Zwergflusspferd

Zuletzt aktualisiert:

Zwei Zwergflusspferde mit glatter, dunkelgrauer Haut stehen im Gras, eines davon mit weit geöffnetem Maul
Chuckupd / Wikimedia Commons / Public domain

Kurz erklärt

Das Zwergflusspferd ist ein scheuer Pflanzenfresser aus den Regenwäldern Westafrikas. Es wiegt 160 bis 275 kg und ist damit viel kleiner als das Flusspferd. Tagsüber versteckt es sich in Sümpfen und Bächen, nachts frisst es Farne, Kräuter, Blätter und Früchte. Es lebt als Einzelgänger und ist stark gefährdet, weil sein Wald abgeholzt wird.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameChoeropsis liberiensis
Abstammung
  • Klasse: Säugetiere
  • Unterklasse: Höhere Säugetiere
  • Überordnung: Laurasiatheria
  • Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
  • Familie: Flusspferde (Hippopotamidae)
  • Gattung: Choeropsis
  • Art: Zwergflusspferd
KörpergrößeKörperlänge 150 bis 175 cm, Schulterhöhe 70 bis 100 cm, dazu ein Schwanz von etwa 16 bis 20 cm
Körpergewicht160 bis 275 kg, etwa ein Sechstel eines Flusspferds; Männchen und Weibchen sind etwa gleich groß
ErnährungPflanzenfresser: Farne, Kräuter, Blätter und Triebe junger Bäume, zarte Wurzeln, Gräser und Fallobst; frisst täglich rund 6 Stunden
LebenserwartungIn freier Natur unbekannt; in Zoos im Median etwa 28 Jahre, Höchstalter in Zoos 35 bis 40 Jahre (IUCN), nach Animal Diversity Web bis 43 Jahre
SozialverhaltenEinzelgänger; nur Mutter und Jungtier oder ein Paar während der kurzen Paarungszeit sind zusammen
HerkunftWestafrika
Verbreitung Regenwälder Westafrikas (Oberguinea-Wald) in Liberia, Elfenbeinküste, Sierra Leone und Guinea, der größte Teil in Liberia; eine zweite Unterart im Nigerdelta (Nigeria) ist seit 1945 nicht mehr sicher nachgewiesen Afrika
EntdeckungErstbeschreibung 1849 durch Morton; früher als Hexaprotodon liberiensis geführt
GefährdungEN Stark gefährdet (Rote Liste der IUCN, 2015)
SonstigesBestand unbekannt; die IUCN geht vorsorglich von weniger als 2.500 erwachsenen Tieren aus, Tendenz abnehmend (Ransom et al. 2015). Im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) in Anhang II gelistet.

Ein kleiner Verwandter des Flusspferds

Das Zwergflusspferd (Choeropsis liberiensis) ist neben dem Flusspferd die einzige heute lebende Art der Familie der Flusspferde. Beide gehören zu den Paarhufern. Wie beim großen Verwandten sind die Wale die nächsten lebenden Verwandten, nicht die Schweine.

Lange Zeit stand das Zwergflusspferd unter dem Namen Hexaprotodon liberiensis in den Büchern. Eine Überprüfung der Verwandtschaft aller Flusspferde ergab 2005, dass die Gattung Hexaprotodon nur ausgestorbene Flusspferde umfasst, die meisten davon aus Asien. Seitdem trägt das Zwergflusspferd wieder den Gattungsnamen Choeropsis. Er kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa "sieht aus wie ein junges Schwein". In manchen Listen, etwa im Washingtoner Artenschutzübereinkommen, taucht der alte Name noch auf.

Fachleute unterscheiden zwei Unterarten. Die bekannte Form C. l. liberiensis lebt in Westafrika. Die zweite Unterart C. l. heslopi kam rund 1.800 Kilometer weiter östlich im Nigerdelta in Nigeria vor. Seit 1945 gibt es dort keine verlässlichen Nachweise mehr, ihr Überleben gilt als unwahrscheinlich.

Als Forschende das erste Zwergflusspferd beschrieben, hielten viele es für ein verkümmertes oder junges Flusspferd. Erst als 1911 fünf lebende Tiere nach Europa gebracht wurden, war klar, dass es sich um eine eigene Art handelt.

Aussehen und Körperbau

Größe: Ein ausgewachsenes Zwergflusspferd ist 150 bis 175 Zentimeter lang und an der Schulter 70 bis 100 Zentimeter hoch. Dazu kommt ein kurzer Schwanz von etwa 16 bis 20 Zentimetern.

Gewicht: Es wiegt 160 bis 275 Kilogramm. Das ist ungefähr ein Sechstel des Gewichts eines Flusspferds. Männchen und Weibchen sehen fast gleich aus.

Haut: Die Haut ist oben grünlich schwarz bis dunkelbraun, an den Seiten grau und am Bauch grauweiß bis fleischfarben. Sie ist fast nackt. Große Drüsen in der Haut bilden eine glänzende, bräunlich rote Absonderung, die "Blutschweiß" genannt wird. Sie schützt die empfindliche Haut vor der Sonne. Bei starker Anstrengung, etwa beim Rennen oder bei der Paarung, bildet das Tier mehr davon.

Zähne: Das Zwergflusspferd hat 34 Zähne. Die Eckzähne wachsen das ganze Leben lang nach. Trotz seines früheren Namens Hexaprotodon, der auf sechs Vorderzähne anspielt, hat es oben nur zwei Paar und unten ein Paar Schneidezähne.

Woran erkennt man den Unterschied zum Flusspferd?

MerkmalZwergflusspferdFlusspferd
Gewicht160 bis 275 kgim Mittel etwa 1.385 kg (Weibchen) bis 1.546 kg (Männchen)
Lebensraumdichter RegenwaldFlüsse und Seen mit Grasland
Augeneher seitlich am Kopfoben auf dem Kopf
Beine und Halsim Verhältnis längerkürzer
Kopfim Verhältnis kleiner und runderim Verhältnis größer
Rückenfällt nach vorn abgerade
Zehengespreizt, kaum Schwimmhäutemit mehr Schwimmhaut
ZusammenlebenEinzelgängergesellig in Gruppen

Viele dieser Merkmale helfen dem Zwergflusspferd an Land. Der nach vorn abfallende Rücken erleichtert es, sich durch dichtes Unterholz zu schieben. Sein Skelett ist leichter gebaut, und es verbringt mehr Zeit an Land als das Flusspferd. Mit ihm gemeinsam hat es Muskeln, mit denen es Ohren und Nasenlöcher unter Wasser verschließen kann.

Verbreitung und Lebensraum

Zwergflusspferde gibt es nur in Westafrika, im sogenannten Oberguinea-Wald. Heute leben sie in vier Ländern: Liberia, Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire), Sierra Leone und Guinea. Liberia liegt in der Mitte des Verbreitungsgebiets und hat noch die größten zusammenhängenden Tieflandwälder. In den anderen drei Ländern leben Zwergflusspferde vor allem nahe der Grenze zu Liberia.

Früher war das Verbreitungsgebiet deutlich größer. Viele Vorkommen sind verschwunden, die übrigen liegen oft weit auseinander. Wichtige Gebiete sind der Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste, das größte Schutzgebiet mit Zwergflusspferden, und der Sapo-Nationalpark in Liberia.

Zwergflusspferde bewohnen Tieflandregenwälder in der Nähe von Flüssen, Bächen und Sümpfen mit Raphiapalmen. Besonders wichtig sind kleine Bäche mit umgestürzten Bäumen, Wurzelhöhlen und sumpfige Senken mit dichter Bodenvegetation. Offenes Gelände meiden sie. Im Verbreitungsgebiet des großen Flusspferds kommen sie kaum vor, nur an wenigen Stellen könnten beide Arten früher zusammen gelebt haben.

Ernährung

Das Zwergflusspferd ist ein reiner Pflanzenfresser. In freier Natur frisst es Farne, zarte Wurzeln, Gräser, Kräuter, Stängel und Blätter junger Bäume sowie heruntergefallene Früchte. In Liberia bevorzugt es eine kleine, kriechende Pflanze der Gattung Geophila, die dort "Deewinkon" heißt. Gras frisst es deutlich weniger als das Flusspferd.

Am Waldrand frisst es manchmal auch auf Feldern, etwa Blätter von Süßkartoffeln, Maniok oder junge Reispflanzen. Als echter Schädling gilt es trotzdem nicht. Um an Farne in Palmen heranzukommen, stellt es sich auf die Hinterbeine und stützt die Vorderbeine am Stamm ab.

Zwergflusspferde fressen etwa 6 Stunden am Tag, meist zwischen dem Nachmittag und Mitternacht. Ihr Magen hat vier Kammern. In den ersten drei Kammern zersetzen Mikroorganismen die faserige Pflanzennahrung. Wiederkäuen wie eine Kuh können sie aber nicht.

Verhalten und Lebensweise

Zwergflusspferde sind Einzelgänger. Man sieht sie nur zu zweit, wenn eine Mutter ihr Junges dabeihat oder sich ein Paar für kurze Zeit zur Paarung trifft. Treffen zwei Tiere aufeinander, beachten sie sich meist einfach nicht.

Sie sind überwiegend nachts aktiv. Bei einer Untersuchung mit Sendern in der Elfenbeinküste waren die Tiere vor allem vom späten Nachmittag bis Mitternacht unterwegs. Wildkameras in Liberia und Sierra Leone zeigen aber, dass sie auch die ganze Nacht und manchmal am Tag aktiv sind. Den Tag verbringen sie versteckt in Sümpfen, Suhlen oder Höhlungen unter Bachufern. Ihre Schlafplätze an Land wechseln sie ein- bis zweimal pro Woche.

Trampelpfade: Zwergflusspferde nutzen feste Wege und tunnelartige Pfade durch den Wald und die Sümpfe. Beim Koten wedeln sie kräftig mit dem Schwanz und verteilen den Kot entlang der Pfade. So zeigen sie anderen Zwergflusspferden, dass sie da sind.

Streifgebiet: Bei der Sender-Studie nutzten die Weibchen Gebiete von 40 bis 60 Hektar, die sich überlappten. Das einzige untersuchte Männchen nutzte etwa 150 Hektar und legte rund 2 Kilometer am Tag zurück. Ein Weibchen wanderte höchstens 900 Meter weit. In der Regenzeit von Mai bis September verteilen sich die Tiere nach Berichten von Jägern über größere Flächen.

Meist sind Zwergflusspferde still. Gelegentlich schnauben, grunzen, zischen oder quieken sie. Bei Gefahr flüchten sie ein kurzes Stück ins Dickicht oder ins Wasser und verstecken sich dort.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Über die Fortpflanzung in freier Natur ist kaum etwas bekannt. Fast alles Wissen stammt aus Zoos. Dort können Zwergflusspferde zu jeder Jahreszeit Junge bekommen. Ein Weibchen ist im Schnitt alle 35,5 Tage für 24 bis 48 Stunden paarungsbereit. Die Paarung findet an Land oder im Wasser statt.

Nach einer Tragzeit von durchschnittlich 188 Tagen kommt meist ein einzelnes Kalb zur Welt. Es wiegt bei der Geburt 4,5 bis 6,2 Kilogramm. Zwillinge sind sehr selten, sie kommen etwa bei einer von 200 Geburten vor. Anders als beim Flusspferd wird das Junge an Land geboren.

Das Kalb folgt seiner Mutter nicht sofort. Sie lässt es an einem versteckten Platz zurück, etwa in einem ruhigen Tümpel, und kommt immer wieder zum Säugen vorbei. Erst mit 3 bis 5 Monaten läuft das Junge mit. Mit etwa drei Monaten frisst es auch Pflanzen, mit 6 bis 8 Monaten wird es entwöhnt. Geschlechtsreif werden Zwergflusspferde mit 3 bis 5 Jahren. In Zoos sind sie mit drei Jahren ausgewachsen.

Feinde und Gefährdung

Ein erwachsenes Zwergflusspferd kann vor allem dem Leoparden und dem Nilkrokodil zum Opfer fallen. Junge Tiere werden auch von Afrikanischen Goldkatzen, Afrikanischen Zibetkatzen und Felsenpythons erbeutet.

Die größte Gefahr ist aber der Mensch. Die Rote Liste der IUCN stuft das Zwergflusspferd als stark gefährdet (EN, 2015) ein. Die Gründe:

  • Abholzung: Wälder werden für Holz gefällt, in Felder und Plantagen für Kautschuk, Kaffee und Ölpalmen umgewandelt oder besiedelt. Dazu kommen neue Bergwerke. Nach Berechnungen der IUCN gingen in zwei Generationen (26 Jahren) rund 15 Prozent des Waldes im Verbreitungsgebiet verloren.
  • Zerstückelte Wälder: Die verbliebenen Wälder sind in kleine Stücke zerteilt. Kleine, abgeschnittene Bestände sterben leichter aus.
  • Jagd: Zwergflusspferde werden wegen ihres Fleisches gejagt, oft nebenbei von Buschfleischjägern. Durch neue Wege in den Wald kommen Jäger leichter hinein.
  • Wenig Schutz: In allen vier Ländern ist die Art gesetzlich geschützt. Es fehlt aber an Personal und Geld, um den Schutz durchzusetzen.

Wie viele Zwergflusspferde gibt es noch?

Das weiß niemand genau. 1993 schätzte die IUCN den Bestand auf "höchstens ein paar Tausend", später wurde daraus die oft zitierte Zahl von 2.000 bis 3.000 Tieren. Für den Taï-Nationalpark kamen Forschende auf höhere Werte: rund 10.000 Tiere in den Jahren 1982 bis 1986, die bis 1997 auf etwa 5.000 zurückgingen. Selbst wenn man die alte Schätzung verdoppelt, gibt es nach Einschätzung der IUCN wahrscheinlich weniger als 2.500 erwachsene Tiere. Der Bestand nimmt ab.

In Zoos lebten Ende 2013 laut internationalem Zuchtbuch 353 Zwergflusspferde in 133 Einrichtungen. Allerdings gibt es dort zu wenige junge Tiere und deutlich mehr Weibchen als Männchen.

Häufige Fragen zum Zwergflusspferd

Wie groß und schwer wird ein Zwergflusspferd?

Ein Zwergflusspferd ist 150 bis 175 Zentimeter lang und 70 bis 100 Zentimeter hoch. Es wiegt 160 bis 275 Kilogramm. Ein Flusspferd ist ungefähr sechsmal so schwer.

Wo lebt das Zwergflusspferd?

Es lebt nur in Westafrika, in den Regenwäldern von Liberia, der Elfenbeinküste, Sierra Leone und Guinea. Dort hält es sich in der Nähe von Bächen, Flüssen und Sümpfen auf. Die meisten Tiere leben in Liberia.

Was frisst ein Zwergflusspferd?

Nur Pflanzen: Farne, Kräuter, Blätter, Triebe, Wurzeln, Gräser und heruntergefallene Früchte. Es frisst etwa sechs Stunden am Tag, vor allem am Abend und in der Nacht.

Ist das Zwergflusspferd ein junges Flusspferd?

Nein. Es ist eine eigene Art mit eigener Gattung. Auch ausgewachsene Zwergflusspferde bleiben viel kleiner als Flusspferde. Früher hielten manche Forschende es tatsächlich für ein junges oder verkümmertes Flusspferd, bis 1911 lebende Tiere nach Europa kamen.

Lebt das Zwergflusspferd im Wasser?

Nur zum Teil. Es ruht tagsüber gern in Sümpfen, Suhlen und Bächen und kann Ohren und Nasenlöcher unter Wasser verschließen. Zum Fressen geht es aber an Land, und es ist stärker an das Leben im Wald angepasst als das Flusspferd. Zwischen seinen Zehen hat es kaum Schwimmhäute.

Warum ist das Zwergflusspferd gefährdet?

Vor allem, weil sein Regenwald abgeholzt und in Felder, Plantagen und Siedlungen umgewandelt wird. Außerdem wird es wegen seines Fleisches gejagt. Die IUCN stuft es seit 2006 als stark gefährdet ein.

Ähnliche Tiere

  • Flusspferd - der große Verwandte, bis zu sechsmal so schwer
  • Tapir - lebt nach Angaben des San Diego Zoo ökologisch ähnlich wie das Zwergflusspferd
  • Okapi - ein weiterer heimlicher Paarhufer aus Afrikas Regenwäldern
  • Wildschwein - erinnert äußerlich etwas an das Zwergflusspferd, ist aber nicht eng verwandt
  • Blauwal - Wale sind die nächsten lebenden Verwandten der Flusspferde

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Zwergflusspferd
1,5 bis 1,75 m

Mit 1,5 bis 1,75 m gehört das Zwergflusspferd zu den größeren Tieren in unserem Lexikon. Ein Kind (1,2 m) ist dagegen kleiner, während ein Erwachsener mit 1,8 m noch etwas an Größe drauflegt.

Gewichtsvergleich

🪙1-Euro-Münze
7,5 g
🍫Tafel Schokolade
100 g
⚽Fußball
430 g
🧒Kind
25 kg
🧑Erwachsener
75 kg
🚗Auto
1,5 t
🚌Schulbus
12 t
▼Zwergflusspferd
160 bis 275 kg

Ein Zwergflusspferd bringt 160 bis 275 kg auf die Waage. Das ist schwerer als ein Erwachsener (75 kg), aber leichter als ein Auto (1,5 t). Anders ausgedrückt: Das Zwergflusspferd wiegt so viel wie etwa 3 Erwachsene.