Saola

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Saola mit dunkelbraunem Fell, weißen Gesichtsflecken und zwei langen, geraden Hörnern
The original uploader was Silviculture at Vietnamese Wikipedia. / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Kurz erklärt

Die Saola ist ein scheues Waldrind aus den Annamiten an der Grenze zwischen Vietnam und Laos. Sie wurde erst 1992 entdeckt und ist das größte Landsäugetier, das noch nie ein Biologe in freier Natur gesehen hat. Alle Nachweise stammen von Schädeln, kurzzeitig gefangenen Tieren und wenigen Bildern aus Kamerafallen. Höchstens einige Hundert Tiere leben noch, vielleicht nur ein paar Dutzend.

Steckbrief

Wissenschaftl. NamePseudoryx nghetinhensis
Abstammung
  • Klasse: Säugetiere
  • Ordnung: Paarhufer
  • Familie: Hornträger (Bovidae)
  • Unterfamilie: Rinder (Bovinae)
  • Gattung: Pseudoryx
  • Art: Saola
Körpergröße1,5 m
Körpergewicht80 bis 100 kg
ErnährungPflanzenfresser: vor allem Blätter
LebenserwartungUnbekannt
SozialverhaltenMeist Einzelgänger, selten Gruppen von zwei bis drei Tieren
HerkunftAnnamiten in Vietnam und Laos
Verbreitung Feuchte immergrüne Bergwälder der Annamiten an der Grenze von Vietnam und Laos Asien
EntdeckungIm Mai 1992 in Vietnam entdeckt, 1993 wissenschaftlich beschrieben
GefährdungCR Vom Aussterben bedroht (Rote Liste der IUCN, 2020)
SonstigesDie IUCN schätzt den Bestand auf 25 bis 750 erwachsene Tiere, am wahrscheinlichsten 50 bis 300. Die Hörner tragen beide Geschlechter und werden bis rund 50 cm lang.

Ein Tier, das niemand kennt

Die Saola gehört zu den rätselhaftesten Säugetieren der Welt. Nach Angaben der IUCN-Arbeitsgruppe Saola Working Group ist sie das größte Landsäugetier, das noch kein Biologe lebend in freier Natur beobachtet hat. Alles, was wir über sie wissen, stammt aus vier Quellen: Schädeln und Hörnern aus Dorfhaushalten, wenigen Tieren, die kurzzeitig gefangen gehalten wurden, Berichten von Jägerinnen und Jägern der Region - und einer Handvoll Aufnahmen aus Kamerafallen.

Wegen ihrer langen, geraden Hörner wird sie auch „asiatisches Einhorn" genannt. Von der Seite betrachtet scheinen die beiden Hörner zu einem zu verschmelzen.

Die Entdeckung 1992

Im Mai 1992 untersuchte ein gemeinsames Team des vietnamesischen Forstministeriums und des WWF Wälder im Norden Zentralvietnams. In einem Jägerhaus fanden die Forschenden einen Schädel mit ungewöhnlich langen, geraden Hörnern. Er passte zu keinem bekannten Tier.

Ein Jahr später, 1993, beschrieben Dung und Kollegen die neue Art in der Fachzeitschrift Nature. Es war nach Angaben des WWF der erste Fund eines großen Säugetiers seit mehr als 50 Jahren - zuletzt war 1937 das Kouprey, ein südostasiatisches Wildrind, beschrieben worden. Der WWF nennt die Entdeckung eine der spektakulärsten zoologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Kurz darauf wurden in denselben Wäldern weitere neue Arten gefunden, zum Beispiel 1994 der Riesenmuntjak.

Der Name „Saola" stammt aus dem Laotischen und aus einer Tai-Sprache Vietnams. Er bedeutet ungefähr „Spindelhörner", weil die Hörner an die zugespitzten Pfosten eines Spinnrads erinnern.

Aussehen und Körperbau

Die Saola ist ein mittelgroßes Waldrind. Nach Angaben des Animal Diversity Web misst sie rund 150 cm und wiegt 80 bis 100 kg. Ihr Körperbau erinnert an eine Antilope, tatsächlich gehört sie aber zu den Rindern.

Ihre auffälligsten Merkmale:

  • Zwei lange, fast gerade Hörner, die schräg nach hinten zeigen und bis rund 50 cm lang werden. Anders als bei vielen Hornträgern tragen sie beide Geschlechter.
  • Ein dunkelbraunes Fell, an der Unterseite heller.
  • Ein schwarzer Streifen, der von den Schultern bis ins hintere Rückendrittel verläuft.
  • Große weiße Flecken im Gesicht, dazu weiße Bänder knapp über den Hufen und ein cremefarbenes Band über dem Hinterteil.
  • Ein Schwanz mit braunen, schwarzen und cremefarbenen Abschnitten.

Besonders bemerkenswert sind die Duftdrüsen an der Schnauze. Sie liegen unter den weißen Gesichtsflecken und sind nach Angaben des Animal Diversity Web möglicherweise die größten Oberkieferdrüsen aller heute lebenden Säugetiere. Vermutlich markiert die Saola damit ihr Revier.

Verbreitung und Lebensraum

Die Saola lebt ausschließlich in den Annamiten, einem Gebirgszug entlang der Grenze zwischen Vietnam und Laos. Nachgewiesen ist sie aus sechs Provinzen Vietnams und drei Provinzen in Laos. Damit hat sie eines der kleinsten Verbreitungsgebiete aller Säugetiere.

Ihr Lebensraum ist eng begrenzt: feuchter immergrüner Wald mit kaum ausgeprägter Trockenzeit, in dem der Niederschlag im Monatsmittel nie unter etwa 40 mm fällt. Solche Wälder liegen vor allem an den vietnamesischen Osthängen der Annamiten. In Laos gibt es sie nur dort, wo Wolken durch niedrige Stellen des Gebirgskamms auf die Westseite ziehen können.

Die Nachweise stammen aus mittleren Höhenlagen: Das Animal Diversity Web nennt 400 bis 750 Meter. Aus den höchsten Lagen der Annamiten gibt es keine eindeutigen Belege, obwohl dort noch viel unberührter Wald steht. Der Wald im gesamten vermuteten historischen Verbreitungsgebiet umfasst nur noch 5.000 bis 15.000 km², und ein großer Teil davon dürfte längst saolafrei sein.

Ernährung

Die Saola ist ein Blattfresser. Berichte aus den Dörfern beschreiben sie als Tier, das vor allem Blätter von Sträuchern und niedrigen Bäumen abrupft. Welche Pflanzenarten sie genau bevorzugt, ist nicht bekannt - dafür wären Beobachtungen wildlebender Tiere nötig, die es bisher nicht gibt.

Verhalten und Lebensweise

Nach Auskunft der Menschen in ihrem Verbreitungsgebiet ist die Saola überwiegend Einzelgängerin. Manchmal werden zwei oder drei Tiere zusammen gesehen, sehr selten Gruppen von sechs oder sieben.

Kamerafallenbilder und Beobachtungen an Tieren in Gehegen deuten darauf hin, dass sie tagaktiv ist oder in der Dämmerung aktiv wird. Sie scheint ein Revier zu markieren, unter anderem mit dem Sekret ihrer großen Schnauzendrüse. Junge Bäumchen knickt sie mit den Hörnern um - möglicherweise ebenfalls ein Signal an Artgenossen. Die Kratzspuren an den Hörnern gefundener Tiere sprechen dafür, dass sie auch Boden und Pflanzen damit bearbeitet.

Berichten zufolge werden die meisten Tiere im Winter erlegt. Das könnte bedeuten, dass die Saola je nach Jahreszeit in tiefere, leichter zugängliche Lagen wechselt.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Über die Fortpflanzung ist fast nichts bekannt. Die wenigen Angaben stammen von einem einzigen trächtigen Weibchen und von Befragungen in den Dörfern:

  • Ein Wurf besteht offenbar aus einem einzigen Jungtier.
  • Die Tragzeit wird auf rund acht Monate geschätzt.
  • Die Paarungszeit fällt vermutlich in die Monate August bis November, die Geburten in den Sommer, meist zwischen April und Juni.

Wie alt eine Saola werden kann, weiß niemand. Die IUCN rechnet mit einer Generationslänge von fünf bis zehn Jahren. Tiere, die in den 1990er-Jahren gefangen wurden, überlebten in Gefangenschaft meist nur wenige Monate - vermutlich, weil es an Erfahrung in Haltung und Ernährung fehlte.

Nur eine Handvoll Fotos in über 30 Jahren

So selten ist die Saola, dass sich jeder einzelne wissenschaftliche Nachweis aufzählen lässt. In freier Natur ist sie bisher nur in drei Jahren von Kamerafallen erfasst worden:

  1. 1998: In Vietnam entsteht das erste Bild einer wilden Saola.
  2. 1999: Kurz darauf gelingen in der laotischen Provinz Bolikhamxay weitere Aufnahmen. Sie blieben 14 Jahre lang der letzte bestätigte Nachweis.
  3. 7. September 2013: In den zentralen Annamiten in Vietnam fotografiert eine Kamerafalle von WWF und der vietnamesischen Forstschutzbehörde ein ausgewachsenes Tier. Das ist bis heute der letzte bestätigte Nachweis.

Zum Vergleich: Häufige Waldtiere derselben Region wie der Muntjak gehen um ein Vielfaches häufiger in dieselben Kamerafallen. Selbst erfahrene Jägerinnen und Jäger der Region sehen jahrelang keine Saola.

Was das Erbgut verrät

2025 gelang ein Durchbruch: Ein internationales Forschungsteam erstellte ein Referenzgenom und entschlüsselte das Erbgut von 26 Saolas aus Knochen- und Hornresten, die in Dörfern gesammelt worden waren. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cell:

  • Die Saola ist ein ursprünglicher Zweig innerhalb der Rinder (Tribus Bovini). Wo genau sie hingehört, war zuvor jahrzehntelang umstritten.
  • Trotz des winzigen Verbreitungsgebiets zerfällt die Art in zwei genetisch deutlich getrennte Populationen, eine nördliche und eine südliche.
  • Beide Gruppen trennten sich vor 5.000 bis 20.000 Jahren und schrumpfen seither. Ausgelöst wurde das vermutlich durch Klimaveränderungen, verstärkt durch den Menschen.
  • Beiden Populationen fehlen große Abschnitte genetischer Vielfalt - aber nicht dieselben. Würde man Tiere aus Nord und Süd in einem Zuchtprogramm zusammenbringen, könnte jede Gruppe die Lücken der anderen ausgleichen.

Das ist mehr als Grundlagenforschung: Die Daten helfen dabei, Saola-DNA in Umweltproben oder im Blut von Blutegeln aufzuspüren - eine der wenigen realistischen Methoden, um überlebende Tiere überhaupt zu finden.

Gefährdung

Die IUCN führt die Saola als vom Aussterben bedroht (CR). Die Einstufung beruht auf einer Bewertung von 2015, die 2020 in aktualisierter Fassung veröffentlicht wurde. Der Bestand wird auf 25 bis 750 erwachsene Tiere geschätzt, am wahrscheinlichsten auf 50 bis 300. Die Art verteilt sich vermutlich auf 6 bis 15 Teilpopulationen, von denen keine mehr als 50 Tiere umfassen dürfte. Für die Zukunft wird ein weiterer Rückgang von über 80 Prozent innerhalb von drei Generationen erwartet.

Die Hauptursachen:

  • Schlingfallen. Das ist mit Abstand das größte Problem. Ein WWF-Bericht von 2020 schätzte, dass in den Schutzgebieten von Laos, Vietnam und Kambodscha über 12 Millionen Drahtschlingen ausliegen. Sie werden nicht gezielt für Saolas gelegt, fangen aber alles, was am Boden läuft.
  • Neue Straßen. Die Ho-Chi-Minh-Straße durch die Annamiten und ihre zahlreichen Nebenstraßen öffnen zuvor unzugängliche Wälder für Jäger und Siedler.
  • Verlust von Wald. Rodungen für Landwirtschaft und Plantagen verkleinern den ohnehin winzigen Lebensraum.

Es gibt auch Fortschritte: Seit 2006 arbeitet eine eigene Saola Working Group innerhalb der IUCN. In mehreren Schutzgebieten haben Ranger-Teams aus den Dörfern Zehntausende Drahtschlingen eingesammelt. 2013 beschloss die Arbeitsgruppe, so schnell wie möglich eine Zuchtstation als „Lebensversicherung" aufzubauen. In Vietnam entsteht dafür inzwischen eine Anlage. Ob sich überhaupt noch lebende Tiere finden lassen, ist offen.

Häufige Fragen zur Saola

Warum nennt man die Saola „asiatisches Einhorn"?

Wegen ihrer zwei langen, geraden Hörner: Von der Seite gesehen scheinen sie zu einem einzigen Horn zu verschmelzen. Der Beiname spielt außerdem darauf an, wie selten und schwer zu finden das Tier ist.

Wie viele Saolas gibt es noch?

Die IUCN schätzt den Bestand auf 25 bis 750 erwachsene Tiere, am wahrscheinlichsten auf 50 bis 300. Genaue Zählungen gibt es nicht, denn es fehlt jede Methode, das Tier zuverlässig nachzuweisen. Der letzte bestätigte Nachweis ist ein Kamerafallenfoto aus dem September 2013.

Wann wurde die Saola entdeckt?

Im Mai 1992 fand ein Team des vietnamesischen Forstministeriums und des WWF in einem Jägerhaus in Nordzentralvietnam einen Schädel mit auffälligen Hörnern. 1993 wurde die Art in der Zeitschrift Nature wissenschaftlich beschrieben.

Wie groß wird eine Saola?

Sie erreicht rund 150 cm Länge und wiegt 80 bis 100 kg. Die Hörner werden bei beiden Geschlechtern bis etwa 50 cm lang.

Was frisst eine Saola?

Vor allem Blätter von Sträuchern und niedrigen Bäumen. Welche Pflanzenarten sie bevorzugt, ist unbekannt, weil noch nie ein Forscher ein freilebendes Tier beim Fressen beobachtet hat.

Warum ist die Saola so stark bedroht?

Hauptursache sind Drahtschlingen, die im großen Stil für den Handel mit Wildfleisch ausgelegt werden. Dazu kommen neue Straßen, die abgelegene Wälder zugänglich machen, und der Verlust von Waldfläche. Die Saola hat eines der kleinsten Verbreitungsgebiete aller Säugetiere und vermehrt sich langsam.

Ähnliche Tiere

  • Großer Kudu - eine Antilope mit auffälligen Hörnern
  • Bongo - ebenfalls ein scheuer Waldbewohner mit gestreiftem Fell
  • Antilope - Überblick über die Gruppe, der die Saola äußerlich ähnelt
  • Okapi - ein weiteres Waldtier, das erst im 20. Jahrhundert beschrieben wurde
  • Wasserbüffel - ein näher verwandtes Rind aus Südostasien
  • Java-Nashorn - ein weiteres extrem seltenes Großtier der Region
  • Tiere in Asien - alle Tiere des Kontinents im Lexikon

Quellen

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🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
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1,2 m
🧑Erwachsener
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▼Saola
1,5 m

Eine Saola erreicht eine Körpergröße von 1,5 m. Damit passt sie bequem zwischen ein Kind (1,2 m) und einen Erwachsenen (1,8 m) auf unserer Vergleichsskala.

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Saola
80 bis 100 kg

Eine Saola bringt 80 bis 100 kg auf die Waage. Das ist schwerer als ein Erwachsener (75 kg), aber leichter als ein Auto (1,5 t).