Urzeitkrebs

Zuletzt aktualisiert:

Kurz erklärt

Urzeitkrebse sind kleine Krebse, die in Pfützen und Tümpeln leben, die nur für einige Wochen Wasser führen. Am bekanntesten ist der Sommer-Schildkrebs Triops cancriformis mit seinem großen Rückenpanzer, der bis zu 10 cm lang wird. Seine Eier überstehen Trockenheit und Frost viele Jahre lang und schlüpfen erst, wenn wieder Wasser kommt. Weil er ähnlich aussieht wie Fossilien aus der Urzeit, gilt er als lebendes Fossil.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameTriops cancriformis
Abstammung
  • Klasse: Kiemenfußkrebse (Branchiopoda)
  • Ordnung: Rückenschaler (Notostraca)
  • Familie: Triopsidae
  • Gattung: Triops
  • Art: Sommer-Schildkrebs (Triops cancriformis)
KörpergrößeAusgewachsen bis etwa 10 cm, gemessen mit den Schwanzfäden
KörpergewichtKeine verlässlichen Angaben
ErnährungAllesfresser: wühlt im Schlamm nach Kleinstlebewesen, frisst auch Mückenlarven, Würmer und geschwächte Kaulquappen
LebenserwartungKurzlebig: Die Krebse leben nur, solange ihr Gewässer Wasser führt, die Dauereier bleiben viele Jahre schlupffähig
HerkunftEuropa
Verbreitung Weite Teile Europas, in Deutschland sehr selten Europa
EntdeckungErste Beschreibung 1732 durch Johann Leonhard Frisch in Berlin, wissenschaftlicher Artname 1801 durch Louis Bosc
GefährdungNE Nicht bewertet
SonstigesUrzeitkrebs ist ein Sammelname für mehrere Gruppen von Kiemenfußkrebsen. Die Werte im Steckbrief gelten für den Sommer-Schildkrebs Triops cancriformis. In der Roten Liste Deutschlands (2016) gelten alle heimischen Urzeitkrebse als gefährdet, der Sommer-Schildkrebs als stark gefährdet. Von der IUCN wurde er bisher nicht bewertet.

Was sind Urzeitkrebse?

„Urzeitkrebs“ ist kein wissenschaftlicher Name, sondern ein Sammelbegriff. Fachleute sprechen von Großbranchiopoden oder Groß-Kiemenfußkrebsen. Gemeint sind drei Gruppen von Krebsen, die in kurzlebigen Gewässern leben:

  • Rückenschaler oder Schildkrebse (Notostraca): Sie haben einen großen, flachen Rückenpanzer. Dazu gehört Triops, der bekannteste Urzeitkrebs.
  • Feenkrebse (Anostraca): Sie haben keinen Panzer und gestielte Augen. Sie schwimmen mit dem Bauch nach oben durchs Wasser. Zu ihnen gehört auch das Salinenkrebschen (Artemia), das in Salzseen lebt.
  • Muschelschaler: Ihr Körper steckt in einer zweiklappigen Schale, ähnlich wie bei einer Muschel. Sie werden meist nur etwa 1 cm groß.

Die Wasserflöhe sind mit diesen Gruppen verwandt, werden aber nicht zu den Urzeitkrebsen gezählt.

Diese Seite stellt vor allem den Sommer-Schildkrebs (Triops cancriformis) vor. Er ist der typische Urzeitkrebs Europas und kommt auch in Deutschland vor. Die Zahlen im Steckbrief gelten für ihn. Den Gattungsnamen erfand der bayerische Botaniker Franz von Paula Schrank: Triops heißt „Dreiauge“, cancriformis bedeutet „krebsförmig“.

Aussehen und Körperbau

Der Sommer-Schildkrebs sieht aus wie ein kleiner Pfannkuchen mit Schwanz. Ein großer, ovaler Rückenschild bedeckt den Kopf und den vorderen Teil des Körpers mit den Beinen. Dahinter ragt ein beweglicher, in Ringe gegliederter Hinterleib hervor, der mit kleinen Dornen besetzt ist. Er endet in zwei langen, fadenförmigen Schwanzanhängen. Von oben sind die Tiere meist olivgrün, die Schwanzfäden bräunlich. Die Bauchseite mit den Beinen ist rötlich.

Drei Augen: Unter dem Rückenschild, gut von oben sichtbar, liegen zwei Komplexaugen, die aus vielen Einzelaugen bestehen. Dazu kommt ein kleines drittes Auge, das Naupliusauge. Es kann nur hell und dunkel unterscheiden. Daher stammt der Name „Dreiauge“.

Viele Beine: Unter dem Schild sitzen zahlreiche blattförmige Beine. Mit ihnen schwimmt der Krebs, atmet und schaufelt Nahrung zum Mund. Bei den Weibchen ist das 11. Beinpaar zu Taschen umgebildet, in denen sie ihre Eier tragen.

Größe: Ausgewachsen wird der Sommer-Schildkrebs mit den Schwanzfäden bis zu 10 cm lang. Damit gehört er zu den größten Urzeitkrebsen Europas. Der nahe verwandte Frühjahrs-Schildkrebs (Lepidurus apus) bleibt mit 5 bis 6 cm kleiner. Man erkennt ihn an einer breiten Platte am Hinterende, die an eine Vogelfeder erinnert und dem Triops fehlt.

Verbreitung und Lebensraum

Urzeitkrebse leben in Gewässern, die regelmäßig austrocknen: in überschwemmten Wiesensenken, Tümpeln in Flussauen und sogar in Pfützen. Manche dieser Gewässer führen nur wenige Wochen im Jahr Wasser. Fische, die Urzeitkrebse fressen würden, können dort nicht überleben.

Der Sommer-Schildkrebs lebte ursprünglich vor allem in den Auen großer Flüsse. Er braucht offene, sonnige Stellen mit lehmigem Boden. Weil viele Flussauen durch Deiche und Landwirtschaft verändert wurden, findet man ihn heute oft an ungewöhnlichen Orten:

  • in wassergefüllten Fahrspuren, vor allem auf Truppenübungsplätzen
  • in Fischzuchtteichen, die im Sommer bespannt werden und im Winter trocken liegen

In Deutschland erscheint der Sommer-Schildkrebs meist in den Sommermonaten, frühestens Ende April und spätestens im November. Seine Larven schlüpfen erst, wenn das Wasser warm genug ist. Der Frühjahrs-Schildkrebs dagegen schlüpft schon bei 1 bis 2 °C und ist meist wieder verschwunden, wenn der Triops auftaucht. So kommen sich die beiden ähnlichen Arten nicht in die Quere.

Rückenschaler kommen weltweit vor. Neben dem europäischen Triops cancriformis gibt es weitere Triops-Arten, zum Beispiel Triops longicaudatus in Amerika.

Ernährung

Rückenschaler sind Allesfresser. Mit der Vorderkante ihres Rückenschilds wühlen sie im Schlamm am Gewässergrund und suchen dort nach Nahrung. Sie fressen Plankton und andere Kleinstlebewesen, aber auch größere Tiere wie Zuckmückenlarven und Würmer. Selbst Kaulquappen erbeuten sie, wenn diese bereits geschwächt sind.

Leben Schildkrebse zusammen mit Feenkrebsen, fressen sie oft geschwächte oder sterbende Feenkrebse. Auch Kannibalismus kommt vor: Frisch gehäutete Artgenossen sind weich und werden manchmal angefressen.

Weil die Tiere den Boden ständig durchwühlen, ist das Wasser in ihren Tümpeln meist trüb. Die Krebse selbst sieht man deshalb nur, wenn sie an den Rand kommen oder mit dem Bauch nach oben an der Oberfläche schwimmen. Dort weiden sie Algen und Bakterien ab.

Feenkrebse und Muschelschaler ernähren sich anders: Sie filtern mit ihren beborsteten Beinen winzige Nahrungsteilchen aus dem Wasser.

Lebenszyklus: Eier, die jahrelang warten

Das Besondere an Urzeitkrebsen sind ihre Dauereier, auch Zysten genannt. Genau genommen sind es keine Eier mehr, sondern winzige Embryonen in einer festen Hülle, die in eine Art Ruhezustand fallen. So überstehen sie das Austrocknen des Tümpels und Frost.

  1. Trocknet der Tümpel aus, sterben die erwachsenen Krebse. Ihre Dauereier bleiben im Schlamm liegen.
  2. Die Eier können viele Jahre überdauern. Bei den meisten heimischen Arten bleiben sie wahrscheinlich mindestens 10 Jahre schlupffähig.
  3. Füllt sich der Tümpel wieder mit Wasser und ist es warm genug, schlüpfen winzige Larven, die sogenannten Nauplien.
  4. Die Larven wachsen sehr schnell und häuten sich dabei viele Male. Schon nach wenigen Wochen sind sie ausgewachsen und legen selbst Eier.

Wie schnell das geht, hängt vor allem von der Temperatur und dem Nahrungsangebot ab. Beim Sommer-Feenkrebs können die Tiere im Extremfall schon nach zwei Wochen geschlechtsreif sein. Diese Eile ist wichtig, denn der Tümpel kann jederzeit wieder austrocknen.

Weil die Eier so lange warten können, sagt ein Tümpel ohne Krebse wenig aus: Zwischen zwei Funden am selben Ort können viele Jahre liegen. Tiere wie Wasservögel und Wildschweine, die an den Tümpeln fressen oder sich suhlen, tragen nach Einschätzung von Fachleuten sehr wahrscheinlich zur Verbreitung der Urzeitkrebse bei.

Männchen sind selten: Bei den heimischen Schildkrebsen sind die meisten Tiere Weibchen mit zwittrigen Keimdrüsen, die auch ohne Männchen Nachwuchs bekommen können. Männchen machen bei Triops etwa 10 Prozent aus, und es gibt Bestände ganz ohne Männchen. In Europa kommen Bestände mit etwa gleich vielen Männchen und Weibchen nur auf der Iberischen Halbinsel vor. Forscher vermuten, dass die Zwitter nach der letzten Eiszeit schneller neue Gewässer im Norden besiedeln konnten, weil schon ein einziges Tier für eine neue Population reicht.

Wie alt sind Urzeitkrebse wirklich?

Urzeitkrebse gelten als lebende Fossilien. Die Gruppe der Rückenschaler ist tatsächlich uralt: Ihre Fossilien reichen bis ins frühe Devon zurück, also rund 400 Millionen Jahre. Ihr Körperbau hat sich seitdem nur wenig verändert.

Lange hieß es, Triops cancriformis sei mit über 220 Millionen Jahren die älteste noch lebende Tierart der Welt. Grundlage waren Fossilien aus der Trias, die man dieser Art zugeordnet hatte. Neuere Forschung stellt das in Frage:

  • Genetische Studien zeigen, dass sich die heutigen Triops- und Lepidurus-Arten viel später aufgespalten haben. Nach einer Studie von 2013 trennten sich die beiden Gattungen vor etwa 184 Millionen Jahren. Vor rund 73 Millionen Jahren nahm die Entstehung neuer Arten deutlich zu, ein großer Teil der heutigen Vielfalt ist also vergleichsweise jung.
  • Eine Neuuntersuchung der berühmten Trias-Fossilien aus den Vogesen in Frankreich ergab 2024, dass sie zu einer eigenen, ausgestorbenen Art gehören, die nicht einmal zur Familie der Triopsidae zählt.

Urzeitkrebse sehen also ihren Vorfahren aus der Urzeit sehr ähnlich. Die heutigen Arten selbst sind aber jünger als lange angenommen.

Gefährdung und Schutz

In Deutschland sind Urzeitkrebse sehr selten geworden. In der Roten Liste Deutschlands von 2016 sind alle heimischen Arten als gefährdet eingestuft, von „stark gefährdet“ bis „ausgestorben oder verschollen“. Der Sommer-Schildkrebs gilt dort als stark gefährdet. In Bayern wurden bei einer Untersuchung 2014 von 32 bekannten Vorkommen nur noch 15 bestätigt, beim Sommer-Schildkrebs 3 von 5.

Der wichtigste Grund ist der Verlust der Lebensräume. Flüsse wurden begradigt und eingedeicht, Überschwemmungen bleiben aus, Senken werden zugeschüttet oder trockengelegt. Kleine Tümpel und Pfützen fallen kaum auf und werden deshalb leicht zerstört.

Einige heimische Urzeitkrebse wie der Sommer-Feenkrebs sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt. Fachleute bitten, Funde von Urzeitkrebsen den Naturschutzbehörden zu melden. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat den Sommer-Schildkrebs bisher nicht bewertet.

Häufige Fragen zum Urzeitkrebs

Wie alt werden Urzeitkrebse?

Die erwachsenen Krebse leben nur kurz, oft nur so lange, wie ihr Tümpel Wasser führt. Das sind meist einige Wochen bis wenige Monate. Ihre Dauereier können dagegen viele Jahre im trockenen Schlamm überdauern.

Was fressen Urzeitkrebse?

Schildkrebse wie Triops sind Allesfresser. Sie wühlen im Schlamm nach Kleinstlebewesen und fressen auch Mückenlarven, Würmer, geschwächte Kaulquappen und andere Krebse. Feenkrebse filtern dagegen winzige Nahrungsteilchen aus dem Wasser.

Gibt es Urzeitkrebse in Deutschland?

Ja, aber sie sind sehr selten. In Deutschland leben mehrere Arten, darunter der Sommer-Schildkrebs, der Frühjahrs-Schildkrebs und verschiedene Feenkrebse. Man findet sie vor allem in Flussauen, auf Truppenübungsplätzen und in Fischzuchtteichen.

Ist der Urzeitkrebs wirklich über 200 Millionen Jahre alt?

Die Gruppe der Rückenschaler ist uralt, ihre Fossilien reichen bis ins Devon zurück. Dass die heutige Art Triops cancriformis schon vor über 220 Millionen Jahren lebte, ist aber sehr unwahrscheinlich. Die bekanntesten Trias-Fossilien aus Frankreich gehören nach einer Studie von 2024 zu einer anderen, ausgestorbenen Art, und genetische Daten sprechen für ein viel jüngeres Alter der heutigen Arten.

Wie lange überleben die Eier von Urzeitkrebsen?

Die Dauereier der meisten heimischen Arten bleiben wahrscheinlich mindestens 10 Jahre schlupffähig. Sie überstehen Austrocknung und Frost. Erst wenn ihr Gewässer wieder Wasser führt und die Temperatur passt, schlüpfen die Larven.

Darf man gezüchtete Urzeitkrebse aussetzen?

Nein. Tiere aus Aquarien oder Zuchtsets gehören nicht in die Natur. Sie könnten die seltenen heimischen Bestände verdrängen. Auch heimische Urzeitkrebse sollte man nicht eigenmächtig in andere Gewässer umsetzen.

Ähnliche Tiere

Quellen