Wattwurm

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Dunkler, fast schwarzer Wattwurm liegt ausgestreckt auf nassem Sand mit kleinen Muschelschalen
Denis Barthel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Kurz erklärt

Der Wattwurm ist ein Ringelwurm, der im Wattenmeer der Nordsee in einer U-förmigen Röhre im Sand lebt. Er frisst Sand und verdaut die winzigen Lebewesen darin. Den sauberen Sand drückt er als geringelte Sandschnur wieder aus. Diese Häufchen sieht man bei Ebbe überall im Watt.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameArenicola marina
Abstammung
  • Klasse: Vielborster
  • Unterklasse: Sedentaria
  • Familie: Sandwürmer (Arenicolidae)
  • Gattung: Arenicola
  • Art: Gewöhnlicher Wattwurm
KörpergrößeMeist 10 bis 20 cm, einzelne Tiere bis 40 cm
KörpergewichtNur wenige Gramm: Weibchen aus dem niederländischen Wattenmeer wogen im Schnitt etwa 4 g
ErnährungSubstratfresser: Bakterien, Kieselalgen, winzige Tiere und Pflanzenreste im Sand
LebenserwartungMeist 3 bis 6 Jahre, Schätzungen reichen bis 10 Jahre
SozialverhaltenLebt einzeln in einer eigenen Röhre, oft 20 und mehr Tiere pro Quadratmeter
HerkunftNordostatlantik
Verbreitung Küsten des Nordostatlantiks von Spanien bis Island und Norwegen, Wattenmeer, westliche Ostsee EuropaMeer
EntdeckungErstbeschreibung 1758 durch Carl von Linné
GefährdungNE Nicht bewertet

Was ist ein Wattwurm?

Der Wattwurm (Arenicola marina) heißt auch Pierwurm. Er gehört zu den Ringelwürmern, genauer zu den Vielborstern. Mit dem Regenwurm ist er also entfernt verwandt. Seine Familie heißt Sandwürmer und umfasst weltweit etwa 30 Arten und Unterarten. Der Gattungsname Arenicola bedeutet einfach „Sandbewohner“.

Im Wattenmeer ist der Wattwurm eines der bekanntesten Tiere. Der WWF zählt ihn zusammen mit Herzmuschel, Wattschnecke, Nordseegarnele und Strandkrabbe zu den „Small Five“ des Wattenmeers. Zu sehen bekommt man den Wurm selbst allerdings selten, denn er lebt versteckt im Boden. Seine Spuren dagegen sind bei Ebbe überall zu sehen.

Aussehen und Körperbau

Größe: Die meisten Wattwürmer werden 10 bis 20 Zentimeter lang. Einzelne ältere Tiere erreichen bis zu 40 Zentimeter. Die vordere Körperhälfte ist ungefähr so dick wie ein Finger, das Hinterende ist deutlich dünner.

Gewicht: Ein Wattwurm wiegt nur wenige Gramm. Bei Untersuchungen im niederländischen Wattenmeer wogen die Weibchen im Durchschnitt etwa 4 Gramm. In manchen Lexika steht, Wattwürmer würden 40 bis 50 Gramm wiegen. Für diese Zahl gibt es aber keinen wissenschaftlichen Beleg.

Farbe: Junge Wattwürmer sind hellbraun bis rötlich braun, das Schwanzende ist oft grünlich. Mit dem Alter werden sie dunkler, manche sind fast schwarz. Das liegt an Abbauprodukten ihres roten Blutfarbstoffs, die sich im Körper einlagern.

Drei Körperabschnitte: Der Körper besteht aus mehr als 120 Segmenten. Jedes Segment ist außen noch einmal in etwa fünf Ringe unterteilt, deshalb erkennt man die Segmente nicht auf den ersten Blick.

  1. Vorderteil: Am Kopf sitzt ein Rüssel, den der Wurm ausstülpen kann. Er ist mit kleinen Noppen besetzt, an denen Sandkörner hängen bleiben. Augen oder Fühler hat der Kopf nicht. Dafür besitzt der Wattwurm zwei winzige Gleichgewichtsorgane, mit denen er sich beim Graben orientiert. Hinter dem Rüssel folgen je nach Zählweise sechs oder sieben Segmente mit feinen Borsten.
  2. Mittelteil: Die nächsten 13 Segmente tragen ebenfalls Borsten und dazu je ein Paar rote, buschige Kiemenbüschel.
  3. Schwanzteil: Das dünne Hinterende besteht aus bis zu 100 Segmenten ohne Kiemen und ohne Borsten. Dort liegen viele Sinneszellen.

Besonderes Blut: Wie der Mensch hat der Wattwurm den roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Bei ihm ist er direkt in der Blutflüssigkeit gelöst und bindet Sauerstoff besonders gut. So kommt der Wurm auch dann zurecht, wenn im Wattboden kaum Sauerstoff vorhanden ist. Wird der Sauerstoff knapp, kann er seinen Stoffwechsel auf eine Art der Energiegewinnung umstellen, die ohne Sauerstoff auskommt.

Verbreitung und Lebensraum

Der Wattwurm lebt an den Küsten des Nordostatlantiks: von Spanien über Frankreich und die Britischen Inseln bis nach Island und Norwegen. Auch in der westlichen Ostsee und sogar im Weißen Meer kommt er vor. Weitere Nachweise gibt es unter anderem von Spitzbergen, aus Grönland und von der Atlantikküste Nordamerikas. Besonders bekannt ist er aus dem Wattenmeer an der Nordseeküste der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks.

Lebensraum: Wattwürmer leben vor allem auf sandigen Flächen in der Gezeitenzone, die bei Ebbe trockenfallen. Man findet sie aber auch in Bereichen, die ständig unter Wasser liegen. Am häufigsten sind sie in feinem Sand. In sehr weichem Schlick fehlen sie, und in gröberem Sand werden sie seltener, weil sie große Körner nicht schlucken können. Der Wurm verträgt auch Wasser mit weniger Salz als in der Nordsee. Deshalb kann er in der Ostsee leben.

Wie viele gibt es? Auf gut besiedelten Sandflächen leben etwa 20 erwachsene Wattwürmer pro Quadratmeter. Rechnet man das auf das ganze Wattenmeer zwischen Den Helder in den Niederlanden und Esbjerg in Dänemark hoch, kommt man auf rund 92 Milliarden Wattwürmer. Das ist eine Hochrechnung, keine Zählung.

Hitze mag er nicht: Wattwürmer sind wärmeempfindlich. Nach Angaben der Schutzstation Wattenmeer sterben sie bei Temperaturen über 18 °C bald ab. Im Boden ist es kühler als an der Oberfläche. Trotzdem findet man im Sommer manchmal sterbende Wattwürmer auf dem Watt.

Die Wohnröhre

Der Wattwurm gräbt sich eine U- oder J-förmige Röhre, die je nach Größe des Wurms etwa 20 bis 40 Zentimeter tief reicht. Die Wände verklebt er mit Schleim. Im waagerechten, unteren Teil der Röhre liegt der Wurm, den Kopf nach vorn.

An der Oberfläche verrät sich die Röhre durch zwei Zeichen:

  • Fraßtrichter: Über dem Kopfende rutscht Sand nach unten. Dadurch entsteht eine kleine Mulde im Boden.
  • Kothaufen: Über dem Schwanzende liegt ein Häufchen aus geringeltem Sand, das ein bisschen wie Spaghetti aussieht.

Um zu atmen, pumpt der Wurm regelmäßig Wasser vom Schwanzende her durch seine Röhre und an seinen Kiemen vorbei. Dabei gelangt auch Sauerstoff in den Boden rund um die Röhre.

Ernährung

Der Wattwurm ist ein Substratfresser. Er frisst Sand und verdaut das, was darin und darauf lebt: Bakterien, Kieselalgen, winzige Tiere und abgestorbene Pflanzenreste. Nur etwa 1 bis 10 Prozent des Wattbodens sind solche organischen Stoffe, der Rest ist Sand. Außerdem kann der Wurm gelöste Nährstoffe aus dem Wasser direkt über seine Haut aufnehmen.

So frisst er: Mit seinem Rüssel befördert der Wurm Sand in den Darm, pro Stunde etwa einen Teelöffel voll. Kleine Körner schluckt er, größere Körner und Schalenstücke bleiben liegen. Deshalb sammelt sich unter den Röhren mit der Zeit eine Schicht aus grobem Material an.

Der Kothaufen: Der verdaute Sand sammelt sich im Hinterende. Bei großen Würmern kriecht das Tier etwa alle 40 bis 45 Minuten rückwärts bis dicht unter die Oberfläche und drückt blitzschnell eine 3 bis 5 Zentimeter lange Sandschnur heraus. Kleine Würmer tun das häufiger.

Ein fleißiger Umgraber: Ein Wattwurm frisst im Jahr bis zu 25 Kilogramm Sand. Weil so viele Würmer auf engem Raum leben, graben sie die obersten 20 bis 30 Zentimeter des Wattbodens etwa einmal im Jahr um. Fachleute nennen Tiere, die ihren Lebensraum so stark verändern, Ökosystemingenieure. Der gelockerte und mit Sauerstoff versorgte Boden bietet vielen anderen kleinen Tieren gute Lebensbedingungen.

Verhalten und Lebensweise

Wattwürmer leben einzeln, jeder in seiner eigenen Röhre. Oft bleiben sie monatelang am selben Ort. Im Lauf ihres Lebens wandern sie aber von den schlickigen Flächen nahe der Küste hinaus auf die offeneren Sandwatten. Ältere Tiere ziehen zum Teil in Bereiche, die ständig unter Wasser liegen. Solche Wanderungen hat man kaum beobachtet. Forschende vermuten, dass die Würmer nachts schwimmen.

Spürt der Wurm Erschütterungen, zum Beispiel von Schritten, zieht er sich tiefer in die Röhre zurück. Nach Angaben der Schutzstation Wattenmeer können Wattwürmer bis zu einer Woche ohne Sauerstoff überleben.

Fortpflanzung und Entwicklung

Wattwürmer sind getrenntgeschlechtlich, es gibt also Männchen und Weibchen. Die Fortpflanzung findet im Herbst statt, im Wattenmeer vor allem im Oktober. Wann genau es losgeht, hängt vermutlich von der Wassertemperatur und von den Gezeiten ab, die wiederum mit den Mondphasen zusammenhängen. Die Tiere einer Gegend geben ihre Keimzellen dann oft innerhalb weniger Tage ab.

  1. Paarung ohne Treffen: Die Männchen pumpen ihre Spermien aus der Röhre ins Freie. Manchmal sieht man auf dem Watt kleine Pfützen davon. Die nächste Flut verteilt die Spermien.
  2. Befruchtung in der Röhre: Die Weibchen behalten ihre Eier in der eigenen Röhre. Beim Pumpen gelangen Spermien hinein und befruchten die Eier. Ein Weibchen kann über 300.000 Eizellen bilden. Danach frisst das Weibchen etwa drei bis vier Wochen lang nichts, pumpt aber weiter Wasser durch die Röhre.
  3. Larven: Die Larven sind nur etwa einen Millimeter groß und haben schon zwei Augen. Sie verlassen die Röhre schwimmend und werden von der Strömung verdriftet. Den Winter verbringen sie vermutlich in einer schützenden Schleimhülle zwischen Muschelbänken.
  4. Brutwatt: Im Frühjahr lassen sich die jungen Würmer auf schlickige Flächen weit oben in der Gezeitenzone treiben. Dort leben kaum erwachsene Wattwürmer, von denen sie sonst gefressen werden könnten. In solchen „Brutwatten“ leben bis zu 1.000 junge Würmer auf einem Quadratmeter.
  5. Umzug: Im Herbst sind die Würmer etwa ein Jahr alt und bis zu 6 Zentimeter lang. Dann ziehen sie in die tiefer gelegenen Sandwatten.

Geschlechtsreif werden Wattwürmer meist im zweiten Lebensjahr, unter guten Bedingungen manchmal schon nach einem Jahr.

Lebenserwartung: Der WWF nennt drei bis fünf Jahre, einzelne Tiere werden sechs Jahre alt. Die Schutzstation Wattenmeer gibt fünf Jahre als Durchschnitt an. Die britische Datenbank MarLIN hält fünf bis zehn Jahre für möglich. Wie alt ein Wattwurm ist, kann man ungefähr an der Dicke seiner Sandschnüre abschätzen.

Feinde und Gefährdung

Wattwürmer sind in allen Lebensabschnitten Beute für Krebse, Fische und Vögel. Gefährlich wird es für sie vor allem beim Ablegen des Kothaufens: Dann ist das Hinterende dicht unter der Oberfläche, manchmal schauen sogar Segmente heraus. Watvögel versuchen, den Wurm herauszuziehen. Bei Flut schnappen vor allem junge Schollen nach den Schwanzenden. Auch der Grüne Seeringelwurm gilt als Feind.

Trick gegen Angreifer: Packt ein Feind das Hinterende, lässt der Wattwurm die letzten Segmente einfach abreißen und zieht sich in die Tiefe zurück. Die verlorenen Segmente wachsen nicht nach. Stattdessen werden die übrigen Schwanzsegmente länger. Häufige Verluste bremsen allerdings das Wachstum des Wurms.

Köder für Angler: Wattwürmer sind ein beliebter Angelköder. Nach Angaben der Schutzstation Wattenmeer liefern Wurmgräber im dänischen Watt jedes Jahr rund 9 Millionen Würmer aus, zusammen etwa 45 Tonnen.

Gefährdung: Auf der Roten Liste der IUCN ist der Wattwurm nicht bewertet. In Deutschland gilt er nach Angaben des WWF als nicht gefährdet. Probleme machen ihm Fischerei mit Geräten, die über den Meeresboden gezogen werden, zu viele Nähr- und Schadstoffe im Wasser und das Ausgraben als Köder. Dichte Teppiche aus Grünalgen können den Boden darunter so sauerstoffarm machen, dass die Wattwürmer sterben. In strengen Eiswintern stirbt ein Teil der Würmer in ihren Röhren.

Der Schwarze Wattwurm: ein Doppelgänger

Lange hielt man alle Wattwürmer für eine einzige Art. Heute weiß man, dass es einen sehr ähnlichen Verwandten gibt: den Schwarzen Wattwurm (Arenicola defodiens), der 1993 wissenschaftlich beschrieben wurde. Er unterscheidet sich vom Gewöhnlichen Wattwurm so:

  • Er ist meist etwas dunkler, aber selten wirklich schwarz.
  • Er wird größer und gräbt tiefer, seine Röhren reichen bis etwa 70 Zentimeter hinab.
  • Er legt seine Sandschnüre als ordentliche Kringel ab statt als unordentliches Häufchen.
  • Er mag kein Trockenfallen und lebt meist im flachen Wasser unterhalb der Watten.

Sicher unterscheiden kann man die beiden nur an feinen Merkmalen, etwa an der Zahl der Ringe zwischen den vorderen Borstenpaaren.

Häufige Fragen zum Wattwurm

Wie viel wiegt ein Wattwurm?

Nur wenige Gramm. Bei Messungen im niederländischen Wattenmeer wogen Weibchen im Schnitt etwa 4 Gramm. Auch eine andere Zahl passt dazu: Neun Millionen Wattwürmer aus dem dänischen Watt wiegen zusammen etwa 45 Tonnen, das sind rund 5 Gramm pro Wurm.

Wie alt wird ein Wattwurm?

Meist drei bis sechs Jahre. Fachleute aus Großbritannien halten auch fünf bis zehn Jahre für möglich. Das Alter lässt sich grob an der Dicke der Sandschnüre schätzen, die der Wurm ausscheidet.

Wie pflanzt sich der Wattwurm fort?

Im Herbst, vor allem im Oktober, geben die Männchen ihre Spermien ins Wasser ab. Die Flut trägt sie zu den Röhren der Weibchen, in denen die Eier liegen und befruchtet werden. Die winzigen Larven schwimmen später davon und siedeln sich im Frühjahr auf schlickigen Flächen an.

Hat der Wattwurm Zähne?

Nein. Der Wattwurm hat weder Zähne noch Kiefer. Er braucht sie auch nicht, weil er nichts zerbeißt. Mit seinem ausstülpbaren Rüssel, der mit kleinen Noppen besetzt ist, nimmt er Sand auf und schluckt ihn.

Warum liegen im Watt so viele Sandhäufchen?

Jedes Häufchen ist der Kot eines Wattwurms. Der Wurm frisst Sand, verdaut die Kleinstlebewesen darin und drückt den übrig gebliebenen Sand als Schnur an der Oberfläche heraus. Nicht weit daneben liegt meist die kleine Mulde über seinem Kopf.

Kann man einen Wattwurm mit einem Regenwurm verwechseln?

Kaum. Beide sind Ringelwürmer, aber der Wattwurm lebt im Meer, hat rote Kiemenbüschel und ist vorne viel dicker als hinten. Der Regenwurm lebt an Land und hat keine Kiemen.

Ähnliche Tiere

  • Regenwurm - ein entfernter Verwandter, der an Land den Boden umgräbt
  • Blutegel - ebenfalls ein Ringelwurm
  • Austernfischer - ein Watvogel, der im Watt nach Würmern und Muscheln sucht
  • Miesmuschel - ein weiterer typischer Bewohner des Wattenmeers
  • Feuerqualle - im Sommer oft an der Nordseeküste zu finden

Quellen