe der Krebstiere. Ihr wissenschaftlicher Name Cirripedia bedeutet so viel wie „Lockenfüße“. Er beschreibt ihre gebogenen, gefiederten Beine, mit denen sie Nahrung aus dem Wasser fischen.

Das Besondere: Erwachsene Rankenfußkrebse können sich nicht fortbewegen. Sie sitzen ihr Leben lang an derselben Stelle fest. Nur ihre Larven schwimmen frei im Meer.

Die wichtigsten Gruppen sind:

  • Seepocken: Sie sitzen ohne Stiel direkt auf dem Untergrund und stecken in einem Gehäuse aus Kalkplatten. Man findet sie zum Beispiel an Felsen, Hafenanlagen und Muschelschalen, auch an der Nordsee.
  • Entenmuscheln: Sie hängen an einem langen, muskulösen Stiel. Ihr Körper steckt in einer Schale, die an eine Muschel erinnert.
  • Wurzelkrebse: Sie leben als Parasiten in anderen Krebstieren, zum Beispiel in Krabben. Von einem Krebs ist bei ihnen äußerlich kaum etwas zu erkennen.
  • Eine vierte, weniger bekannte Gruppe lebt in winzigen Höhlen in Kalkschalen, zum Beispiel von Meeresschnecken.

Wie viele Arten gibt es? Die Zahlen gehen auseinander. Eine häufig zitierte Angabe von 1980 nennt rund 1.400 lebende Arten. Eine große Überarbeitung der Systematik von 2021 schätzt die Zahl der Rankenfußkrebse auf etwa 1.990 Arten. Zählt man zwei kleinere, nahe verwandte Gruppen mit, kommt sie auf 2.116 Arten.

Muschel oder Krebs? Ein langer Irrtum

Wegen ihrer harten Kalkschale hielten Naturforscher Seepocken und Entenmuscheln lange für Weichtiere, also für Verwandte der Muscheln und Schnecken. Auch Carl von Linné ordnete sie so ein. Um 1830 beobachtete der Forscher John Vaughan Thompson, wie sich ihre Larven entwickeln. Diese Larven ähneln denen anderer Krebstiere. Damit war klar: Rankenfußkrebse sind Krebse. 1834 stellte Hermann Burmeister die Gruppe Cirripedia auf.

Um die Entenmuscheln rankt sich ein alter Irrglaube. Im Mittelalter erzählte man sich, dass bestimmte Gänse aus Entenmuscheln schlüpfen. Man wusste damals noch nicht, dass diese Gänse zum Brüten in die Arktis fliegen.

Darwins Seepocken: Der berühmte Naturforscher Charles Darwin untersuchte ab 1846 acht Jahre lang Rankenfußkrebse. Er beschrieb alle damals bekannten Arten und veröffentlichte darüber mehrere dicke Bücher. Diese Arbeit half ihm, seine Evolutionstheorie zu entwickeln.

Heute ordnet man die Rankenfußkrebse als Unterklasse in die Klasse Thecostraca ein. So führt sie auch das Weltregister der Meerestiere (WoRMS).

Aussehen und Körperbau

Kopfstand im Gehäuse: Eine Seepocke klebt mit ihrem Vorderkopf am Untergrund. Man kann also sagen, sie steht auf dem Kopf. Den Klebstoff bilden Drüsen am ersten Antennenpaar. Es ist ein sehr fester, natürlicher Zement aus Eiweißen.

Das Gehäuse: Typische Seepocken bauen einen Kalkring aus sechs Platten. Oben liegt eine Öffnung, die sie mit beweglichen Deckelplatten verschließen können. Das schützt vor Feinden und vor dem Austrocknen bei Ebbe. Die Platten werden nicht gehäutet, sondern wachsen mit.

Die Rankenfüße: Im Inneren liegt der eigentliche Krebs. Er besitzt sechs Paar lange, gefiederte Beine, die sogenannten Cirren. Zum Fressen streckt er sie durch die Öffnung ins Wasser.

Ohne Herz und Kiemen: Rankenfußkrebse haben kein echtes Herz und keine Kiemen. Den Sauerstoff nehmen sie über die Beine und die Körperoberfläche auf.

Augen: Erwachsene Seepocken haben drei einfache Lichtsinnesorgane. Damit können sie wohl nur hell und dunkel unterscheiden. Fällt plötzlich ein Schatten auf sie, zum Beispiel von einem Räuber, ziehen sie blitzschnell die Beine ein und schließen den Deckel.

Größe: Die Größe ist je nach Art sehr verschieden. Die Gemeine Seepocke, die an den Küsten Großbritanniens am weitesten verbreitete Seepocke der Gezeitenzone, wird bis zu 15 Millimeter breit. Große Seepocken, zum Beispiel aus der Gattung Megabalanus, werden mehrere Zentimeter groß.

Entenmuscheln und Wurzelkrebse: Bei Entenmuscheln ist der vordere Teil des Kopfes zu einem langen Stiel umgebaut. Wurzelkrebse haben weder Schale noch Beine. Sie bestehen aus einem sackförmigen Körper und feinen, wurzelartigen Fäden, die den Wirt durchziehen.

Verbreitung und Lebensraum

Rankenfußkrebse leben ausschließlich im Meer, einige Seepocken auch im Brackwasser von Flussmündungen. Im Süßwasser fehlen Seepocken und Entenmuscheln. Man findet sie weltweit, von der Arktis über die Tropen bis in die Antarktis.

Die meisten Arten leben in flachem Wasser, viele davon in der Gezeitenzone. An den Felsküsten der Nordsee leben die Seepocken-Arten in Zonen übereinander, jede Art in ihrer typischen Höhe. Andere Arten findet man bis in große Tiefen.

Wo sie sich festsetzen: Rankenfußkrebse besiedeln fast jede harte Oberfläche: Felsen, Muschelschalen, Korallen, Hafenanlagen, Schiffsrümpfe und Treibholz. Einige Arten leben auf den Panzern von Meeresschildkröten oder auf der Haut von Walen. Sie nutzen ihre Träger nur als Unterlage und ernähren sich trotzdem selbst aus dem Wasser.

Überleben bei Ebbe: In der Gezeitenzone fallen die Tiere regelmäßig trocken. Dann schließen sie ihr Gehäuse. Bei der Gemeinen Seepocke überlebt die Hälfte der 5 Millimeter großen Tiere bei 19 Grad etwa 45 Stunden an der Luft, bei 11 Millimeter großen Tieren sind es rund 92 Stunden.

Ernährung

Die meisten Rankenfußkrebse sind Filtrierer. Sie strecken ihre Rankenfüße immer wieder aus dem Gehäuse und ziehen sie im Takt zurück. Dabei bleiben Plankton und kleine Schwebteilchen in den feinen Borsten hängen und werden zum Mund gebracht. Die Gemeine Seepocke frisst vor allem tierisches Plankton. Viele Seepocken können auch eine Wasserströmung in ihr Gehäuse hinein erzeugen, ohne die Beine weit hinauszustrecken.

Parasiten: Die Wurzelkrebse ernähren sich ganz anders. Ihre wurzelartigen Fäden wachsen in den Körper des Wirtes und nehmen dort Nährstoffe auf. Ein bekanntes Beispiel ist Sacculina, die in Krabben lebt und sie unfruchtbar macht. Ein gestielter Rankenfußkrebs lebt sogar als Parasit auf kleinen Tiefseehaien, den Laternenhaien.

Fortpflanzung und Entwicklung

Zwitter: Die meisten Rankenfußkrebse sind Zwitter. Jedes Tier bildet also sowohl Eier als auch Spermien. Selbstbefruchtung ist aber selten. Bei den wenigen getrenntgeschlechtlichen Arten sind die Männchen oft winzige Zwergmännchen, die am Weibchen sitzen.

Paarung ohne Bewegung: Weil Seepocken festsitzen, müssen sie ihren Nachbarn erreichen, ohne sich zu bewegen. Dafür haben sie ein sehr langes Begattungsorgan, das sie aus dem Gehäuse strecken, bis sie ein paarungsbereites Tier in der Nähe finden. Im Verhältnis zur Körpergröße ist es länger als bei jedem anderen bekannten Tier, bis zu achtmal so lang wie der Körper. Eine gestielte Art kann ihre Spermien auch einfach ins Wasser abgeben, wo andere Tiere sie auffangen.

Eier: Die befruchteten Eier bleiben zunächst im Gehäuse. Die Gemeine Seepocke wird mit ein bis zwei Jahren geschlechtsreif. Danach bildet sie einmal im Jahr eine Brut von meist 5.000 bis 10.000 Eiern. In Großbritannien paart sie sich im November und Dezember. Die Eier werden über den Winter im Gehäuse bebrütet, die Larven schlüpfen im Frühjahr, passend zur Algenblüte im Meer.

Zwei Larvenstadien:

  1. Nauplius-Larve: Aus dem Ei schlüpft eine winzige Larve mit einem Auge und drei Beinpaaren. Sie schwimmt im Plankton, frisst und häutet sich mehrmals.
  2. Cypris-Larve: Danach verwandelt sie sich in eine Cypris-Larve. Diese frisst nichts mehr. Ihre einzige Aufgabe ist es, in einigen Tagen bis Wochen einen guten Platz zu finden. Sie tastet Oberflächen mit ihren Antennen ab und achtet unter anderem auf deren Beschaffenheit und auf Artgenossen in der Nähe. Hat sie einen Platz gefunden, klebt sie sich mit dem Kopf fest und verwandelt sich in eine kleine Seepocke.

Bei der Gemeinen Seepocke dauert die Larvenzeit etwa ein bis zwei Monate. An günstigen Stellen siedeln sich so viele Tiere an, dass bei der Seepockenart Balanus glandula bis zu 70.000 Tiere auf einem Quadratmeter gezählt wurden.

Lebensdauer: Die Gemeine Seepocke kann je nach Lage an der Küste bis etwa 8 Jahre alt werden. Für viele andere Arten gibt es kaum Angaben.

Feinde und Konkurrenten

An europäischen Küsten werden Seepocken vor allem von Raubschnecken wie der Nordischen Purpurschnecke und von kleinen Fischen gefressen. Auch Seesterne fressen Seepocken. Um Platz auf den Felsen konkurrieren Seepocken mit Muscheln und Napfschnecken. Kolonien der Miesmuschel können Seepocken überwachsen und verdrängen. Napfschnecken können frisch angesiedelte Seepocken beim Weiden einfach abschieben.

Rankenfußkrebse und Menschen

Bewuchs an Schiffen: Seepocken setzen sich gern an Schiffsrümpfen fest. Der Bewuchs bremst die Schiffe, sodass sie mehr Treibstoff verbrauchen. Seepocken gehören zu den häufigsten Tieren im Bewuchs von Schiffsrümpfen. Mit den Schiffen reisen sie außerdem um die Welt und können sich in fremden Meeren ausbreiten. Auch in deutschen Nordseehäfen fand man an Schiffen Seepockenarten, die in der Nordsee nicht heimisch sind.

Als Delikatesse: In Spanien und Portugal gelten Entenmuscheln der Art Pollicipes pollicipes als teure Spezialität. In Chile wird eine große Seepocke gefischt und gegessen.

Vorbild für Klebstoffe: Der Zement der Seepocken hält sogar unter Wasser. Forschende haben nach seinem Vorbild einen Klebstoff entwickelt, der Blutungen stillen kann.

Sehr alte Tiergruppe: Das älteste sichere Fossil eines Rankenfußkrebses ist etwa 330 bis 320 Millionen Jahre alt. Die Gruppe gab es also schon lange vor den Dinosauriern.

Häufige Fragen zum Rankenfußkrebs

Sind Rankenfußkrebse Muscheln?

Nein. Auch wenn Seepocken und Entenmuscheln eine Kalkschale haben, sind sie Krebstiere und mit Krabben und Hummern verwandt. Das erkennt man an ihren Larven, die denen anderer Krebse ähneln.

Was fressen Rankenfußkrebse?

Die meisten fressen Plankton und kleine Schwebteilchen. Sie fischen diese mit ihren gefiederten Beinen aus dem Wasser. Wurzelkrebse leben dagegen als Parasiten in anderen Krebstieren.

Können sich Seepocken bewegen?

Als Erwachsene nicht. Sie kleben ihr Leben lang mit dem Kopf am Untergrund fest. Nur die Larven schwimmen frei und suchen sich einen Platz zum Festsetzen.

Wie vermehren sich Rankenfußkrebse?

Die meisten sind Zwitter. Seepocken erreichen ihre Nachbarn mit einem sehr langen Begattungsorgan. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die erst frei schwimmen und sich dann festsetzen.

Schaden Seepocken Walen oder Schildkröten?

Seepocken auf Walen und Meeresschildkröten nutzen ihre Träger als Unterlage und ernähren sich selbst aus dem Wasser. Sie fressen nicht vom Gewebe ihrer Wirte. Echte Parasiten sind dagegen die Wurzelkrebse, die in anderen Krebsen leben.

Wie alt werden Seepocken?

Das hängt von der Art ab. Die Gemeine Seepocke kann bis etwa 8 Jahre alt werden. Für viele andere Arten gibt es keine genauen Angaben.

Ähnliche Tiere

  • Krabbe - Krabben sind Verwandte der Rankenfußkrebse und Wirte der Wurzelkrebse
  • Hummer - ein großer Krebs, mit dem die Rankenfußkrebse verwandt sind
  • Einsiedlerkrebs - ein Krebs, der ebenfalls in einem harten Gehäuse lebt
  • Miesmuschel - eine echte Muschel, die mit Seepocken um Platz auf den Felsen konkurriert
  • Meeresschildkröte - auf ihrem Panzer siedeln sich oft Seepocken an

Quellen