Hundertfüßer

Zuletzt aktualisiert:

Gemeiner Steinläufer (Lithobius forficatus) mit glänzend rotbraunem, gegliedertem Körper, vielen Beinpaaren und langen Fühlern auf morschem Holz
Frank Vassen / Wikimedia Commons / CC BY 2.0

Kurz erklärt

Hundertfüßer sind flinke, meist nachtaktive Räuber mit vielen Beinen. An jedem Körperring tragen sie ein Beinpaar, das vorderste Paar ist zu giftigen Klauen umgebaut, mit denen sie Beute fangen. Weltweit gibt es über 3.000 Arten, in Deutschland 58. Für Menschen sind die heimischen Arten ungefährlich, auch der Spinnenläufer, der manchmal durch Wohnungen huscht.

Steckbrief

Wissenschaftl. NameChilopoda
Abstammung
  • Klasse: Hundertfüßer (Chilopoda)
KörpergrößeJe nach Art sehr unterschiedlich: heimische Steinläufer bis 3,5 cm (Gemeiner Steinläufer) oder 4,5 cm (Polybothrus fasciatus), Spinnenläufer bis 2,6 cm; der Riesenskolopender (Scolopendra gigantea) aus Brasilien bis 27 cm
ErnährungRäuber: heimische Arten fressen vor allem kleine, weichhäutige Tiere wie Spinnen, Asseln, Springschwänze und Würmer; weltweit werden auch Insekten, Krebstiere, Schnecken, Amphibien, Reptilien und sogar Säugetiere erbeutet
SozialverhaltenBei Skolopendern und Erdläufern bewachen die Weibchen ihre Eier und kümmern sich um die Jungtiere; Spinnenläufer und Steinläufer legen einzelne Eier
HerkunftWeltweit
Verbreitung Auf allen Kontinenten außer der Antarktis; in Deutschland 58 etablierte Arten in Bodenstreu, unter Steinen und Rinde, im Boden und an Gebäuden
SonstigesGruppenseite: Die Rote Liste bewertet die Arten einzeln. In Deutschland gelten 6 von 58 Arten als bestandsgefährdet, der Meeres-Hundertfüßer (Strigamia maritima) ist vom Aussterben bedroht (Rote Liste 2026).

Was sind Hundertfüßer?

Hundertfüßer (Chilopoda), auch Giftfüßer genannt, sind Gliederfüßer mit einem langen, in viele gleichartige Ringe gegliederten Körper. Zusammen mit den Doppelfüßern, Zwergfüßern und Wenigfüßern bilden sie die Gruppe der Tausendfüßer (Myriapoda). Weltweit sind über 3.150 Arten beschrieben, in Deutschland leben 58 etablierte Arten.

Hundertfüßer gibt es auf allen Kontinenten außer der Antarktis. Sie sind eine uralte Tiergruppe: Fossilien belegen sie seit mindestens 420 Millionen Jahren. Ihr Giftapparat gehört zu den ältesten Giftsystemen aller Landtiere.

Fünf Ordnungen: Fachleute teilen die Hundertfüßer in fünf Gruppen ein:

  • Spinnenläufer (Scutigeromorpha) mit sehr langen, dünnen Beinen
  • Steinläufer oder Steinkriecher (Lithobiomorpha), in Mitteleuropa unter Steinen und Rinde häufig
  • Craterostigmomorpha, nur zwei Arten in Tasmanien und Neuseeland
  • Erdläufer (Geophilomorpha), dünn, lang und augenlos, leben im Boden
  • Skolopender (Scolopendromorpha), zu denen die größten Hundertfüßer gehören

Hat ein Hundertfüßer wirklich hundert Beine?

Meistens nicht. Je nach Art haben Hundertfüßer zwischen 15 und 191 Beinpaaren. Spinnenläufer und Steinläufer haben immer 15 Beinpaare, Skolopender meist 21, seltener 23. Bei den Erdläufern schwankt die Zahl selbst innerhalb einer Art, sie haben 31 bis über 180 Beinpaare.

Eine Besonderheit: Die Zahl der beintragenden Körperringe ist immer ungerade. Genau 100 Beine, also 50 Paare, kann ein Hundertfüßer deshalb gar nicht haben.

Aussehen und Körperbau

Körper: Hundertfüßer sind lang gestreckt und meist flach. Jeder Rumpfring trägt genau ein Beinpaar, nur die letzten Ringe nicht. Atmen können sie über ein Röhrensystem, die Tracheen.

Giftklauen: Das wichtigste Merkmal aller Hundertfüßer sitzt direkt hinter dem Kopf. Das erste Beinpaar des Rumpfes ist zu kräftigen, spitzen Giftklauen umgebaut, auch Kieferfüße genannt. Sie sehen aus wie eine Zange und liegen von unten über den Mundwerkzeugen. In ihnen sitzt eine Giftdrüse, die nahe der Spitze mündet. Mit den Giftklauen packen Hundertfüßer ihre Beute und lähmen sie.

Kopf und Augen: Am Kopf sitzt ein Paar Fühler. Die meisten Hundertfüßer haben seitlich am Kopf Gruppen von einfachen Augen, bei manchen Steinläufern bis zu 40 Linsen auf jeder Seite. Erdläufern und einigen Skolopendern fehlen Augen ganz. Spinnenläufer haben dagegen große Komplexaugen. Unter allen Tausendfüßern sind sie die einzigen mit solchen Augen.

Das letzte Beinpaar ist oft anders gebaut als die übrigen Beine. Es dient je nach Art als Tastorgan oder zur Verteidigung.

Größe: Die meisten heimischen Arten sind nur wenige Zentimeter lang. Der Gemeine Steinläufer (Lithobius forficatus) wird bis 3,5 cm lang, der größte Steinläufer bei uns, Polybothrus fasciatus, 4,5 cm. Der Erdläufer Geophilus longicornis misst bis 4 cm und hat bis zu 57 Beinpaare. In Südeuropa lebt der bis 17 cm lange Skolopender Scolopendra cingulata. Der Riesenskolopender Scolopendra gigantea aus Brasilien erreicht sogar 27 cm.

Unterschied zwischen Hundertfüßern und Doppelfüßern

Hundertfüßer werden oft mit den Doppelfüßern verwechselt, die ebenfalls zu den Tausendfüßern gehören. Die beiden Gruppen unterscheiden sich aber deutlich:

MerkmalHundertfüßerDoppelfüßer
Beineein Beinpaar pro Körperringzwei Beinpaare pro Körperring
Giftklauenjanein
ErnährungRäubervor allem abgestorbene Pflanzen, Algen und Pilze
Rolle im Bodenregulieren ihre Beutetierezersetzen totes Pflanzenmaterial
Arten in Deutschland58124

Weil Doppelfüßer an jedem Ring zwei Beinpaare tragen, haben sie meist sogar mehr Beine als typische Hundertfüßer. Wirklich tausend Beine hat in Deutschland keine Art.

Verbreitung und Lebensraum

Hundertfüßer leben auf allen Kontinenten außer der Antarktis. In Deutschland findet man sie vor allem in der Bodenstreu, unter Steinen, Rinde und Totholz. Der Gemeine Steinläufer kommt fast überall unter Steinen und Rinde vor. Erdläufer leben in der Erde, bis in 40 cm Tiefe.

Manche Arten sind auf feuchte und kühle Lebensräume angewiesen. Am Kopf haben Steinläufer und Spinnenläufer ein kleines Sinnesorgan, das vermutlich die Luftfeuchtigkeit misst. Eine Art lebt sogar an der Küste: Der Meeres-Hundertfüßer (Strigamia maritima) kommt an der Nordseeküste zwischen Geröll und Steinen vor. Lange war unklar, ob er in Deutschland dauerhaft lebt, erst gezielte Suchen brachten mehrere aktuelle Nachweise.

Ernährung und Jagd

Alle Hundertfüßer sind Räuber. Die heimischen Arten jagen nachts in der Bodenstreu vor allem kleine Tiere mit relativ weicher Haut, etwa Spinnen, Asseln, Springschwänze und Würmer. Weltweit fressen Hundertfüßer auch Insekten, Krebstiere, Schnecken und sogar Amphibien, Reptilien und Säugetiere.

Jagdmethoden: Spinnenläufer lauern ihrer Beute auf oder verfolgen sie in schnellem Lauf. Die anderen Hundertfüßer erbeuten eher, was ihnen zufällig über den Weg läuft. Mit den Giftklauen packen sie zu und spritzen Gift in die Beute. Bei wirbellosen Tieren führt der Biss rasch zur Lähmung. Danach dienen die Giftklauen beim Fressen als zusätzliches Mundwerkzeug.

Verhalten und Verteidigung

Hundertfüßer sind lichtscheu und meist nachts aktiv. Tagsüber verstecken sie sich. Bei Gefahr haben sie verschiedene Tricks:

  • Flucht: Fast alle Hundertfüßer laufen sehr schnell, nur Erdläufer sind langsam. Spinnenläufer schaffen bei 2 bis 3 cm Körperlänge bis zu 50 cm pro Sekunde.
  • Biss: Größere Arten wehren sich mit den Giftklauen.
  • Zange am Hinterende: Steinläufer und Skolopender kneifen mit ihren umgebauten letzten Beinen.
  • Klebstoff und Abwehrsaft: Steinläufer sondern an den letzten Beinen ein klebriges Sekret ab, das Ameisen und Spinnen abwehrt. Erdläufer haben Wehrdrüsen an der Bauchseite.
  • Falscher Kopf: Bei manchen tropischen Skolopendern ist das Hinterende so auffällig gefärbt wie der Kopf. So täuschen sie Angreifern einen zweiten Kopf vor.

Fortpflanzung und Entwicklung

Paarung ohne direkten Kontakt: Das Männchen gibt seine Spermien in einem Päckchen ab, der Spermatophore. Viele Arten spinnen dafür vorher ein kleines Gespinst, zum Beispiel Steinläufer, Erdläufer und Skolopender. Durch ein teilweise aufwendiges Paarungsverhalten bringt das Männchen das Weibchen dazu, das Päckchen aufzunehmen.

Eier und Brutpflege: Spinnenläufer und Steinläufer legen ihre Eier einzeln ab. Weibchen der Skolopender und Erdläufer legen dagegen mehrere Eier auf einmal, bewachen sie und kümmern sich auch noch um die frisch geschlüpften Jungtiere.

Wachsen mit jeder Häutung: Hundertfüßer häuten sich häufig. Bei Spinnenläufern und Steinläufern schlüpfen die Jungtiere mit weniger Körperringen und Beinen als die Erwachsenen. Mit jeder Häutung kommen neue hinzu. Bei Erdläufern und Skolopendern haben die Jungtiere schon beim Schlüpfen alle Körperringe.

Der Spinnenläufer in der Wohnung

Der Spinnenläufer (Scutigera coleoptrata) ist der Hundertfüßer, den man am ehesten im Haus sieht. Im Englischen heißt er "house centipede", also Haus-Hundertfüßer, weil er so häufig in und an Gebäuden lebt. Ursprünglich stammt er aus dem Mittelmeerraum. In Deutschland kommt er vor allem im Südwesten vor und gilt als etablierte, ungefährdete Art.

Aussehen: Er wird bis 2,6 cm lang und hat 15 Paar extrem lange, dünne Beine. Seine großen Komplexaugen sind unter den Tausendfüßern einzigartig.

Gefährlich? Nein. Spinnenläufer jagen kleine Insekten und Spinnen. Wie alle Hundertfüßer flüchten sie lieber, als anzugreifen. Fasst man einen an, kann er zubeißen, ernste Folgen haben Hundertfüßer-Bisse aber nur selten.

Sind Hundertfüßer gefährlich?

Der Biss eines Hundertfüßers kann schmerzhaft sein. Schwere Folgen sind aber selten, die meisten Bisse werden gar nicht gemeldet. Weil Hundertfüßer lieber flüchten, treffen die meisten Bisse Hände oder Füße. Fast alle gemeldeten Bisse stammen von Skolopendern. Ihr Biss wirkt oft wie ein Bienenstich, kann aber auch zu abgestorbenem Gewebe führen. Todesfälle durch Hundertfüßer sind äußerst selten und meist nicht sicher belegt.

Die großen Skolopender der Gattung Scolopendra leben in Deutschland nicht dauerhaft. Gemeldete Bisse von Steinläufern sind eine große Ausnahme.

Gefährdung und Schutz

Hundertfüßer und Doppelfüßer sind wichtig für gesunde Böden. Hundertfüßer halten die Zahl ihrer Beutetiere in der Bodenstreu im Gleichgewicht.

Rote Liste: In der Roten Liste Deutschlands von 2026 wurden alle 58 etablierten Hundertfüßerarten bewertet. Die meisten, 44 Arten (rund 76 Prozent), sind ungefährdet. 6 Arten gelten als bestandsgefährdet: Der Meeres-Hundertfüßer ist vom Aussterben bedroht, 5 weitere Arten sind gefährdet. Drei Arten sind von Natur aus extrem selten.

Bedrohungen: Gefährlich für Hundertfüßer ist vor allem der Verlust von Lebensräumen wie Trockenrasen, Heiden, Mooren, Auenwäldern und Mischwäldern mit viel Totholz. Auch Pestizide, Dünger und der Klimawandel schaden ihnen, vor allem Arten, die es feucht und kühl mögen.

Schutz: Die Fachleute empfehlen, strukturreiche Lebensräume zu erhalten und durch Korridore miteinander zu verbinden.

Häufige Fragen zum Hundertfüßer

Hat ein Hundertfüßer wirklich 100 Beine?

Nein. Hundertfüßer haben je nach Art 15 bis 191 Beinpaare. Die Zahl der Beinpaare ist immer ungerade, genau 50 Paare und damit 100 Beine sind also unmöglich.

Was ist der Unterschied zwischen Hundertfüßer und Tausendfüßer?

"Tausendfüßer" ist der Oberbegriff für Hundertfüßer, Doppelfüßer und zwei kleinere Gruppen. Hundertfüßer haben ein Beinpaar pro Körperring und Giftklauen und sind Räuber. Doppelfüßer haben zwei Beinpaare pro Körperring und fressen vor allem abgestorbene Pflanzen.

Sind Hundertfüßer giftig?

Ja, alle Hundertfüßer haben Giftklauen, mit denen sie Beute lähmen. Für Menschen sind die heimischen Arten aber ungefährlich. Bisse großer tropischer Skolopender können sehr schmerzhaft sein, sind aber nur sehr selten gefährlich.

Ist der Spinnenläufer im Haus gefährlich?

Nein. Der Spinnenläufer frisst kleine Insekten und Spinnen und flüchtet vor Menschen. Zubeißen kann er höchstens, wenn man ihn anfasst.

Was fressen Hundertfüßer?

Sie fressen andere Tiere, vor allem Spinnen, Asseln, Springschwänze, Würmer und Insekten. Manche Arten fangen sogar Amphibien, Reptilien und Säugetiere.

Wie groß werden Hundertfüßer?

Heimische Arten werden meist nur wenige Zentimeter lang, der Gemeine Steinläufer bis 3,5 cm. Der Riesenskolopender aus Brasilien erreicht sogar 27 cm.

Ähnliche Tiere

  • Tausendfüßler - die Gesamtgruppe der Tausendfüßer
  • Doppelfüßer - die Pflanzenzersetzer mit zwei Beinpaaren pro Ring
  • Landassel - lebt ebenfalls in der Bodenstreu und ist Beute der Hundertfüßer
  • Spinnen - Beute und Konkurrenten der Hundertfüßer
  • Skorpion - ein weiterer giftiger Gliederfüßer, der nachts jagt

Quellen

Größenvergleich

🪙1-Euro-Münze
2,3 cm
⚽Fußball
22 cm
🧒Kind
1,2 m
🧑Erwachsener
1,8 m
🏠Haus
10 m
▼Hundertfüßer
27 cm

Der Hundertfüßer wird 27 cm groß - eher kompakt. Auf unserer Größenskala liegt er zwischen einem Fußball (22 cm) und einem Kind (1,2 m). Ein Kind übertrifft den Hundertfüßer aber noch um das 4-Fache.